Ulrich Schlüter hat ein Ohr für die Argumente der Gefangenen

Die Häftlinge hören Ulrich Schlüter aufmerksam zu.
Die Häftlinge hören Ulrich Schlüter aufmerksam zu.
Foto: FUNKE FotoServices
Was wir bereits wissen
Der Bochumer diskutiert mit Häftlingen seit 35 Jahren ehrenamtlich. Die Überwachungsmethoden wie bei Ex-Manager Thomas Middelhoff sind ihnen vertraut.

Bochum.. Es sind 40 Meter von der Freiheit zur Gefangenschaft: Ein enger Tunnel führt vom Knasteingang zu den Zellblöcken. Grüne, gelbe, rote Keith-Haring-Figuren an den Tunnelwänden versuchen vergeblich das wachsende Gefühl von Bedrängnis zu unterdrücken. „Das erste Mal, als ich hier war, hat es mich fertig gemacht“, sagt Ulrich Schlüter mit seiner sanften Stimme.

Der 74-jährige ehemalige Grundschulrektor kommt seit 35 Jahren ehrenamtlich in die JVA Bochum. Einmal wöchentlich spricht, diskutiert, philosophiert er mit Häftlingen – über Alltagsthemen, Nachrichtengeschehen, das Leben im Knast.

Auf den Tunnel folgt ein Treppenhaus. Auch hier sind die Wände in sonnigen Farben bemalt. Es ist eine Tücke.

Ein Beamter empfängt Schlüter und führt ihn nach Haus Zwei, dem Abteil für die Untersuchungsgefangenen. Hier warten die Insassen auf ihren Prozess, und hier führt Schlüter seine Gesprächsrunden. „In die U-Haft kommt man so plötzlich“, sagt er. „Viele sind da völlig verloren.“ Hier werde seine Arbeit besonders gebraucht.

Alleine unter Häftlingen

Nach und nach holen die Beamten die zehn Gruppenteilnehmer aus ihren Zimmern. Mehr als zehn Häftlinge können nicht an Schlüters Runde teilhaben, der Gruppenraum ist zu klein – geschätzt zwanzig Quadratmeter, zwei ehemalige Gemeinschaftszellen.

Gefängnis „Guten Tag, Herr Schlüter!“ Mit einem kräftigen Händedruck begrüßen ihn die Häftlinge. Schlüter ist alleine mit ihnen, der Beamte schließt die Tür für zwei Stunden ab. Wer aus welchen Gründen hier ist, spielt für Ulrich Schlüter keine Rolle. Er bekommt es trotzdem meist beiläufig mit – Betrug, Drogenbesitz, Totschlag.

Teilnahme nur für „Gruppenfähige“

Eine mögliche Teilnahme an der Gruppe hängt weniger von der Straftat als von dem psychischen Zustand ab. Wer von Ärzten und Gefängnisleitung als „gruppenfähig“ anerkannt wird, darf mitmachen. „Man dreht fast durch in der Zelle, deswegen bin ich wirklich glücklich, in die Gruppe gekommen zu sein“, sagt ein Häftling mit Kinnbart.

Die Gesprächsrunde ist eine willkommene Abwechslung zum 23-stündigen Alleinsein in der Zelle. Eine Stunde Ausgang haben die Häftlinge täglich. Nur wer im Knast arbeitet – etwa als Buchbinder oder im Hausdienst – kommt häufiger raus. Eine Arbeit aber haben die wenigsten.

„Was ist die Woche passiert?“, eröffnet Schlüter das Gespräch. „Ich habe das erste Mal von meiner Familie einen Brief erhalten“, sagt ein junger Mann mit Boxerschnitt. Seit 41 Tagen ist er hier, jetzt hat er zum ersten Mal auf einem Foto seine kleine Schwester wiedergesehen. Er ist neu in der Gruppe. „Mal sehen, ob du die Aufnahmeprüfung bestehst“, scherzt der einzige Grauhaarige unter den Zehn. Schlüter sieht die Häftlinge kommen und gehen, in der U-Haft bleiben sie im Normalfall maximal sechs Monate.

Gefängnis Schlüter holt eine Sammlung von Zitaten aus seiner schwarzen Ledertasche. Es sind die Worte der Woche, die Aussagen, die das Nachrichtengeschehen bestimmt haben. Die Gruppenteilnehmer sollen herausfinden, von wem welches Zitat stammt. Bildung und sportlicher Wettkampf – Schlüter quizzt gerne in seiner Runde.

Die Häftlinge lesen Zeitung

„Ich habe diesen Finger nicht gezeigt“: Jeder, der die Nachrichten gesehen hat, weiß sofort, dass dies der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis gesagt haben muss. Wer nicht, der sieht alt aus – so wie heute der Neuzugang. Er errät kein einziges Zitat. „Das mit der Aufnahmeprüfung wird nix“, sagt sein Kollege und lacht. Der Neuling verspricht, für das nächste Mal mehr Zeitung zu lesen und mehr Nachrichten zu gucken. Schlüter hört so etwas gerne.

„Ich will, dass sie viel lesen und sich für vieles interessieren“. Etwas ähnliches sagte er wahrscheinlich einst seinen Schülern, hier im Knast jedoch aus ganz anderen Beweggründen. Schlüter will, dass seine Gruppenteilnehmer nicht nur über ihr Schicksal grübeln, er will ihnen Stoff zum Nachdenken geben und ihre Verbindung nach draußen erhalten. „Man lernt hier nicht nur etwas über Nachrichten und Medien, er gibt uns Gedanken zum Abschweifen“, bestätigt die Runde.

Mal diskutiert Schlüter über die deutsche Rechtschreibung, mal über die Bundesliga, meist über politische Fragen. Heute aber gibt es Gedanken, die das Knastleben direkt betreffen. Schlüter bespricht einen Artikel, indem die Institution Gefängnis hinterfragt wird – aus dem Jahr 1966, aber für Schlüter topaktuell.

Der Autor fordert mehr Psychotherapie und mehr Berücksichtigung der Individualität jedes Häftlings. „Eine Traumwelt“, stimmen die Gruppenteilnehmer überein. Ein Streitgespräch über den Knast ist eröffnet. „Das hier ist keine Resozialisierung, das ist Verwahrlosung!“, sagt der Grauhaarige.

„Viele gehören hier gar nicht hin. Die meisten bräuchten eher eine Drogentherapie“, ergänzt der Pferdeschwanzträger neben ihm. „In der U-Haft wird sich nicht um einen gekümmert. Ein Mal am Tag geht die Tür auf, außer du hast einen roten Punkt an der Zellentür“ – wer solch einen Punkt hat, der wird – genau wie Thomas Middelhoff – alle 15 Minuten wegen hoher Suizidgefahr kontrolliert. Auch den kahlrasierten Mann mit Ziegenbart ganz rechts in der Gesprächsrunde hat es getroffen. „Und das nur, weil ich während der Verhandlung gesagt habe, das alles zu viel für mich ist.“

Tiefe Einblicke ins Knastleben

Für Schlüter haben solch tiefe Einblicke in das Knastleben und die Gedankenwelt der Inhaftierten einen großen Wert. Er hört Perspektiven und Argumente, die in seinem Bekanntenkreis, in der freien Welt nicht geäußert werden. „Ich habe unzählige interessante Unterhaltungen im Knast geführt“, sagt er. Und die Inhaftierten, die können sich endlich mal richtig aussprechen.

Noch viel wichtiger allerdings: Mit seiner ruhigen Art erlaubt Schlüter den Inhaftieren für zwei Stunden Mensch zu sein. „Wir alle bauen hier im Knast krasse Fassaden auf“, sagt der Mann mit dem Pferdeschwanz. Schlüter aber schaffe es, die Barrieren umzureißen. „Er ist ein so herzlicher Mensch“.

So etwas zu hören, ist Schlüter unangenehm – genauso unangenehm, wie es ihm war, als er 2014 von NRW-Justizminister Thomas Kutschaty für sein langjähriges Engagement ausgezeichnet wurde. Was er macht, empfindet er nicht als besonders, er sieht es als Notwendigkeit. Die Häftlinge sehen das anders. Von einem hat er heute ein Geschenk bekommen, die Worte „Lieben Dank, Herr Schlüter“ in Graffitischrift.