Wie unser Hirn die Sinne austrickst

Oliver Sacks. Foto: Getty
Oliver Sacks. Foto: Getty
Foto: Getty Images/AFP

Essen.. Oliver Sacks hat neue Fälle aus seiner neurobiologischen Praxis gesammelt. Einer davon ist er selbst. Ein Melanom beraubte ihn ab 2006 schrittweise seiner Sehkraft auf dem rechten Auge.

Die Prozesse, die sich im menschlichen Hirn abspielen, wenn ein Pianist am Klavier eine Partitur in Töne umsetzt, sprengen die Leistungsfähigkeit von Computern. Und wenn eine Funktion im Hirn ausfällt, gibt es oft ebenso überraschende wie unbewusste Strategien, das Defizit auszugleichen. Das ist es, was den Neurologen und Psychiater Oliver Sacks („Als ich einmal meine Frau mit einem Hut verwechselte“, „Zeit des Erwachens“) so sehr fasziniert: Die ungeheure Komplexität und die nicht minder große Anpassungsfähigkeit des menschlichen Hirns. Im Mittelpunkt von Sacks’ neuer Fallsammlung „Das innere Auge“ steht der Zusammenhang von visueller Wahrnehmung und Bewusstsein.

Auch in seinem zehnten Buch stellt Sacks skurrile Beispiele aus seiner Praxis vor: eine erfolgreiche Pianistin, die plötzlich keine Noten mehr lesen kann. Die auch immer weniger Gesichter und Gegenstände erkennt, aber erfolgreich Strategien entwickelt, der eigenen Unzulänglichkeit zu entkommen. Ebenso wie der Schriftsteller, der nach einem Schlaganfall nicht mehr lesen kann, aber schreiben. Und der sich damit behilft, dass er Worte nachschreibt, um sie lesen – also Geschriebenes verstehen – zu können.

Verständigen mittels Mimik und Lexikon

Und dann ist da noch „Stereo Sue“, eine Professorin der Neurobiologie, die seit früher Kindheit nur zweidimensional sehen konnte und völlig aus dem Häuschen gerät, als sie nach einer Therapie mit 50 Jahren die Welt des räumlichen Sehens entdeckt. Oder die quirlige Pat, die nach einer Gehirnblutung ihr Sprachvermögen verlor, und mühsam lernt, sich mittels Mimik und Lexikon zu verständigen.

Beim Schildern fremder Fälle wechselt Sacks zwischen persönlicher Beschreibung und nüchterner, wissenschaftlicher Analyse, verweist häufig mit umfangreichen Fußnoten auf Forschungsergebnisse. Bei der Schilderung des eigenen Schicksals – ein Melanom im Auge beraubte ihn ab 2006 schrittweise seiner Sehkraft auf dem rechten Auge – wird sein Erzählstil sehr viel plastischer. Die Treppenstufe, die zum Abgrund wird, weil ihre Höhe unschätzbar ist, der Freund, der vom Erdboden verschluckt scheint, weil er einen Schritt zur Seite getreten ist, die Blume, die plötzlich ihre Farbe verliert und die Welt, die wie gestapelt wirkt, weil es keinen dreidimensionalen Raum gibt, der Platz zwischen den Dingen schafft: Sie machen sein eigenes „Melanomtagebuch“ zum fesselnd­sten Part dieser Fallsammlung.

  • Oliver Sacks: Das innere Auge. Rowohlt, 281 Seiten, 19,95 Euro

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