Uta Rotermund geht dem Sinn des Lebens auf den Grund

Uta Rotermund (r.) und Karin P. ergründen zusammen, was für sie Bedeutung hat.
Uta Rotermund (r.) und Karin P. ergründen zusammen, was für sie Bedeutung hat.
Foto: Jakob Studnar

So lacht das Revier - Uta Rotermund

Die Kabarettistin sprach mit Karin P. über das Lachen und die wichtigen Dinge im Leben. Der Ort für das Gespräch ist eher ungewöhnlich: Ein Hospiz.
Fr, 10.07.2015, 17.13 Uhr

Die Kabarettistin sprach mit Karin P. über das Lachen und die wichtigen Dinge im Leben. Der Ort für das Gespräch ist eher ungewöhnlich: Ein Hospiz.

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Was wir bereits wissen
Die Dortmunder Kabarettistin besuchte eine Frau, die im Hospiz am Ostpark lebt. Ein besonderes Treffen, bei dem geweint und gelacht wurde.

Dortmund.. Als Karin P. das Wohnzimmer im Hospiz betritt, hat sie ein Lächeln auf den Lippen, das Türen öffnet. An ihrer rechten Seite schiebt sie ihren „Freund“ hinein, einen Infusionsständer, der sie über einen kleinen Schlauch Tropfen für Tropfen ernährt. Karin P. ist verabredet, mit einer Kabarettistin. Uta Rotermund möchte ihr Fragen übers Leben stellen, die sie tief bewegen. „Das ist mal eine Abwechslung“, wird Karin P. später sagen. Kurz bevor die Kräfte für diesen Tag nachlassen.

Für die Serie „So lacht das Revier“ dürfen sich die Komiker aussuchen, an welchem ungewöhnlichen Ort sie porträtiert werden möchten. Uta Rotermund hat da nicht lange nachgedacht: „Hospiz“, war ihre spontane Antwort. Warum gerade Hospiz? „Ich weiß es nicht“, sagt sie. „Aus Liebe zum Leben?“ Und so begrüßt sie Karin S. im Hospiz am Ostpark in Dortmund mit einem ebenso gewinnenden Lächeln.

Hospiz. „Als ich den Namen das erste Mal gehört habe, bin ich zusammengezuckt“, sagt Karin P. Das war nach ihrer letzten Darmkrebs-Operation. Mitte Juni zog die 74-Jährige nun an diesen Ort, den sie immer mit Sterben gleichgesetzt hat. Ihre Augen röten sich. „Entschuldigung, ich bin manchmal nah am Wasser gebaut.“ Das sei sie auch, sagt Uta Rotermund entwaffnend, und fächert Taschentücher wie bei einem Kartenspiel auf. Sogleich lächelt Karin P. wieder ihr Lächeln.

Die Kabarettistin hat Postkarten mitgebracht, auf denen sie in ihren verschiedenen Rollen zu sehen ist. Sie zeigt auf eine Perücke und meint scherzhaft, die Farbe sei der von Karin P. nicht unähnlich. „Die kommen morgen ab“, entgegnet Karin P. bestimmt und zupft an einer Haarsträhne. Sie unterhalten sich über Themen, über die viele Frauen leicht ins Gespräch kommen. Über alte Filme wie „Vom Winde verweht“ („Ich mag Herzschmerz.“), über Sport („Ich bin viel Rad gefahren.“), über Kleidung: Karin P. trägt heute zwei, drei Nummern kleiner als früher. Was einst wünschenswert war, wirkt nun nicht mehr erstrebenswert.

„Was kann ich meinen Zuschauern mit auf den Weg geben? Was ist wichtig im Leben?“, fragt Uta Rotermund im Hospiz. „Die Familie!“, sagt Karin P. Obwohl auch sie immer gerne gearbeitet hat, als Sachbearbeiterin einer Versicherung. Die Familie sei wichtiger als die Karriere. Uta Rotermund hat anders entschieden. Sie hat keine Familie. Mann und Kinder hätten nicht in ihr Leben gepasst. Sie fragt weiter: Was ist noch wichtig?

Striptease mit hautfarbener Wäsche

Denn Uta Rotermund möchte ihre Zuschauer zum Lachen und zum Nachdenken anregen. Selbst bei der Lieblings-Szene ihres Publikums: Da zeigt sie einen amüsanten Striptease – bis auf die hautfarbene Unterwäsche. Aber auch das hat einen ernsten Ursprung, denn die „Alte“, die sie spielt, verdient ihr Geld putzend in einem Table-Dance-Club, weil die Rente nicht reicht. „Ich kenne solche Rentnerinnen, die zu wenig zum Leben haben“, sagt Uta Rotermund. Mit ihrer clownesken Komik will sie Unfassbares für ihre Zuschauer tragbar machen. Zugleich sollen sie vergessen. Ihre eigenen Probleme. „Zumindest für zweieinhalb Stunden.“

Was ist noch wichtig? Was sollte sie selbst, Uta Rotermund, noch unbedingt in ihrem Leben tun? Das ist eine weitere Frage, die die Dortmunderin umtreibt. Sie hat in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag gefeiert. Aber das Älterwerden sei nicht der Grund für Ihre Gedanken. „Ich bin ein tiefernster Mensch, einer der ernsthaftesten, die ich kenne.“ Das sei schon immer so gewesen. „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Menschen, die komisch sind, den ganzen Tag so unterwegs sind. Ich höre das Gras wachsen und die Flöhe husten.“

Dann sagt sie lachend: „Jetzt stellen Sie mich aber bitte nicht als depressiv dar!“ Sie klammert den Tod nicht aus, verdrängt ihn nicht, betrachtet ihn als Teil des Lebens. „Der Tod ist für mich immer ein Korrektiv gewesen. Wie lange bleiben Menschen in Beziehungen, weil sie nicht allein sein wollen. Der nächste Herr die selbe Dame. Wieder jemand, aber dasselbe Muster, nur damit man ja nicht bei sich gucken muss.“ Die Endlichkeit des Lebens zeige, was wirklich wichtig ist. Ganz bestimmt nicht materielle Dinge. Als ob ein Kirschbaumtisch oder eine goldene Uhr Sicherheit geben könnten . . .

Karin P. hat in den vergangenen Jahren einige Schicksalsschläge einstecken müssen. „Ich muss kämpfen, es bringt ja nichts“, sagt sie und ihre Stimme wird brüchig. Uta Rotermund: „Was machen Sie, wenn Sie wütend sind?“ – „Da schreie ich auch.“ – „Gut.“ – „Eine Zeit lang habe ich alles in mich hineingefressen“, sagt Karin P. „Das habe ich später nicht mehr gemacht. Das muss raus. Dann habe ich erst gemerkt: Ich wäre zugrunde gegangen, nicht die anderen.“

Sie lässt sich nicht den Mund verbieten

Uta Rotermund hat sich nie den Mund verbieten lassen. „Anschmiegsam“ waren andere Mädchen. „Wer soll mir denn was? Ich habe keine Macht, keinen Einfluss, ich kann niemanden schmieren. Was ich machen kann, ist meine Meinung sagen.“ Erst kürzlich wieder, als Vorsitzende des Vereins „Das bleibt“, der sich mit einer Online-Petition für den Erhalt des Gebäudes des alten Museums am Ostwall in Dortmund eingesetzt hat. Nun wird dort das Baukunstarchiv NRW entstehen.

Als in den 80er-Jahren die Menschen gegen Atomkraft protestierten, stand Uta Rotermund auf der Theaterbühne. „Ich wollte immer Schauspielerin werden.“ Aber: „Sie haben eine Stunde über die Betonung eines Satzes diskutiert, da habe ich gedacht, das kann ich nicht mehr ertragen.“ Sie stieg bei Radio Dortmund ein, wurde Journalistin. Schrieb und moderierte auch für andere Sender. Aber als sie immer mehr Berufszyniker umgaben, zog sie die Handbremse. „Da habe ich mich ins Bett gelegt und gedacht: Was kannst du?“ Spielen und schreiben. Und so stand sie bald mit ihrem ersten Kabarettprogramm auf der Bühne, für das einige Menschen sie anfeindeten und noch mehr Schlange standen. Der Titel: „Können Männer denken?“ Auch im Fernsehen wurde sie bekannt, als Dr. Irmgard Töbel-Schleierkraut bei „Liebe Sünde“. „Das war noch vor Lilo Wanders in ,Wahre Liebe’.“

Sie wusste immer, was sie nicht wollte

Vieles hat sich in ihrem Leben einfach entwickelt. Diese zielgerichteten 20-Jährigen heute sind ihr fast ein bisschen unheimlich. Sie habe sich immer wieder im Leben gefragt: Ist das alles? Und wenn nicht: dann weiter. „Ich wusste nur immer, was ich nicht wollte.“

Im Hospiz hat Uta Rotermund Antworten auf ihre Fragen bekommen. Nicht alle passen zu ihrem eigenen Leben. Das Lachen, so waren sich beide Frauen jedoch einig, das hilft. Und dann sagt Karin P. : „Ich bin schon so glücklich, dass ich noch laufen kann, stehen kann, sitzen kann.“

Eine von Uta Rotermunds Fragen war: „Was sollte man am Ende eines Lebens von sich selbst sagen können? Also wie sollte ich den Satz zu Ende bringen: Uta Rotermund war ein Mensch . . .“ „Der zuvor alles geregelt hat“, sagt Karin P. Ihr ist das sehr wichtig. Sie hat mit ihrer Familie alles besprochen, damit kein Streit droht, wenn sie nicht mehr da ist. Die Vorstellung findet sie schrecklich, dass Menschen ihretwegen streiten. „Oder wegen Geld.“

Und wie würde Uta Rotermund selbst diesen Satz am liebsten enden lassen? Sie legt den Kopf schief und sagt dann lächelnd: „Uta Rotermund war ein Mensch, der es versucht hat.“

Auftritte von Uta Rotermund