Arbeiterkind unter Salonlinken

Würde man sich fürs Aufwachsen des Arbeiterkindes Hilla Palm auch dann interessieren, wenn man nicht wüsste, dass es sich bei den drei Romanen („Das verborgene Wort“, „Aufbruch“, nun „Spiel der Zeit“) um eine kaum verschlüsselte Autobiografie der Lyrikerin Ulla Hahn handelte? Wohl schon, denn die Buch-Auflagen und die Quote des TV-Films („Teufelsbraten“) übersteigen die Zahl der an Gedichten interessierten Minderheit gewaltig. Es dürften sich viele Leser wiedererkennen in der Aufstiegsgeschichte einer Bildungshungrigen.

Zu Beginn von „Spiel der Zeit“ beginnt Hilla in Köln ihr Germanistik-Studium. Sie wohnt im katholischen Studentinnenheim, gewinnt eine Freundin. Die wird schwanger, Hilla organisiert eine Abtreibung, danach geht die Freundin ins Kloster. Wir sind in den wilden 60-er Jahren, doch die große Freiheit ist noch längst nicht für alle angebrochen.

Zwar kann das Mädchen vom Dorf mit dem marxistischen Radikalismus der Linken so wenig anfangen wie mit dem Lebensstil der Hippies, doch der Tod von Benno Ohnesorg, die Schüsse auf Rudi Dutschke, die Ostermärsche und der Kampf gegen die Notstandsgesetze politisieren die Studentin ebenso wie die nationalsozialistische Vergangenheit ihres Professors. Allerdings bleibt immer eine Distanz gegenüber den gerade aktuellen Polit-Parolen und der neuen Welt der Haschisch-Schwaden und der psychedelischen Rockmusik. Hilla will sich hineinarbeiten in eben das Bildungsbürgertum, das viele ihrer Generationsgenossen verachten. Dass sie noch nicht dazugehört, lässt die reiche Familie ihres Freundes sie sehr deutlich spüren.

Was für die von der Autorin selbst gesprochene (gekürzte) Hörbuchfassung dieser sprachlich eindrucksvollen Verbindung von Familien- und Zeitgeschichte spricht, ist eine Schwierigkeit der gedruckten Version: Verschrifteter Dialekt - und der Gegensatz vom Rheinischen und Hochdeutschen spielt hier schon eine Rolle - wirkt immer etwas unbeholfen.