Zwei Schwestern arbeiten zusammen als Bestatterinnen

Die Arbeit mit dem Tod

Die Bestatterin Katharina Klucken gibt einen Einblick in ihren Berufsalltag.
Fr, 04.11.2016, 15.34 Uhr

Die Bestatterin Katharina Klucken gibt einen Einblick in ihren Berufsalltag.

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Katharina und Verena Klucken arbeiten nach dem Vorbild der Eltern. In Duisburg begleiten sie die Verstorbenen – und vor allem die Lebenden.

Duisburg.. Es sind nicht die Toten, die ihren Beruf extrem machen. Es sind die Lebenden. Wie die wütende Frau, die es nicht aushalten kann, dass ihr Partner sie gerade jetzt allein lässt. Oder der Mann, der erst mit einem lauten Schrei beim Anblick seiner Liebsten im offenen Sarg begreift, dass sie nun wirklich nicht mehr wiederkommen wird. Und dann ist da der kleine Junge, der immer wieder sagt, dass er zu Opa will. Als seine Mutter ihn nach langem Ringen schließlich doch zu ihrem verstorbenen Vater lässt, fragt der Kleine: „Warum ist Opa denn so kalt?“

Wie soll man einem Kind solch eine Frage beantworten, wenn man es selbst nicht begreifen kann? „Dein Opa lebt nicht mehr“, sagt dann Katharina Klucken, während sie sich zu dem kleinen Jungen an den offenen Sarg stellt. „Wenn ein Mensch stirbt, geht die Wärme aus seinem Körper.“ Wahre Worte. Jedoch Worte, die trauernden Eltern nicht so leicht über die Lippen gehen. Die aber wichtig sind. „Es hilft nicht, wenn man einem Kind sagt, dass Opa nur schläft“, erklärt Verena Klucken. Solche gut gemeinten Sätze könnten zur Folge haben, dass das Kind nicht mehr schlafen möchte, aus Angst, nie wieder aufzuwachen.

Die vielen Gesichter der Trauer

Katharina und Verena Klucken kennen die vielen Gesichter der Trauer. Die Schwestern arbeiten als Bestatterinnen. Sie sind mit dem Tod aufgewachsen. Denn auch ihre Eltern bereiten Beerdigungen vor. Die Familie führt ein eigenes Geschäft in Duisburg-Huckingen.

Wenn nachts ein Anruf von einem Angehörigen kommt, dann müssen sie bereit sein. Auch wenn sie auf der Geburtstagsfeier eines Freundes sind. Wer Dienst hat, fährt zu der Familie des Verstorbenen, ins Krankenhaus oder Altersheim. „Mal gibt es keinen, mal einen Todesfall in der Woche, in der nächsten 15. Das können Sie nicht kalkulieren“, sagt der 55-jährige Vater Johannes Klucken, der seine Töchter vor den unregelmäßigen Arbeitszeiten gewarnt hat. Aber sie wollten trotzdem in die Fußstapfen der Eltern treten.

Hat der Arzt den Tod bestätigt, klären sie, ob der Verstorbene noch zuhause aufgebahrt bleiben soll, wann er überführt werden darf. Ein erstes Gespräch wird vereinbart, um die Beerdigung vorzubereiten, aber auch um die Bürokratie zu meistern. Liegen alle Dokumente vor? Soll es eine Feuer- oder Erdbestattung sein? Gibt es Blumenwünsche? So vieles, an das gedacht werden muss – von Menschen in einer Ausnahmesituation. „Der erste Kontakt zu den Angehörigen ist besonders extrem“, sagt die 25-jährige Verena Klucken. „Man muss mit viel Einfühlungsvermögen ins Gespräch kommen, eine Beziehung aufbauen, damit man alles zusammen stemmen kann.“

Mitfühlen, aber nicht mitleiden

Es ist eine Gratwanderung: Diese Beziehung muss eng genug sein, damit Vertrauen entsteht, damit man mitfühlt, aber nicht zu eng, um nicht mitzuleiden. „Es gibt immer Geschichten, die man mitnimmt“, sagt Verena Klucken nachdenklich. „Warum musste ein siebenjähriger Junge vom Auto erfasst werden? Das versteht keiner“, so auch die Schwester. Aber die Familie sei ein großer Halt. Sie reden über ihre Arbeit, verteilen die Last auf vier Schultern. Und sie lachen zusammen.

Verena Klucken, die gerne Menschen hilft, wie der Vater sagt, machte zunächst eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Doch der Arbeitsalltag ließ ihr wenig Zeit für die kleinen Patienten. Sie entschied sich, ganz in den Familienbetrieb einzusteigen. Heute macht sie eine Zusatzausbildung zur Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche.

Für ihre zwei Jahre ältere Schwester, die „Macherin“, wie ihr Vater sie nennt, gab es nie einen anderen Berufswunsch. Dabei wirkt Katharina Klucken, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, wie eine Managerin, die auch ein anderes Unternehmen kompetent führen könnte. Eine Firma, die nicht die Toten auf ihrem letzten Weg begleitet.

Schon als Kind war sie dabei

Als sie ein kleines Mädchen war, brauste sie mit dem Bobby-Car an den Angehörigen vorbei – ein Hoffnungsschimmer für die trauernden Erwachsenen. Und wenn der Vater einen Toten hergerichtet hat, tauchte sie plötzlich auf, wollte das auch machen, was der Vater tat, erinnert sich Johannes Klucken lachend. Berührungsängste kannte sie nicht. Für sie lag da einfach ein Mensch. Ein toter zwar. Aber ein Mensch. Und diese Einstellung hat sie sich bewahrt: „Wenn man damit aufgewachsen ist, dann traut man sich auch, einen Toten anzufassen. Es ist etwas ganz Normales.“

Die 27-Jährige geht festen Schrittes vorbei an dem Kühlraum in ein weißes, teils gefliestes Zimmer. Einmalhandschuhe stehen dort bereit, Pflaster und Schere, Kamm und Schminke. Hier wäscht sie das Haar des Toten, desinfiziert den Körper. „Wir müssen wie im Krankenhaus Richtlinien der Hygiene einhalten“, sagt Verena Klucken.

Wenn sich die Angehörigen am offenen Sarg verabschieden möchten, dann richten die Schwestern den Leichnam zuvor her. Dafür lassen sie sich gerne ein Bild des Verstorbenen geben. Hatte er den Scheitel rechts oder links? „Das macht so einen Unterschied“, sagt die jüngere Schwester. Die Trauernden sollen den geliebten Menschen so sehen, wie sie ihn gekannt haben. Welche Kleidung hat er zuletzt oft getragen? Also lieber den noch neuen Trainings- als den 50 Jahre alten Hochzeitsanzug nehmen. Brille, Kette, Parfüm, Lippenstift? Katharina Klucken, die auch erstmal lernen musste, eine tote Frau zu schminken, deren Haut anders reagiert als die einer Lebenden, betont: „Es soll ja nicht künstlich aussehen.“

Später holen die Schwestern einen schlichten Sarg aus dem Kühlraum, in dem ein verstorbener Mann liegt. Sie schieben ihn in den schwarzen Leichenwagen und fahren mit ihm zum Krematorium. Menschen auf dem Bürgersteig schauen sich um nach dem Kombi mit den weißen, undurchsichtigen Gardinen im Fenster. Am Eingang des Backsteingebäudes ziehen die Schwestern den Sarg auf einen bereitstehenden Rollwagen und bringen ihn in einen der Kühlräume, in denen Sarg neben Sarg steht. Viele Menschen müssten bei diesem Anblick schlucken. Für die Schwestern ist das Alltag.

Intensive Momente mit Menschen

Sie mögen ihren Beruf, „weil er so vielfältig ist“, sagt Katharina Klucken. Die Arbeit mit den Toten, mit den Lebenden. Die Gespräche mit Floristen, mit Organisten, mit Pastoren. Und sie mögen die intensiven Momente, die ihren Beruf so besonders machen: Der Junge, der unbedingt zu seinem Opa wollte, nahm schließlich die Farben, die in dem kleinen von den Schwestern mit Kerzen geschmückten Trauerraum bereit stehen, und bemalte damit den Sarg. Zunächst zeichnete er die Oma. Mit Flügeln. Da sie schon im Himmel war. Und dann den Opa, der nun auch seine Flügel bekam. Zur Mutter sagte der kleine Junge: „Du musst nicht traurig sein, Opa ist doch jetzt bei Oma.“

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