Gelassen die Überforderung genießen

Natürlich ist das alles zu viel. Nicht unbedingt die gut 600 Seiten, aber die Dichte dessen, was auf ihnen steht. Ein atemberaubendes Tempo, eine gigantische Verschwörung, ein sehr bedeutsames Thema, ein irrer Spaß. Wer das zusammenbringt? Thomas Pynchon. Natürlich. Der 77-jährige sprudelt nur so vor jugendlicher Energie.

„Bleeding Edge“ heißt der neue Roman des kultisch verehrten und darum (oder umgekehrt?) versteckt lebenden US-Autors. Das ist die Bezeichnung für eine Technologie, die noch so neu ist, dass sie nicht zuverlässig funktioniert oder deren Nutzen noch nicht ganz absehbar ist. Bei der könnte es sich ums Internet handeln, denn die Handlung spielt von Sommer 2001 bis Frühjahr 2002. In New York. Im zeitlichen Zentrum liegen also die Angriffe vom 11. September, die im Text nur kurz erwähnt werden, aber die gesamte Atmosphäre prägen.

Schon vorher. Denn die jüdische, wohlhabende, geschiedene, gerne bewaffnete Wirtschaftsdetektivin Maxine Tarnow, zwei schulpflichtige Kinder, stößt bei ihren Ermittlungen um undurchsichtige Start-ups und Finanzbetrug auf das verborgene Deep Web, in dem zweite Leben möglich scheinen, auf verdächtige Geldflüsse auf arabische Konten. Und wer hat ihr das Video geschickt, auf dem vermummte Männer auf einem Hochhausdach Raketenwerfer testen. Wie sind Mossad, CIA und Russen-Mafia verwickelt?

Maxine gibt sich Mühe, hat aber durchaus noch andere Verpflichtungen. Freundinnen, Shoppen, Affären. Dann taucht der Ex-Mann wieder auf. Die Schwester kehrt aus Israel zurück. Alles könnte mit allem zu tun haben, muss aber nicht. Da mitzukommen, wäre schon anspruchsvoll genug. Doch Pynchon ist anderes noch viel wichtiger: pausenlos pointengespickte Dialoge, ein Sammelsurium der Stile und der Moden der Zeit nach dem Platzen der Dotcom-Blase, ein Universum der popkulturellen Anspielungen. Und die Gewissheit, dass am Ende des Labyrinths keine Lösung steht.

Das klingt anstrengend. Und könnte es auch sein, wenn man den Anspruch hat, alles verstehen zu wollen. Man sollte das Buch lesen, wie man auf eine richtig gute Party geht. Da hört man mal da zu und mal dort, ist mal mehr interessiert und mal weniger, schaut manchmal nur zu, ist manchmal mitten drin, genießt die Musik, kann sich am nächsten Morgen nicht mehr an alles erinnern, hat aber eine bereichernde Erfahrung gemacht und sehr viel Spaß gehabt.

Und nur wenn man wirklich will, darf man auch konstatieren, dass unser heutiges, atemloses Leben ohne Zentrum und mit schwer durchschaubarer Bedeutung in diesem historischem Roman bewundernswert erfasst ist.


T.