Flirrende Buntheit und viel weißer Puder

Mindelo..  Der Karneval in Rio ist berühmt, auch der in Venedig oder in Köln. Wer jedoch hat die tollen Tage schon einmal in einer der südlichsten europäischen Karnevalshochburgen gefeiert – etwa in Mindelo auf São Vicente, der vom Tourismus noch nicht wirklich entdeckten zweit-nördlichsten Insel der Kapverden?

Von der Terrasse des kleinen Straßencafés aus, das zwischen Markthalle und Gouverneurspalast liegt, haben wir einen Logenplatz zur Beobachtung der verschiedenen Karnevalszüge. Sie beginnen schon am Freitag mit den Umzügen der Kinder aus den Vor- und Grundschulen und steigern sich in ihrer Pracht bis Rosenmontag und Dienstag, wenn die Sambaschulen ihren Wettkampf austragen.

Die kostümierten Kinder

Für die Kostüme der Kinder wird nicht viel Aufwand betrieben, auch wenn auf einheitliche Farben geachtet wird. So tanzen kostümierte Kinder oft barfuß oder mit löchrig durchgelaufenen Strümpfen unverdrossen fröhlich die Straße entlang. Akzentuiert von zusätzlichen Signalen ihrer Trillerpfeifen dirigieren Lehrer mit weißen Handschuhen ihre Batucada-Gruppen und geben den wild trommelnden Jungen zugleich mit den Händen die unterschiedlichen Rhythmusfolgen vor. Ein Gespräch zu führen ist bei dem ohrenbetäubenden Lärm nicht mehr möglich, so sehen wir dem bunten Treiben wortlos zu.

Von der Bucht aus, an der der Zug zusammengestellt wird, zieht der Korso mit den Akrobaten, Motivwagen und Tänzern zweimal um das ganze Viertel zurück zur Bucht, massiv unterstützt durch Lautsprecher und kleine Kapellen, die auf den Motivwagen oder Anhängern musizieren. Die Musik wird für jedes Jahr, dem jeweiligen Motto gemäß, neu komponiert. Obwohl Anklänge an südamerikanische und karibische Rhythmen und Instrumentierungen deutlich herauszuhören sind, haben die Musiker auf den Kapverden einen eigenen Musikstil entwickelt.

Dann tauchen die Mandingas auf. Dies sind Gestalten, pechschwarz zu Bilderbuchkannibalen geschminkt, mit Lendenschurz aus Bast oder Blättern, mit einzelnen Knochen im Haar oder Stoffäffchen auf den Schultern. Sie drücken mit drohenden Gebärden und sich in Zuckungen wiegend die archaische Wildheit der Urbevölkerung aus.

Neben Gruppen, die Boden-Akrobatik darbieten, oder Einlagen der Kampfsportvereine zeigen Inlineskater rasante Kunstsprünge über mehrere nebeneinander auf dem Boden liegende Mitglieder ihrer Gruppe hinweg, all das inmitten des Zuges der gemächlich vorbeiziehenden Wagen.

Nicht nur bei den Akrobaten fällt die hohe Wertschätzung der körperlichen Fitness und durchtrainierter Körper auf, die mit Stolz und Vergnügen zur Schau gestellt werden. Generell scheinen athletische Körper hier sehr hohes Prestige zu genießen – und natürlich die Mitgliedschaft in einem der zahlreichen Karnevalsvereine.

Der Rosenmontag

Die Sambaschulen am Rosenmontag zeigen ein sehr professionelles Outfit. Für ihre bis zu 1000 Euro teuren prächtigen Kostüme kommen die Tänzer selbst auf, ebenso für die haushohen Aufbauten auf den Motivwagen aus Sperrholz und Pappmaché, und – mit etwas Glück – können sie damit ein stattliches Preisgeld gewinnen, von Ruhm und Ehre einmal abgesehen. Leicht bekleidete Tänzerinnen rocken unermüdlich auf den Wagen rhythmisch zur Musik und winken dem Publikum zu, wobei sie sich nur mit einer Hand an einer wackelig wirkenden Stützstange festhalten können. Der stetige Passatwind bringt spielerisch die dünnen Kostüme zum Flattern und trägt so zum Gesamtbild flirrender Buntheit bei.

Die schwarzen Sherrifs

Gelegentlich eilen Trupps von vier oder fünf schwarz gekleideten Ordnungshütern in martialischen Uniformen mit Voll-Gesichtsschutz, schlag- und schussfesten Westen und schlagringbewehrten Handschuhen durch die Menschenmenge. Sie sollen helfen, die Drogen- und Straßenkriminalität einzudämmen. Obwohl sie als brutal gelten, ist das von ihnen ausgehende Abschreckungspotenzial wohl nicht hoch genug, denn vor allem nachts und in schlecht beleuchteten Seitenstraßen passieren immer wieder Raubüberfälle – bis hin zu der höflich, aber bestimmt ausgesprochenen Aufforderung, seine Wertsachen zu übergeben. Das erfahren wir von Max, einem Deutschen, der hier seit Jahren eine kleine Charterfirma betreibt. Max ist einer der rund vierzig deutschen Einwanderer auf São Vicente.

Karneval auf den Kanaren

Wer nicht ganz so weit fahren möchte, findet auch auf den Kanaren interessante Karnevalsbräuche. Im Gegensatz zum Karneval auf den Kapverden wechselt das Motto auf La Palma nicht jährlich.

„Sie werden schon sehen“, sagt Jorge an der Hotelrezeption und greift unter die Theke, als wir ihn fragen, was er uns an den Karnevalstagen empfehlen kann. Er überreicht uns zwei Dosen polvo, Talkumpuder. „Das brauchen Sie“, sagt er, „unbedingt. Montag.“ Nun, wir werden sehen.

An besagtem Rosenmontag fallen uns auf dem Weg in die Hauptstadt Santa Cruz schon an der Bushaltestelle die vielen Frauen in weißen Kleidern auf. Blumengestecke zieren riesige weiße Hüte, wenige Farbtupfer wie Halstücher oder Schärpen sorgen für leuchtende Akzente. Sehr beliebt sind auch Sonnenschirme aus feiner Gaze. Viele tragen dicke silberne Ketten, an denen dicht an dicht Münzen klimpern. Die Männer sind ebenso einheitlich gekleidet in weiße Anzüge. Sie tragen Strohhüte. Zu ihren Accessoires gehören aus den Taschen heraushängende Geldscheine, klobige Ringe und dicke Zigarren. Oft sieht man auch abgeschabte Reisekoffer aus altem Leder mit bunten Aufklebern, die Auskunft darüber geben, wo die Reise begonnen hat: Kuba. So erklärt sich der Name dieses besonderen Karnevalsfestes: Los Indianos.

Die Spötter von La Palma

Vor etwa neunzig Jahren begann man auf La Palma, sich über die zu Vermögen gekommenen Heimkehrer aus der Karibik lustig zu machen. Sie waren in die Karibik, vor allem aber nach Kuba ausgewandert, um dort mit Zuckerrohr oder Tabak ihr Glück zu machen. Gerade in der vorrevolutionären Zeit konnte man es auf Kuba schnell zu einem großen Vermögen bringen. Steinreich waren sie nun zurückgekehrt, um in neureicher Manier bei den Daheimgebliebenen zu protzen. Diesen Zusammenhang verdeutlichen die vielen kubanischen Fähnchen und Havana-Club-Reklame-Sticker an Hüten oder Revers. Auch heute noch leben viele Palmeros oder deren Nachfahren auf der Karibikinsel.

Vor etwa zwanzig Jahren hat sich darüber hinaus der Brauch entwickelt, sich gegenseitig mit weißem polvo zu bewerfen, um sich über die Farbe Weiß noch mehr zu mokieren, denn die „feineren“ Leute konnten es sich leisten, sich gegen die Sonne zu schützen, Sonnenbräune dagegen war ein Merkmal der arbeitenden Klasse.

Die Altstadt von Santa Cruz

Als wir in der Altstadt von Santa Cruz ankommen, ist bereits jeder Quadratmeter Boden von einer weißlich-glatten Schicht bedeckt – das Kopfstein- oder Kieselpflaster, der Asphalt, auch die Pflanzen.

Auf kleinen Bühnen spielen Kapellen kubanische Musik, zu der sich spontan tanzende Paare drehen, wo immer der Platz es erlaubt.

Gerade ist eine Ladung polvo aus einer eigens konstruierten Kanone vom Format einer Regenrinne in die Luft geschossen worden. Ein Jongleur lässt fünf ehemals grüne Tennisbälle die Wolke durchwirbeln, alle inzwischen genauso weiß wie sein Gesicht und seine Hände.

Bevor wir abends das Hotel betreten, stampfen wir fest mit den Füßen auf. Kleine weiße Wolken umwehen unsere Waden und senken sich langsam auf die Fußmatte, wir sind offenbar nicht die ersten, die dies tun. Als wir an der Rezeption vorbei zu unserem Zimmer gehen, lacht Jorge. „Sieht doch gut aus“, er deutet auf unsere Haare. „Das war bestimmt eine halbe Dose.“

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