Entscheidung über Leben und Tod

Darf ein 17-Jähriger selbst über sein Leben und seinen Tod bestimmen? Das ist die Frage, die Fiona Maye, Familienrichterin am höchsten britischen Gericht, zu entscheiden hat. Adam ist an Leukämie erkrankt. Die Chemotherapie wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit nur mit Bluttransfusionen überleben. Aber die lehnen er und seine Eltern, Zeugen Jehovas, aus religiösen Gründen ab. Es eilt. Die Klinik muss handeln. Aber Fiona unterbricht die Verhandlung, fährt zu Adam ins Krankenhaus, lernt einen hoch intelligenten und emotional bedürftigen jungen Mann kennen. Sie trifft eine Entscheidung, wohl abgewogen, klug begründet: Adam bekommt Blut. Das Leben sei wichtiger als die Würde.

Ian McEwan hat schon in vielen Büchern gezeigt, dass er komplexe gesellschaftliche Fragestellungen in mitreißende Romane zu packen versteht. Auch in „Kindeswohl“ gelingt ihm dies eindrucksvoll und auf knappem Raum. Und natürlich ist die Geschichte mit dem Richterspruch nicht vorbei. Fionas Entscheidung hat Konsequenzen, für ihn und für sie. Sie rettet sein Leben. welche Verantwortung erwächst daraus? Auch dies ist eine dieser abstrakten moralischen Fragen die McEwan meisterhaft mit Leben füllen kann. Alle Details im Leben seiner Protagonisten sind glaubwürdig, die Beschreibungen elegant, das Tempo stimmt. Und der Autor kann noch mit weiteren spannenden Fällen aufwarten, die Fiona zu entscheiden hatte.

Nebenhandlung Ehekrise

Doch das scheint ihm nicht zu genügen. Parallel geht die Richterin durch eine Ehe- und Lebenskrise. Ihr Ehemann will noch einmal eine große Leidenschaft erleben, mit einer anderen. Und sie, 59, fragt sich, was sie noch zu erwarten hat vom Leben. Sie stürzt sich in die Arbeit. Vielleicht ist das ihr Problem, auch im Beruf, wo sie immer so perfekt erscheint: Dass sie dem Emotionen zu wenig Raum gibt.

Das führt McEwan allerdings nicht aus. So wirkt dieser Erzählstrang wie eine Konvention, nicht recht zugehörig zum Hauptthema. Und richtig warm wird man mit der Figur trotzdem nicht. Auf seine etwas kühle Art führt einen der Autor aber eindrucksvoll vor Augen, welch gewaltige Verantwortung Familiengerichte zu Schultern haben. Das macht auch diesen Roman so lesenswert.


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