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Fast jeder zweite Gymnasiast in den Klassen 5 bis 10 nimmt Privat-Lehrer

30.04.2009 | 16:45 Uhr

Hagen. Für die einen ist es das offensichtliche Bemühen von Eltern, in der Schullaufbahn ihrer Kinder nichts unversucht zu lassen, für die anderen das Versagen des Schulsystems bei der individuellen Förderung von Jungen und Mädchen. Nachhilfeunterricht boomt in Deutschland. Auch in NRW.

Hilfe bitter nötig: Vater und Sohn am Rande des Nervenzusammenbruchs. Foto: ddp

„Der Nachhilfemarkt ist der einzige Wirtschaftssektor, der richtig gut läuft”, sagt Eberhard Kwiatkowski, Vorsitzender der Landeselternkonferenz (LEK) in NRW. Seit der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur („G8”) habe der Markt für bessere Noten stark zugenommen. Dabei sollte Nachhilfe in der Schule stattfinden, meint Kwiatkowski. „Eigentlich müssten alle kommerziellen Nachhilfeeinrichtungen geschlossen werden.”

Donnerstag zitierte die Frankfurter Rundschau aus dem Bildungsbarometer der Uni Koblenz-Landau: Fast jeder zweite Gymnasiast in den Klassen 5 bis 10 nimmt Nachhilfe. Jeder zehnte Grundschüler benötigt externe Lernhilfe.

„Es ist ein Milliardenmarkt”, sagt Werner Kinzinger von der Aktion Bildungsinformation (ABI). Wobei die Milliardensummen, die an kommerzielle Anbieter gehen und das Geld, das in die private, an der Steuer vorbei abgerechnete Nachhilfe fließt, sich in etwa die Waage hielten.

„Nachhilfe ist ein Marketingprodukt geworden, das wie Kosmetik beworben wird”, sagt Kinzinger und spricht von einem „unüberschaubaren Markt”. Jeder könne ein Nachhilfeinstitut eröffnen und eine Überwachung fehle weitgehend. Kinzinger empfiehlt das Merkblatt „Ratschläge bei Nachhilfe” (kostenlos auf www.abi-ev.de - Listen & Merkblätter).

Laut Elternvertreter Kwiatkowski hat sich die Schülernachhilfe gewandelt. Früher hätten Kinder Nachhilfe bei Problemen in bestimmten Fächern genommen, heute werde dieses Mittel selbst von guten Schülern „begleitend” in der gesamten Schulzeit genutzt. Ein Grund sei, dass Kinder in den Familien immer weniger Unterstützung fänden. „Eltern kümmern sich weniger um die Kinder”, sagt der LEK-Vorsitzende. Nachhilfe solle dies ausgleichen.

Im NRW-Schulgesetz ist das Recht der Kinder auf individuelle Förderung verankert. „Wird nicht umgesetzt”, sagt Kwiatkowski und kritisiert eine veraltete Lehrerausbildung und mangelhafte Fortbildung.

„Es ist ein Milliardenmarkt.” Werner Kinzinger

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), beobachtet, dass mit Einführung des Turboabiturs der Druck auf die Kinder erheblich zugenommen habe. „Und Eltern glauben, dass ihr Nachwuchs zur Sicherung des Sozialstatus einen möglichst hohen Schulabschluss benötigen und wollen mit Nachhilfe die Ausgangsposition verbessern.” Deshalb erhielten manche Jungen und Mädchen bereits in der Grundschule Nachhilfe. Davon hält der Verbandsfunktionär nichts: „Man muss Kinder auch Kind sein lassen und sie nicht von kleinauf unter Leistungsdruck setzen.”

Für Beckmann verstärkt das Geschäft mit den Noten die Selektivität im ohnehin selektiven Schulsystem. Bestimmte Schichten könnten sich Nachhilfe nicht leisten. Der Ausweg: Ausbau des Ganztagsunterrichts. „Dann wird Nachhilfe überflüssig.”

NRW-Schulministerin Barbara Sommer setzt ebenso auf den Ausbau von Ganztagsschulen - in allen Schulformen. „Hier haben die Lehrer mehr Zeit und Raum, die Kinder und Jugendlichen individuell zu fördern.” Zudem gebe es an vielen Schulen Tutoren-Programme, bei denen ältere Schüler den jüngeren helfen, sowie Förderstunden, um Unterrichtsstoff nachzuholen oder Lernschwächen auszugleichen. Ministerin Sommer: „Ich bin mir sicher, dass wir mit diesen bereits eingeleiteten Maßnahmen dafür sorgen werden, dass immer weniger kommerzielle Nachhilfe notwendig ist.”

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Von Rolf Hansmann

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