Warum wir die Sonne so sehr brauchen

Liebe Sonne: Ihr schöner Schein wird von den meisten Menschen als wohltuend empfunden.
Liebe Sonne: Ihr schöner Schein wird von den meisten Menschen als wohltuend empfunden.
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Was wir bereits wissen
Sie wird vergöttert und angebetet. Sie sorgt für Wärme, Wachstum und hebt einfach unsere Laune. Aber die Sonne ist in Verruf geraten. Zu Unrecht?

Ruhrgebiet..  „Oh, waren Sie im Urlaub?“ Das wird Sina oft gefragt. „Nein“, sagt sie dann, „ich war bloß im Garten“. Sobald sich die ersten Sonnenstrahlen zeigen, ist sie draußen. Sina bräunt schnell, das sieht man ihr an und, sie ist stolz darauf. Auch wenn sie das nie zugeben würde. Und stattdessen auf sizilianische Vorfahren verweist: „Ich kann nichts dafür, das ist bei uns in der Familie erblich.“ Ihre Freundin Katja dagegen hat schon als Kind wildes Protestgeheul angestimmt, wenn sie in die Sonne sollte. Von Sonne bekommt sie Kopfschmerzen und Hitzepickel, und ihre Haut wird so schnell rot, dass man förmlich zusehen kann. Richtig braun wird sie eigentlich nie. Selbst nach sechs Wochen Italien ist das nicht der Fall. Das verdoppelt höchstens die Zahl ihrer Sommersprossen. Sina nennt Katja manchmal „Bleichkäse“, das findet Katja nicht witzig. Und denkt sich ihren Teil. Soviel Sonne kann nicht gesund sein.

Sie wird vergöttert und angebetet, sie sorgt für Wärme und Wachstum, sie weckt unsere Lebensgeister und steigert unsere Laune. Ganz allgemein ist Sonne positiv besetzt. Kinder malen in ihre Mitte ein lachendes Gesicht, sie steht für Ferien, Erholung und, ja auch, für Wohlstand. Wer nicht mindestens einmal im Jahr eine deutlich dunklere Hauttönung aufweist, der kann sich keinen Flug nach Mallorca leisten. Wer Sonne im Herzen hat, muss ein guter Mensch sein, und solche Zeitgenossen, die über ein sonniges Gemüt verfügen, hat man allemal lieber um sich als die Griesgrämigen, die ständig mit einem „Sieben-Tage-Regenwetter-Gesicht“ durch die Gegend laufen. Wird man an einem Sonntag geboren, gilt man als vom Glück begünstigt, man ist ein echtes Sonnenkind. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. So sagt man. Und die Sonne ist in Verruf geraten. Zu Unrecht?

Seit Urzeiten vergöttert

Die ersten Sonnenanbeter trugen weder Bikinis, noch streckten sie sich auf Badelaken aus oder bauten Sandburgen. Sumerer, Babylonier und Ägypter glaubten an Utu, Schamasch oder Re – Götter, die mit der täglich wiederkehrenden Sonne gleichgesetzt wurden. Sowohl bei den Griechen als auch bei den Römern, Kelten, Skandinaviern, Germanen und zahlreichen anderen Völkern und Kulturen bewegten sich diese Gottheiten in Sonnenwagen oder -schiffen übers Firmament. Das schien dafür, dass die Sonne morgens auf und abends untergeht, eine naheliegende Erklärung. Die Sonnengötter waren mächtig, sie sahen alles, und es war nicht ratsam, sie zu erzürnen. Man verehrte sie nicht nur, man fürchtete sie auch. Schon damals war das mit der Sonne eine zweischneidige Sache.

Auch in der christlichen Symbolik spielt der leuchtende Stern eine wichtige Rolle. Eine sehr positive: „Gott ist Sonne und Schild“ (Psalm 84, 12) Christus wird mit der Sonne gleichgesetzt, in biblischen Gemälden umgibt die Märtyrer ein Glorienschein, auch die Muttergottes ist von Zacken und Strahlen umhüllt. Mit der Sonne begann die Zeitrechnung, lange bevor es Uhren gab. Mit ihrer Hilfe konnte man den besten Zeitpunkt für die Aussaat bestimmen oder sich verabreden: „Bei Sonnenaufgang unten am Fluss, da wo der Weißdorn wächst.“ Sonnenuhren gab es schon in der Antike, noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie allgemein gebräuchlich. Damals existierten zwar bereits Badeorte für besser Betuchte, aber auch dort wollte die vornehme Blässe sorgsam bewahrt werden. Braun zu sein, galt als Merkmal der arbeitenden Landbevölkerung, die auf dem Feld schuftete.

Die Erfindung der Sonnencreme

Von den Sonnensegnungen und -flüchen der Moderne war man damals noch weit entfernt. Man kannte weder Sonnencreme (die erste auf UV-Filterstoffen basierende Salbe wurde 1933 entwickelt und vermarktet), noch die Sonnenbank (die der Ingenieur Friedrich Wolff 1975 erfand und damit das (Haut-)Bild der 80er-Jahre im Ruhrgebiet prägte) oder gar die Nutzung von Sonnenenergie (die auf breiterer Ebene erst 1970 nach der Ölkrise einsetzte und durch die Anti-Atomkraft-Bewegung und die Grünen weiter an Popularität gewann). Mit Begriffen wie Erderwärmung oder Ozonloch hätte zur Zeit der bleichen Seebadbesucher niemand etwas anfangen können. Und als Ende der 1920er Jahre Mode-Ikone Coco Chanel die gebräunte Haut salonfähig machte, redete keiner von Schäden, die zu viel Sonne anrichten kann.

Die sind derzeit überall im Gespräch, während zugleich die positiven Eigenschaften der Sonne gepriesen werden. Das führt zu Verunsicherungen: Ist Sonne denn nun gut oder schlecht? „Sonne ist gut – aber man sollte sich an gewisse Regeln halten“, sagt Eggert Stockfleth. Seit 2014 ist der 51-Jährige Direktor der Klinik für Dermatologie am St. Josef-Hospital Bochum, das zur Ruhruni gehört. Und auch Präsident der „Europäischen Hautkrebsstiftung“.

Nur nicht zu wenig Creme nehmen

„Sonne ist überlebenswichtig für die Bildung von Vitamin D, das Osteoporose verhindert, und sie steigert unser Wohlbefinden.“ Aber was muss man beachten? „Eine halbe Stunde bevor man in die Sonne geht, sollte man sich eincremen. Und zwar mindestens mit Lichtschutzfaktor 30, nicht darunter, und gründlich. Die meisten benutzen zu wenig Creme. Als Faustregel gilt: zwei Milligramm pro Quadratzentimer. Ich zum Beispiel bin 1,88 groß – da ist ein Drittel der Tube weg.“

Außerdem: „Leichte Kleidung tragen, einen kleinen Hut, eine gute Sonnenbrille. Zwischen 11 und 15 Uhr die direkte Sonne unbedingt meiden, noch ein- bis zweimal nachcremen und einmal im Jahr zum Hautarzt.“ Was viele nicht wissen: Deutschland ist das einzige Land weltweit, in dem man ab 35 alle zwei Jahre kostenlos ein Hautscreening-Programm beim Dermatologen in Anspruch nehmen kann.

Tatsächlich hat der Hautkrebs stark zugenommen: „Und es werden pro Jahr fünf bis sieben Prozent mehr, mindestens für 20 Jahre.“ Eine erschreckende Prognose: „Das liegt an unserer Generation. In meiner Kindheit gab es höchstens Lichtschutzfaktor zwei – da ist das UV-Konto voll. Und wir haben jetzt auch wesentlich mehr Freizeit als früher – und reisen in Regionen, wo wir vom Hauttyp her eigentlich gar nicht hingehören.“

Unter der Sonnenbank bildet sich kein Vitamin D

Mit Kindergartenprojekten will man nun früh ein Bewusstsein für den richtigen Umgang mit der Sonne wecken. Auch vor Sonnenbanken warnt der Experte: „Dadurch bildet sich kein Vitamin D, und man bekommt zweimal so viel ab wie mittags am Äquator.“ Einige Risikofaktoren für Hautkrebs lassen sich allerdings nicht ändern. Etwa eine genetische Vorbelastung oder die Sonnenbrände, die man früher erlitten hat. Positives gibt es jedoch von der Werbefront zu melden: „Früher konnten Plakate für Sonnencremes nicht dunkel genug sein. Heute werden sie immer heller. Hier findet ein Umdenken statt.“

Bei all dem ist und bleibt die Sonne ein Sehnsuchtsobjekt. Rosenstolz forderten „Gib’ mir Sonne“, Fanta4 rieten „Lass’ die Sonne rein“, und die „Deutsche Fernsehlotterie“ stellte ihren Loskäufern einen Platz an derselben in Aussicht. Den verspricht auch die Cocktailbar „Ein Platz an der Sonne“ in Dortmund, und in Herne strahlte die Szenekneipe „Sonne“ über 30 Jahre lang, ehe sie am 20. Februar 2015 dann doch unterging. Meteorologisch gesehen, gehört das Ruhrgebiet nicht gerade zu den Regionen, die überreichlich mit Sonnentagen gesegnet sind. „Dennoch ist ,Boh, der Lorenz brennt aber wieder’ für viele eine gängige Floskel, mit der man sich in Duisburg oder in Bochum im Hochsommer über die Hitze beklagt“. Wie der LVR-Landeskundler Peter Honnen in seinem Buch „Alles Kokolores? Wörter und Wortgeschichten aus dem Rheinland“ (Greven Verlag, 248 Seiten, 11,50 Euro) ausführt. Auch die Redewendungen „Geh’ mir ausse Sonne“ und „Frag’ nicht nach Sonnenschein“, so Honnen, sind durchaus Teil der Umgangssprache.

Zeiche Güldene Sonne

Die Namen einstiger Gruben verheißen Glück und künden von der Hoffnung auf unversehrte Rückkehr ans Licht: Zeche Güldene Sonne (in Dortmund-Kirchhörde-Löttringhausen), Zeche Glückssonne (in Bochum-Dahlhausen), Zeche Fröhliche Morgensonne (in Bochum-Wattenscheid), Zeche Sonnenschein (in Essen) und die ebenfalls Sonnenschein genannte Zeche Witten. In früheren Zeiten waren die Knöpfe der Bergmannskittel so golden wie die Sonne, und „auch das helle Licht bei der Nacht“, das im „Steigerlied“, frisch angezündet, seinen Schein verbreitet, hilft noch immer, das Dunkel zu vertreiben.

„Wir Bergmänner lieben die Sonne nicht weniger als andere, aber man sieht sie mit anderen Augen, wenn man am Abend aus über 1000 Metern Tiefe wieder hoch kommt “, sagt Holger Stellmacher, „das hat man immer im Hinterkopf. Auch wenn sich der Bergbau gewandelt hat und viel, viel sicherer geworden ist.“ Der 46-Jährige ist gelernter Bergmechaniker, eine Mischung aus Bergmann und Schlosser, und hat 1985 seine Ausbildung im Bergwerk Radbod in Hamm gemacht. Dort hat er gearbeitet, bis das Werk 1989 geschlossen wurde, dann auf Zeche Heinrich-Robert in Hamm-Herringen. Heute ist er im Bergwerk Auguste Victoria in Marl beschäftigt.

Der Bergmann giert nach ihrem Licht

Stellmacher entstammt einer Bergarbeiterfamilie: „Schon mein Vater und mein Opa haben unter Tage gearbeitet.“ Das muss man können, meint er „so tief unten, da hat man kein Fenster, das man öffnen kann, es gibt kein Tageslicht, dafür aber viel Lärm, viel Staub, viel Wärme.“ Dass das Gewerk in der Tiefe nicht jedermanns Sache ist, offenbarten bereits Untersuchungen, die Statistiker des Ruhrkohlebergbaus im Jahr 1954 anstellten, um neue Untertage-Arbeiter anzuwerben, und zu dem Schluss kamen: „Es hat keinen Sinn, Männer mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung zu vermitteln. Sobald ein Maurer oder Schweißer nach einer Schicht wieder die Sonne sieht, kehrt er ab und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.“

Für Holger Stellmacher war die Arbeit ohne Sonne nie ein Problem, „aber wenn man wieder raus ist, genießt man den Rest des Tages anders. Ein Maurer, der legt sich vielleicht in den Schatten, ich will dann in die Sonne.“ Im Winter, nach einer Acht-Stunden-Schicht, die morgens beginnt, sei das schon ein bisschen unangenehm: „Dann ist ja draußen schon dunkel.“ Im Urlaub fährt der Bergmann aus Hamm am liebsten dahin, „wo Ruhe und Sonne ist – und ein bisschen Wasser dabei wär’ auch nicht schlecht.“ Stromausfälle unter Tage hat er schon erlebt. Aber zappenduster war es um ihn herum trotzdem nicht: „Wir schalten das ,Geleucht’ an unserem Helm an, wenn wir einfahren und wieder aus, wenn wir ausfahren.“

Ein Teil unseres Lebens

Für jeden von uns ist die Sonne ein Teil unseres Lebens. Für den Strandurlauber, den Sprachforscher und die Songschreiber, den Mediziner, den Gastronom und den Erfinder, für den Bergmann, den Werbegrafiker und für die Kinder. Und wir alle möchten sie nicht missen. Mit all ihren Vor- und Nachteilen nicht.

Neulich war Katja mit Sina im Eiscafé. Zielsicher hat Sina einen Tisch in der prallen Hitze angesteuert. „Können wir nicht reingehen?“ hat Katja gefragt, „oder uns wenigstens einen Platz im Schatten suchen?“ „Aber es ist doch so herrlich in der Sonne und ein bisschen mehr Farbe würde dir auch gut tun, du Bleichkäse“, kam es von Sina. Da ist Katja dann die Hutschnur geplatzt. „Ich find’ es gar nicht herrlich in der Sonne, und ich will auch kein ,bisschen mehr Farbe’ haben – und so dunkel wie du will ich nicht werden, selbst wenn ich könnte nicht, Sina, – und außerdem hör’ endlich auf, mich Bleichkäse zu nennen, das ist super gemein von dir, ich nenn’ dich ja auch nicht Krokotasche oder Lederhaut“. Sina hat sie ganz entsetzt angesehen. Und sich anschließend entschuldigt. Sollte ja nur ein Spaß sein. Das Wörtchen „Bleichkäse“ hat sie seitdem nie wieder benutzt. Und manchmal setzt sie sich jetzt sogar in den Schatten. Freiwillig.