Warum wir uns schämen – für uns und andere Menschen

Hier entsteht Fremdscham.
Hier entsteht Fremdscham.
Foto: WNM
Was wir bereits wissen
Jeder kennt es, keiner mag es – aber wer Scham empfindet, nicht nur für sein eigenes Tun, sondern auch das von anderen, der beweist soziale Kompetenz.

Essen.. Ein vergnüglicher Abend. Der neue Nachbar hat sich für seine Einweihungsfeier alle Mühe gegeben: Der Partykeller ist dekoriert, das Buffet reichlich und auf der kleinen Bühne macht der Alleinunterhalter einen guten Job. Doch die Stimmung kippt: Der bemühte Nachbar greift selbst zum Mikrofon. Nicht etwa, um eine kleine Rede über den gelungenen Abend zu halten. Nein, er drückt seine Freude anders aus, er singt. Und plötzlich fühlt sich keiner mehr zum Tanz aufgefordert, vielmehr wünscht sich die versammelte Nachbarschaft, der Boden möge sich öffnen – jeder einzelne will samt dieser peinlichen Situation am liebsten einfach verschwinden.

Woher kommt das Schamgefühl?

Wer kennt es nicht? Uns passiert etwas, von dem wir sogleich merken: „Upps, das war jetzt nicht ganz richtig.“ Wir werden rot, unser Herz schlägt schneller, wir wenden unseren Blick ab und würden uns am liebsten in Luft auflösen. Das kann in ganz unterschiedlichen Momenten passieren. Doch alle Situationen haben etwas gemeinsam: Wir schämen uns immer dann, wenn wir soziale Normen gebrochen haben, uns in einem unüberlegten Moment anders verhalten haben, als allgemein üblich. Oder, wenn wir andere dabei beobachten.

Wie unsere Landsleute, die im Urlaub noch immer die ersten am Buffet sein wollen, ganz nach gängigem Vorurteil – mit Socken in Sandalen.

Hat Schamgefühl einen tieferen Sinn?

Dass uns soziale Fehltritte unangenehm sind, ist nicht erst seit gestern so. Schamgefühl kannten schon unsere Vorfahren zu Zeiten, in denen wir noch in Höhlen lebten, die Frauen die Feuerstelle bewachten, die Männer auf der Jagd waren. Das Zusammenleben war anders, doch musste es funktionieren – wer alleine war, der hatte keine Chance. Schamgefühl war notwendig, um zu überleben. Denn wenn wir uns schämen, signalisieren wir unseren Mitmenschen, dass uns die sozialen Regeln, die wir gebrochen haben, durchaus bewusst sind und wir Getanes gerne ungeschehen machen würden.

Deshalb kommen auch die körperlichen Reaktionen nicht von ungefähr. Unser roter Kopf, unsere zittrige Stimme, die Schweißperlen auf der Stirn zeigen dem Gegenüber auch heute eines: „Ich habe meine Lektion gelernt. Ich weiß, dass ich etwas falsch gemacht habe.“ Unser Fehltritt wird dann meist verziehen.

Wieso ist Schamgefühl wichtig?

Alle Menschen haben ein Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit, erklärt die Sozialpsychologin Sabrina Eimler. „Need to belong“ nennen sie und ihre Kollegen das. Wir leben in Gemeinschaft, wollen Anerkennung und Akzeptanz. Deshalb bemühen wir uns, anderen mit unserem Verhalten nicht vor den Kopf zu stoßen. Wir wollen so sein, wie andere es von uns erwarten. Weil wir ein starkes Bedürfnis haben, uns mit anderen Menschen zu verstehen. Und wir wollen, dass auch andere Menschen sich so verhalten, wie wir es für richtig halten. Denn Konflikte sind uns unangenehm. „Hätten wir kein Schamgefühl, wären uns andere egal. Und dann hätten wir ein Problem“, sagt Eimler, die an der Uni Duisburg-Essen Forschungsarbeiten zum Thema Fremdschämen betreut hat. Menschen, die keine funktionierenden sozialen Kontakte haben, würden auf Dauer krank werden, erklärt sie. Deshalb wollen wir, dass Regeln eingehalten werden. Denn jeder Normbruch gefährdet das friedliche Zusammenleben.

Die Unterhose, die wohl mit voller Absicht unter der tief hängenden Jeans des Neffen hervorblitzt, bricht auf der Geburtstagsfeier der Großmutter in den Augen vieler Gäste die Konvention. Da schämen sich dann diejenigen, die besagtes Kleidungsstück dort tragen, wo es dem Namen nach hingehört.

Oder die Witze vom Großonkel, die am selben Nachmittag irgendwie nicht so gut ankommen, wie noch beim letzten Kegelabend und daher nicht die Lachmuskeln, sondern viel mehr das Schamgefühl reizen – leider.

Warum schämen wir uns für andere?

Fremdschämen ist ein komplexer psychologischer Vorgang. Dabei schämen wir uns nicht nur für Menschen, die uns nahestehen, sondern auch für völlig Fremde, die wir gar nicht kennen. Und zwar umso mehr, je empfindsamer und empathischer wir sind. Im Gehirn entsteht dieses Gefühl an der selben Stelle, an der wir körperlichen Schmerz nachempfinden. Das haben Wissenschaftler der Uni Marburg herausgefunden.

Ob der andere weiß, dass er sich gerade blamiert, spielt dabei keine Rolle. Allerdings ist das Gefühl besonders stark, wenn wir uns mit der Person identifizieren. Beispiele fänden sich beim Zappen durch das TV-Programm, sagt Eimler. Fremdschämen ist vorprogrammiert, wenn die Bauern oder Schwiegertöchter mit allen Mittel versuchen, beim Flirten erfolgreich zu sein. Wir sehen die unglücklichen Singles als verlängerten Arm einer Gruppe, zu der wir selber gehören. Doch flirten, da sind wir sicher, das funktioniert anders.

Schämen wir uns für andere, stellvertretend oder aus Mitleid, dann aus demselben Grund, aus dem wir uns selber schämen: Wir wollen, dass unser soziales Miteinander reibungslos ist und niemand aus der Rolle fällt.