Die tretende Legende

..  Eddy Merckx zuckt mit den Schultern. „Sehen sie“, sagt er, „ich bin auf diesem Planeten geboren, ich bin kein Außerirdischer. Also kann es sicher mal wieder einen geben, der so viel Ehrgeiz und Disziplin hat wie ich einst.“ Mit Verlaub, daran kann man schon zweifeln. Sein letztes Radrennen ist der Belgier am 18. Mai 1978 gefahren, also vor mehr als 37 Jahren. Am 17. Juni hat Édouard Louis Joseph Baron Merckx seinen 70. Geburtstag gefeiert, aber ein Radprofi mit seinen Fähigkeiten ist nicht in Sicht und es hat in den vergangen 37 Jahren auch keinen Rennfahrer gegeben, der es in puncto Siegeswillen und –hunger mit ihm hätte aufnehmen können. Nicht mal im Ansatz.

Eddy Merckx gewann seine Profirennen zwischen 1965 und 1978 nicht mit nüchternem Kalkül, sondern mit brutaler Energie und der Fähigkeit, sich dabei übermenschlich schinden zu können. Er fuhr immer am Anschlag, in einem großen Etappenrennen einen Vorsprung zu verwalten – man hätte ihm das nicht erklären können. Bei seiner ersten Tour de France 1969 übernahm er nach der sechsten Etappe am Ballon d’Alsace die Führung und gab sie nicht mehr her. In den Pyrenäen attackierte er im Gelben Trikot am Tourmalet und fuhr solo auf den noch 130 Kilometern bis ins Ziel knapp acht Minuten Vorsprung heraus.

Sieg mit 18 Minuten Vorsprung

Taktisch aus heutiger Sicht völliger Unsinn, aber Merckx hatte mit Taktik nie viel am Hut. Am Ende gewann er bei seiner ersten Tour neben der Gesamtwertung auch sieben Etappen, die Bergwertung und das Trikot für den besten Sprinter. Am Ende hatte er in Paris knapp 18 Minuten Vorsprung vor dem Franzosen Roger Pingeon. Normal reicht das für drei Toursiege. Mindestens. Danach nannte man ihn den Kannibalen.

Irgendwie treffend: Merckx konnte mit seinem Programm Dauerattacke Gegner körperlich zerstören. Experten behaupteten damals, dass so mancher Profi beim Versuch, das Hinterrad des Belgiers zu halten, derart über seine Grenzen gehen musste, dass dies seine Karriere um Jahre verkürzte. Merckx selbst scherte sich nicht viel um die Konkurrenz und fuhr weiter jedes Rennen als sei es sein letztes. Egal ob große Rundfahrt, Eintages-Klassiker oder kleine Kriterien in der Provinz – Eddy Merckx wollte gewinnen. Und er tat es öfter als jeder andere. Bis heute hält er zwei Tour de France-Rekorde: 111 Tage im Gelben Trikot und 34 Etappensiege. Sein Stundenweltrekord mit einem normalen Bahnrad 1972 in Mexiko (49,431 Kilometer) hielt unter vergleichbaren Bedingungen 30 Jahre.

Eddy Merckx war oft auch extrem gegen sich selbst, zeigte Härte auch gegen jede Vernunft. 1975 fuhr er bei der Tour nach einem Sturz in den Pyrenäen noch 225 Kilometer blutüberströmt weiter, obwohl er nur noch eine theoretische Chance auf den Toursieg hatte. Im Ziel stellte man einen doppelten Kieferbruch fest, aber Merckx fuhr die Tour trotzdem und trotzig zu Ende, eine Art Selbst-Kannibalismus, der ihn noch populärer machte. Siege waren ihm natürlich sehr viel lieber, und auch Eddy Merckx war kein Heiliger in Sachen Doping.

Drei positive Tests begleiten sein Karriere, der erste auf ein Aufputschmittel beim Giro d’Italia 1969 ist bis heute umstritten. Doping damals, das waren in aller Regel Stimulanzien oder Schmerzmittel, die Anschieber wie Epo oder synthetische Wachstumshormone gab es noch nicht. Das macht es natürlich nicht besser, aber die sportliche Extraklasse des Belgiers war sicher kein Laborprodukt, die damaligen Mittel taugten kaum zur Steigerung der Leistung, sie machten die Last allerdings erträglicher.

Es war eben eine andere Zeit, auch eine voller Widersprüche. Eddy Merckx, der Asket, machte Werbung für Zigaretten, die ihm angeblich schmeckten. Unvorstellbar dass heute ein prominenter Profi mit Kippe von einem Plakat lächeln würde. Und schon damals kurios, weil Merckx Nichtraucher war, was jeder wusste. Trotz dieser merkwürdigen Eskapaden wuchs Eddy Merckx zum Mythos.

In Brüssel gibt es eine U-Bahn-Station mit seinem Namen, der Mann ist auf einer Briefmarke, seit 1996 ein leibhaftiger Baron und braucht auch heute noch außerhalb seines Wohnorts Meise einen Stift, um Autogramme zu schreiben. Überall auf der Welt wird der große Merckx eingeladen und der bescheidene Eddy begrüßt. Nur 2007 war das anders. Bei der WM in Stuttgart wurde der vom Radsport-Weltverband UCI zum besten Radrennfahrer des 20. Jahrhunderts gekürte Merckx wegen seiner Dopingvergangenheit von Stuttgarts Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann ausgeladen. Das ärgert ihn heute noch.

7000 Kilometer Radfahren pro Jahr

Das Rad dreht sich für Eddy Merckx aber trotzdem weiter. So etwa 7000 Kilometer im Jahr sitzt er noch im Sattel, ist sich für keine Quälerei zu schade, auch wenn ihm nach einem Sturz 2014 immer noch das Knie schmerzt. „Aber wenn dir in meinem Alter morgens nichts weh tut, dann bist du eh tot“, sagt er lachend.

Der Radsport spielt auch heute für den Vater von zwei Kindern und Großvater von fünf Enkeln eine große Rolle. Merckx berät die neuen Eigentümer seiner Radfirma, die er 2013 verkauft hat. Und er wird weiter Rad fahren, in diesem Sommer am Mont Ventoux, dem Giganten der Provence mit seinem 21 Kilometer langen Anstieg. Sollte jemand Eddy Merckx im Sattel begegnen - ruhig bleiben. Eine Attacke könnte den Ehrgeiz von Baron Merckx wecken. Auch heute noch.