Wie Träume wahr werden und sogar die Welt verändern

Makellose und sonnige Zeiten, davon träumen viele Menschen, während sie im Regen stehen.
Makellose und sonnige Zeiten, davon träumen viele Menschen, während sie im Regen stehen.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Wir kaufen Kosmetik und Autos in der Hoffnung, dass sie unsere wahren Wünsche erfüllen. Von geplatzten Träumen und solchen, die die Welt verändern.

Essen.. Yvonne wird demnächst 40. Davor gönnt sie sich was Besonderes. „Ich mache eine Kreuzfahrt“, strahlt sie, „14 Tage Karibik, ist alles schon in trockenen Tüchern.“ „Ist das nicht teuer?“, fragt ihre Freundin Corinna. „Nee“, winkt Yvonne ab, „kostet nur 2700 Euro, Frühbucherrabatt, all inclusive, mit Flug und allem drum und dran. Das ist mit Vollpension, mit Getränken, Wellness, Sportprogramm und Shows.“ „Na so ganz billig ist das aber doch nicht“, wendet Corinna ein. Während sie im Kopf weiße Sandstrände sieht, braungebrannte Haut und glutrote Sonnenuntergänge. Palmen, Korallenriffe und Flamingos. Schmucke Stewards, das Kapitänsdinner und dazu die raschelnde Seide eleganter Abendroben. „Guadeloupe, Barbados, Curaçao“, schnurrt Yvonne unterdessen einige der Reiseziele herunter. Für Corinna klingt das wie ein verlockender exotischer Cocktail. Und nach einem richtigen Traumurlaub.

Werbung will Produkte verkaufen. Dafür braucht es Träume. Ein Shampoo steht für Schönheit, ein Paar Schuhe einer bestimmten Marke symbolisiert Glamour, ein schnittiges Cabrio kündet von Erfolg, und wer die Creme XY wählt, hat damit auch gleichzeitig die Option auf ewige Jugend erworben. Je nachdem, was wir uns leisten können, legen wir für diese Dinge eine Menge Geld hin. Weil wir gleichzeitig glauben, damit etwas zu besitzen, was das Leben angenehmer, besser und schöner macht. Traumhafter. Aber nicht unbedingt wirklicher. Solche Träume sind Schäume. Sie machen anfangs viel her, fallen dann aber in sich zusammen. Weil sie nicht halten, was sie versprechen, und weil sie zu leicht zu haben sind. Der Traum in Dosen ist eine Lüge. Um Träume leben zu können, muss man kämpfen. Ein Besuch beim Autohändler reicht dafür nicht aus.

Träume sind unerfüllte Wünsche. Und die Werbebranche weiß das. Sie preist die Produkte als Traumerfüller an. Und wir greifen zu. Da kann der Inhalt von zwei Gesichtswässerchen nahezu identisch sein, wenn die Verpackung uns das Gefühl gibt, unserem Traum näher zu kommen, lassen wir uns gerne einlullen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Eine aktuelle Untersuchung der Verbraucherzentrale in Hamburg hat gezeigt, dass Frauen der käufliche Traum teuer zu stehen bekommt: Ob beim Friseur oder bei Kosmetikprodukten – Frauen werden verstärkt zur Kasse gebeten. Für Rasierklingen oder -schaum zahlen sie im Schnitt 40 Prozent mehr als Männer– selbst wenn sich das Produkt nur in der Verpackungsfarbe unterscheidet: Rosa statt Schwarz.

Aber was wünschen sich die Deutschen wirklich? Unterschiedliche Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. So landete bei einer Umfrage unter 1002 Deutschen durch das IMWF-Institut für Management- und Wirtschaftsforschung im Auftrag des Direktversicherers „Hannoversche Leben“, nicht mehr arbeiten müssen und die Ruhe genießen, auf Platz 1. Auf Platz 2: eine Kreuzfahrt oder eine Weltreise. Jeder vierte träumt davon, auszuwandern. Gefolgt von einem abbezahlten Eigenheim, mehr Zeit für Haus und Garten und ausgedehnten Shoppingtouren. Wo wir wieder bei den käuflichen Träumen wären . . .

Lotto-Ergebnis – ein Leben im Luxus

Eine Umfrage, die Westlotto beim Forschungsinstitut Forsa unter mehr als 1600 Deutschen in Auftrag gab, kam zu dem Schluss: Die meisten wünschen sich ein Leben im Luxus, an zweiter Stelle steht ein Traumpartner fürs Leben, der drittliebste Wunsch war hier der nach einem Leben in der Ferne.

Solche Ergebnisse machen sich nicht nur die Auftraggeber zunutze – also Versicherer, die ein sorgenfreies Leben verkaufen wollen, oder Lottogesellschaften, die mit der Begierde nach unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten spielen. Sondern es profitieren auch ganz viele andere von diesen unerfüllten Wünschen. Beispielsweise Reiseveranstalter, Kreditinstitute und Partnervermittlungen. CDs, Betten und Torten werden als „traumhaft“ beworben, Friseure, Boutiquen und Kosmetikstudios tragen den Namen „Traumschön“. Und sogar Kleiderstoffe, Desserts und Milchprodukte wecken Sehnsüchte – sie sind „traumleicht“, was assoziiert, dass man dadurch besonders schlank wirkt, wenn man sie trägt, oder garantiert nicht dick wird, wenn man sie isst.

„Lebe deinen Traum“

Auch die Unterhaltungsbranche dreht kräftig mit an diesem Glücksrad, das viel verspricht, aber oft wenig hält. So bescherte Pro 7 die Doku-Serie „Lebe deinen Traum“, die ab 2007 jede Woche montags bis freitags ausgestrahlt wurde, eine Zeit lang recht ansehnliche Quoten. Bis sie zwei Jahre später wieder eingestellt wurde. Vermutlich, weil der Untertitel „Alles wird anders“ sich für das lesbische Ehepaar, das wegen einer künstlichen Befruchtung nach Kapstadt reiste, die blonde Berlinerin, die in Bollywood als Tänzerin Karriere machen wollte und die hoffnungsfrohen Jung-Hoteliers in Indonesien dann doch nicht erfüllte.

Die Klientel, die liebend gerne eine Kreuzfahrt machen würde, bedient schon seit 1981 die ZDF-Fernsehreihe „Das Traumschiff“. Aber auch eine regelmäßig verjüngte Besatzung und die kräftige Beigabe prominenter Gäste konnte nicht verhindern, dass die Betreibergesellschaft der „MS Deutschland“, die zuletzt fürs Öffentlich-Rechtliche in See stach, 2014 Insolvenz anmelden musste. Passt nicht ganz ins sorgenfreie Bild, aber ab diesem Jahr ist mit der „Amadea“ bereits ein neuer Luxuskutter der Träume gefunden.

Traumberuf Nicht nur im Fernsehen wird kräftig geträumt. Das funktioniert auch auf der Leinwand, nur da eine Nummer größer. Nicht umsonst nennt man Hollywood die „Traumfabrik“. Dort werden am laufenden Meter Happyends produziert, aus Aschenputteln Prinzenbräute, und schöne Menschen leben ein schönes Leben in schönen Gegenden und schnieken Häusern. Mit „I Have A Dream“ landete die schwedische Popgruppe ABBA 1979 einen Single Hit. Mithilfe eines süßlichen Kinderchors wurde darin propagiert, dass die Kraft der Musik, der Glaube an Engel und an das generell Gute dazu beitragen würden, auch die dunkelsten Schatten zu vertreiben. Tatsächlich hatten sich Agnetha und Björn da bereits getrennt, 1981 war auch die Ehe von Anni-Frid und Benny im Eimer, ein Jahr später trat die Band zum letzten Mal gemeinsam auf. Aus der Traum.

Der leichte Joghurt ist doch nicht so traumhaft leicht

Was also tun, wenn man, eigentlich, alles richtig gemacht hat? Sich aber dann herausstellt, dass beim Traumauto zwar die Vier-Zonen-Klimatisierung, die Multikontursitze und der Dolby-Surround-Sound im Preis inbegriffen sind, nicht aber die Traumfrau, die sich im Katalog so verführerisch auf der Motorhaube geräkelt hat? Der „traumleichte“ Joghurt 29 Gramm Zucker pro Becher enthält und die Waage darum kein Kilo weniger Gewicht anzeigt? Oder der Besuch bei „Traumschön“ nur kurzzeitig erfüllt, was der Name verspricht? Wer Kleider kauft, Reisen bucht oder sich Daily-Soaps ansieht, wird nur vermeintlich aktiv. Weil er nicht für die Verwirklichung seines Traums arbeitet. Dafür arbeiten andere: die, die das Produkt kreiert haben, es herstellen und vermarkten. Wer nur konsumiert oder sich berieseln lässt, bleibt tatsächlich passiv. Das ist bequemer. Aber auch weniger effektiv, um Träume wahr werden zu lassen.

Psychologen sagen übereinstimmend, dass niemand unsere Bedürfnisse, Träume und Wünsche besser kennt, als wir selbst. Und dass man sich deshalb auch nicht auf andere verlassen darf, sondern selbst etwas dafür tun muss, damit sie sich erfüllen. Sie empfehlen, den Blick zurück in die Kindheit zu werfen und zu fragen: „Wie war ich damals? Was hatte ich für Träume? Was wollte ich werden? Was hat mir Freude gemacht?“ Schon das allein erfordert Zeit. Die wir angeblich nicht haben. Und für die Umsetzung dieser Erkenntnisse braucht es Freiräume. Die wir uns schaffen müssen. Und den Mut, Schlappen hinzunehmen. Nicht jeder Traum lässt sich auf Anhieb in die Tat umsetzen. Die Bestsellerautorin Barbara Sher gibt dazu passend die Parole aus: „Fake it till you make it!“ Stell es dir erst vor, bevor du es tust.

Dass Niederlagen, Rückschläge und Fehlurteile kein Hindernis sind, um einen Traum wahr werden zu lassen, belegen zahlreiche Biografien erfolgreicher Menschen, die sich allesamt nicht haben entmutigen lassen. So lehnte 1944 die „Blue Book Model Agency“ eine gewisse Norma Jean Baker als Bewerberin ab und riet ihr, es besser als Sekretärin zu versuchen. Unter dem Namen Marylin Monroe machte sie Filmkarriere. Sie erfüllte ihren Traum. Auch wenn ihr Leben unglücklich endete . . .

Ehe der österreichische Schriftsteller Robert Schneider „Schlafes Bruder“ bei einem Verlag unterbrachte, kassierte er 23 Ablehnungen. Das Buch wurde in 36 Sprachen übersetzt. Und zu Justus Liebig sagte einer seiner Lehrer: „Du bist ein Schafskopf! Bei dir reicht es noch nicht mal zu einem Apothekerlehrling.“ Was sich scheinbar bewahrheitete: Bei einem seiner Experimente verursachte Liebig einen Dachstuhlbrand – und wurde als Mitarbeiter der Apotheke, in der das geschah, gefeuert. Heute gilt Liebig als Begründer der organischen Chemie. Walt Disney und Henry Ford – die als Pioniere und Visionäre gefeiert werden – gingen beide mehrfach bankrott, ehe sie den Durchbruch schafften. Dem Violinstudenten Ludwig van Beethoven beschied man, er sei ein hoffnungsloser Fall. Von dem sehr introvertierten Albert Einstein vermutete man als Kind gar, er sei geistig zurückgeblieben. Für die Relativitätstheorie hat es dann später aber trotzdem gereicht.

Der Traum von Freiheit

Der wohl berühmteste aller Träumer heißt Martin Luther King (1929-1968). Der US-amerikanische Baptistenprediger und Bürgerrechtler hielt am 28. August 1963 in Washington D. C. eine Rede vor mehr als 250 000 Menschen, die unter dem Titel „I Have a Dream“ (Ich habe einen Traum) in die Geschichte einging. In seiner Ansprache während des Marsches der Bürgerrechtsbewegung für Arbeitsplätze, Freiheit und Gleichheit (speziell die der afroamerikanischen Bevölkerung der USA) kombinierte King Elemente aus der Bibel, der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und Teile aus Schriften des Sklavenbefreiers Abraham Lincoln zu einem Meisterwerk der Rhetorik. Es gipfelte in dem Wunsch, man möge Menschen eines Tages nicht mehr nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen.

Ein Jahr später erließ die Regierung den „Civil Rights Act“, ein Gesetz kraft dessen die herrschende Rassentrennung in Restaurants, Bussen, Kinos und allen anderen öffentlichen Einrichtungen abgeschafft wurde. Berater hatten King vor der Rede nahegelegt, seinen Traum besser für sich zu behalten. King hielt sich nicht daran.

Der Traum, die Welt zu verändern, kann viel bewegen. Er spornt an, er setzt uns Ziele. Die vermeintlich käuflichen Träume scheitern dagegen oft an der Realität, die nicht immer traumhaft ist . . .

Als Corinna in Frankfurt gelandet ist, holt Yvonne sie am Flughafen ab. Corinna sieht toll aus, genauso, wie man es nach so einem Traumurlaub erwarten kann. „Und? Wie war’s?“, fragt Yvonne. Dass sie in den letzten 14 Tagen so gar nichts von ihrer Freundin gehört hat, hat sie schon stutzig gemacht. „Also, es war echt klasse…“, fängt Corinna an. Um dann abzubrechen: „Also, wenn ich ehrlich bin, dann war das nicht so dolle. Das Schiff war zwar frisch renoviert, aber trotzdem schon ziemlich alt. Die Kabine war total eng, und am Buffet musste man immer ziemlich lange Schlange stehen, bevor man dran kam. Und der Salat war fast immer der gleiche. Den Wellnessbereich konntest du komplett knicken, und die Shows, nee, das war tiefste Provinz.“ Jetzt schämt sich Yvonne ein bisschen. Weil sie so neidisch war. Auf Corinnas Traum vom Urlaub.