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Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“

28.10.2012 | 15:42 Uhr
Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“
Eine ganze Wohnung könnte man mit Van Bo Le-Mentzels "Hartz IV-Möbeln" einrichten: Links der "Kreuzberg 36"-Stuhl, in der Mitte das SiWo Sofa, rechts Berliner Hocker und hinten rechts der 24-Euro-Sessel.Foto: Hatje Cantz

Essen.  Der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel konstruiert "Hartz IV Möbel" - für Menschen mit wenig Geld und viel Geschmack. Und für diejenigen, die lieber "konstruieren statt konsumieren": etwa den 24-Euro-Sessel oder das 1-Quadratmeter-Haus.

Eigentlich wollte Van Bo Le-Mentzel nur seine Verlobte beeindrucken. Der Berliner Architekt, der sich selbst für handwerklich komplett unbegabt hielt, belegte einen Tischlerkurs. Konstruierte einen schönen, aber günstigen Sessel – und startete „aus Versehen“ eine weltweite Bewegung. Die von ihm entworfenen Konstruktionen, die den sehr deutschen Namen „Hartz IV Möbel“ tragen, werden inzwischen in aller Welt nachgebaut. „Konstruieren statt konsumieren“ schreibt sich der 35-Jährige auf die Fahnen und verbreitet sein Motto mit seinem Blog und dem Buch, das daraus entstanden ist.

Was, bitte, ist ein „Hartz IV Möbel“? Zum Beispiel der 24-Euro-Sessel, den Van Bo Le-Mentzel entworfen hat: Das Material kostet 24 Euro, die Fertigung 24 Stunden Arbeitszeit, und wenn man alles richtig eingesetzt hat, hat man einen schicken, schlanken Sessel, der gar nicht versucht, seine Bewunderung für Sitzmöbel-Klassiker von Design-Legenden wie Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe und Gerrit Rietveld zu verbergen.

Möbel für Menschen mit wenig Geld und viel Geschmack

Van Bo Le-Mentzel mit dem Rohmaterial und einem fertigen 24-Euro-StuhlFoto: Hatje Cantz

Oder der „Kreuzberg 36 Stuhl“: Wer 36 Euro und 36 Arbeitsstunden investiert – und nicht ganz ungeschickt ist – kann sich einen wunderschönen Stuhl zimmern. Und der „Berliner Hocker“: Zehn Euro, zehn Schrauben, zehn Minuten Arbeitszeit: Man kann drauf sitzen, drauf stehen, Dinge drauflegen. Wer mehrere macht, kann sie zum Regal stapeln, und wer Fantasie hat, findet bestimmt noch andere Verwendungszwecke.

Der nicht besonders elegante Name für die schönen und besonderen Möbelstücke rührt aus Van Bo Le-Mentzels Vergangenheit – und aus seiner Philosophie. Der 35-Jährige erzählt, dass er mit seiner Familie selbst mal von Sozialleistungen abhängig war. Und er möchte, dass Menschen mit wenig Geld und viel Geschmack sich mit schönen Dingen umgeben können. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Designer weiß, dass man massengefertigte Möbel zum Teil billiger kaufen kann. Und rund zwei Drittel der Menschen, die seine Möbel nachbauen, könnten sich auch welche kaufen, schätzt Van Bo. „Die wollen das aber nicht“, sie wollten eben lieber „konstruieren statt konsumieren“.

Die Baupläne gibt's kostenlos, aber nicht umsonst

Die Baupläne fürs Konstruieren bekommen sie kostenlos, aber nicht umsonst: Wer die Anleitungen nicht im liebevoll gestalteten Hatje-Cantz-Taschbuch vorliegen hat, kann sie bei Van Bo anfordern. Der 35-Jährige schätzt, dass er rund 15.000 Mal Pläne verschickt hat – „bei 10.000 habe ich aufgehört zu zählen“. Die Gegenleistung, die der gebürtige Laote dafür fordert, ist Teil seiner „Karma-Wirtschaft“: „Was ich möchte ist möglichst viel Anerkennung, sind möglichst viele Freunde, eine schöne Geschichte, ein schönes Foto.“ Geschichten und Bilder von Menschen, die „Hartz IV Möbel“ gebaut haben, gibt es im Blog und im Buch zu lesen und zu sehen, und hin und wieder auch auf Facebook.

Sieht gemütlich aus, der 24-Euro-Sessel.Foto: Hatje Cantz

Etwa ein Drittel der Möbel-Bauer seien arbeitslos, viele schon lange krank, schätzt Van Bo. Und die, sagt er, könnten beim Selbermachen etwas bekommen, was Hartz-IV-Leistungen nicht bringen: eine Aufgabe und Anerkennung. Beides sei lebenswichtig, findet Van Bo. Seine „Hartz IV Möbel“ sieht er in der Rubrik „Soziales Design“ gut eingeordnet, nicht nur, weil die Baupläne für alle verfügbar sind, sondern auch, weil jeder sie weiterentwickeln darf.

Sogar soll: Das sei, sagt Van Bo, ausdrücklich erwünscht. Schließlich gehe es nicht mehr nur um „Do it yourself“, sondern um „do it together“. „All das hab ich mir nicht selbst ausgedacht“, betont Van Bo, der in dem Buch, das durch Crowdsourcing beim Inhalt und Crowdfunding bei der Finanzierung entstanden ist, seine Philosophie ausführlich erklärt.

Karma-Wirtschaft und das 1-Quadratmeter-Haus

Die Karma-Wirtschaft funktioniert: Dass er durch seine „Hartz IV Möbel“ in fast jeder Stadt Deutschlands einem Freund oder eine Bekannte hat, bei der er übernachten kann, ist für Van Bo wie eine Währung; „dass sich jemand richtig freut, wenn ich komme, kann man sich für Euro nicht kaufen.“ Ausschließlich von Freundschaft und Anerkennung lebt der Architekt aber selbstverständlich auch nicht. Er arbeitet in einer Design-Agentur: „Mit einem Bein stehe ich im System  und lebe davon, dass Leute konsumieren. Und davon, dass sie konstruieren.“

Er selber konstruiert auch weiter. Das SiWo Sofa, zum Beispiel, ein Möbelstück, das ein Bett, ein Sofa und eine Sitzbank kombiniert und in einem VHS-Tischlerkurs zu bauen sein soll. Oder das Haus für 250 Euro: Ein Quadratmeter Grundfläche, und trotzdem kann man drin schlafen. Und in seinem Kopf schwirrt der „Buchrahmen“ herum: „Eine Mischung aus einem Kunstobjekt und einem Bücherarchiv – das soll so sexy sein, dass die Leute lieber Bücher reinstellen wollen als sie sich auf den Kindle zu laden.“

Monika Idems



Kommentare
30.10.2012
08:29
Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“
von The_Rebel | #7

@jessiesrevenge | #6

Das ist aber sehr subjektiv und durch nichts belegt, das es das tatsächlich ist. Es beschreibt lediglich eine Einnahmeart, mit der (noch) keine Designermöbel zu erwerben sind, aber eine Möglichkeit, durch Kreativität das persönliche Wohlbefinden zu steigern. Zeigt aber wieder mal, wie "dünnfellig" manche Menschen in der BRD sind. Halte ich persönlich für den falschen Weg.

29.10.2012
13:25
Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“
von jessiesrevenge | #6

der begriff hartz4 möbel empfinde ich als beschämend und diskriminierend......

1 Antwort
Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“
von Susan2012 | #6-1

Volle Zustimmung !

28.10.2012
23:21
Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“
von oldergerman | #5

Im Übrigen sei darauf verwiesen, dass die derzeit als „Hartz IV“ propagierten Maßnahmen nicht neu sind. Bereits zwischen 1927 und 1933 wurden derartige Maßnahmen in Deutschland umgesetzt. Die mit derartigen Maßnahmen zu erreichenden Effekte sind somit seit vielen Jahrzehnten bekannt und treten bereits wieder ein (z.B. Milliarden-Überschüsse bei der Bundesagentur für Arbeit, Senkung der Beiträge für die Arbeitslosenversicherung, Verschärfung der Anspruchsvoraussetzungen für Leistungen, etc.). Genau wie damals. Nur heute trägt man kein Oberlippenbärtchen, sondern einen ********** in Berlin.

1 Antwort
Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“
von RennYuppieRenn | #5-1

Ich glaube, die meisten Menschen hätten damals von einem Lohn in der Höhe der heutigen Leistungen geträumt.

28.10.2012
23:08
Was für eine billige Schleichwerbung!
von Herr_Matthias | #4

und ein noch billigeres Buch?

Komisch nur, dass mir dieser "24 Euro-Sessel" so bekannt vor kommt...


Ein jr eder Pfadfinder hat doch mindestens ein duzend solcher Sessel selbegebaut und eine Vielzahl von weiteren Möbelstücken...

28.10.2012
17:39
Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“
von grummelglatz | #3

finde ich mal wirklich eine gute geschichte. ich hoffe jetzt auch, daß einige von den zu bemitleidenden alg II empfängern ein bischen interessse ihren so reichlichen denunzianten gegenüber zeigen und selbigen beweisen, daß es mehr design gibt als einen flachbildschirm in grösse vom kinderzimmer.

28.10.2012
17:27
Was ist da jetzt so exorbitant neu dran?
von Partik | #2

Wo liegt da jetzt die Besonderheit bei diesen Selbstbaumöbeln? Dass sie Hartz4 - Möbel genannt werden? Es gibt in jeder Stadtbücherei massig Anleitungen in der Art ...

Davon ab: für den Zusammenbau allein des Sessels benötigt der Autor Japansägen, Stechbeitel, diverse Schraubzwingen, Leim, Schrauben, dreckfeste Unterlagen - alles Dinge, die nicht mit eingerechnet sind. Vom Schreinerkurs ganz zu schweigen.

Wer mag, kann sich ja mal im Baumarkt umschauen, was allein eine, einen Meter lange, Schraubzwinge kostet, die nicht sofort auseinanderfällt ...

Für die anderen Möbel geht es dann richtig rund. Die Werkzeugkosten dürften sich auf mehrere hundert Euro belaufen. Plus Werkbank.

In den Kosten des Sessels sind auch die Kissen nicht mit eingerechnet. Insgesamt ist die ganze Angelegenheit eine ziemliche Milchmädchenrechnung.

Ganz nette Idee, aber auf dem Gebrauchtmarkt bekommt man wesentlich besser und extrem billig Möbel, z.B. zum individuellen Aufarbeiten.

28.10.2012
16:46
Nicht kaufen, selber bauen – so schön sind „Hartz IV Möbel“
von knickerbocker | #1

Dann wird es JA auch bald Hartz4 Kaffee-Zeitung-Kleidung usw geben.

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