Der Luftgeist im Trubel der Zeiten

Hans Magnus Enzensberger kann fast alles, nur eines nicht: langweilig schreiben. Selbst wenn er sich eher widerwillig auf eine Teil-Autobiografie einlässt, zufällig wiedergefundene Notizen mit halb Erinnertem mischt, für Details gerne auf andere Bücher verweist, zugibt, dass er bei den entscheidenden Szenen meist nicht anwesend war, der fragmentarische Charakter des Textes auch durch Dialoge zwischen dem Enzensberger von damals und dem von heute sich nicht in ein rundes Ganzes verwandelt: Die Beiläufigkeit, mit der der 85-Jährige treffende Beobachtungen, kluge Analysen, originelle Gedanken und ironische Bemerkungen verstreut, ist wieder phänomenal, bewundernswert und einzigartig. Und der Stoff als solcher ist auch schon nicht schlecht.

Enzensberger beginnt mit einem Besuch der Sowjetunion 1963, wo er als Teil einer internationalen Schriftsteller-Delegation mit Nikita Chruschtschows Ersatz-Badehose schwimmen geht. 1966 durchreist er das ganze Land und beginnt seinen russischen Roman, wie er die Liebe zur 13 Jahre jüngeren Mascha nennt, wegen der er sich von seiner norwegischen Frau trennt. Aber diese schwierige Beziehung zu der Russin, die sich später, lange nach der Scheidung das Leben nimmt, geht fast unter im Wirrwarr der politischen Umwälzungen. „Tumult“ nennt der Autor die Zeitphase und das Buch.

Und er ist immer mittendrin. Bei der APO in Berlin, er kennt die Kommune 1 und die RAF, lebt in den USA und in Kuba, besucht Indien und Kambodscha und ist überall in Europa sowieso zu Hause. Er kennt alle und jeden, schaut sich um und ist im Handumdrehen schon wieder weg. Wie so viel in so kurzer Zeit möglich war, fragt er sich selbst. Und wie so viel Irrsinn durch eigentlich kluge Köpfe wehen konnte. Irrtümer gesteht auch Enzensberger ein. Aber weil er nie ein Ideologe war, sich ungern völlig einließ und festlegte, geistig stets so beweglich blieb wie geografisch, bleibt von denen wenig an ihm kleben. Dafür ist er viel zu leicht und zu schnell.

Das macht ihn zu einem so interessanten Berichterstatter. Nur der Schriftsteller selbst ist einem am Ende der Lektüre nicht wesentlich näher gekommen. Er bleibt der Flüchtige, der Luftgeist. So kennt man ihn und kennt ihn eben nicht.