Als die Sixties zu swingen begannen

Die 1960er Jahre, ein Umzug aus dem Norden Englands nach London, Fernseh-Sitcoms, die hierzulande keiner kennt - ist das nicht zu weit weg, um wirklich zu interessieren? Kommt ganz auf den Autor an. Und Nick Hornby ist in „Miss Blackpool“ genau so komisch und klug und mitreißend gefühlvoll wie immer.

Barbara ist schon zur Miss Blackpool gewählt, hat die Krone auf dem blonden Haupt, als sie zurücktritt. Noch ein Jahr Provinz? Niemals. Ab nach London, in die große Welt. Die ihr einen Job als Verkäuferin beschert. Und ein paar Monate später, durch Zufall, einen Agenten. Der möchte sie ihrer üppigen Oberweite wegen als Model einsetzen, sie aber will spielen. In Komödien. Ein paar Vorsprechen gehen schief, das letzte beginnt mit Gelächter - so wenig entspricht Barbara der Rolle. Aber die Autoren und der Produzent lassen sich überzeugen, dass nicht Barbara das Problem ist, sondern der Text. Sie nämlich ist brillant, spontan, witzig, klug. Und man schreibt ihr eine Rolle auf den hübschen Leib. Und schafft die erfolgreichste TV-Show Englands.

Das liegt natürlich nicht alleine an Barbara, die sich in London Sophie nennt, aber im Fernsehen eine Barbara aus Blackpool spielt. Entscheidend ist das Autoren-Duo Tony und Bill. Die beiden lernten sich 1959 in einer Gefängniszelle kennen. 24 Stunden lang diskutierten sie über Comedy, nicht über den Grund ihrer Verhaftung: Annäherungen in einer Männertoilette. Ein Thema wird das erst viel später.

Die Sixties kommen erst allmählich ins Swingen, die BBC ist eine konservative Anstalt, und Produzent Dennis muss immer aufpassen, dass er nicht zu weit geht. Seiner Frau geht schon seine Beschäftigung mit so etwas Unseriösem wie Comedy zu weit, und sie lässt sich scheiden. Tony heiratet und bringt es irgendwie zu einem Kind, während Bill sein Coming Out hat. Und Sophie/Barbara? Sie lernt und lebt und ist so glücklich wie sie es nie für möglich gehalten hätte, bis sie ganz anders glücklich wird.

Man mag die Personen, man spürt die besondere Zeit der Veränderung, man bewundert die Pointendichte der Dialoge. Und dann hängt Hornby noch einen Epilog an, transportiert seine Geschichte ins Heute. Das wird ein wenig sentimental, ist aber genau richtig so. Abschließend überlegt man kurz, ob man bedauern soll, dass es die Serie nicht als DVD-Zugabe obendrauf gibt, aber entschließt sich dagegen: So gut wie der Roman könnte sie unmöglich sein.