Therapeut behandelt Behinderte mit Riesenschnecken

Im Heinrich-Theißen-Haus, einer Tagespflege für erwachsene geistig Behinderte, werden bis zu 30 cm große Achatschnecken zur Therapie eingesetzt. Die Schnecken werden von den Behinderten, gefüttert, gepflegt und gesäubert.
Im Heinrich-Theißen-Haus, einer Tagespflege für erwachsene geistig Behinderte, werden bis zu 30 cm große Achatschnecken zur Therapie eingesetzt. Die Schnecken werden von den Behinderten, gefüttert, gepflegt und gesäubert.
Was wir bereits wissen
Schnecken sind die Senkrechtstarter unter den Therapietieren. In Bottrop helfen sie geistig behinderten Menschen. Bisher sind es vier Exemplare – doch schon bald wird Nachwuchs erwartet.

Bottrop.. Morgens gegen halb zehn ist es immer soweit, dass sie dem Terrarium mit der Gabel zu Leibe rücken. Sie lockern die Erde damit auf und nehmen die angebissenen Gurkenstückchen heraus; ansonsten machen sie auch Wasser- und Gemüseschälchen sauber, feuchten Boden und Wände an und – und und. Die Schnecken, die da eigentlich wohnen, die haben sie dafür fünf Meter weiter auf einem Tisch vorübergehend ausquartiert: Man will sie ja nicht versehentlich aufspießen. Bei ihnen hat Waltraud Uhlenboom pflichtgemäß Platz genommen und passt gut auf, dass die Schnecken nicht abhauen. Wäre auch zu schade um die Therapieschnecken!

Im „Tagesstrukturierenden Bereich“ des Heinrich-Theißen-Hauses in Bottrop treffen sich tagsüber immer um die 16 bis 18 geistig Behinderte im Rentenalter. Hier sollen sie zu etwas Aktivität verführt werden, sie können basteln oder mit den Betreuern kochen – doch dass sie es eines Tages mit vier Ostafrikanischen Albino-Riesenschnecken zu tun bekommen würden, hätten sie auch nicht geahnt. Derzeit sind die Schnecken noch halbwüchsig, können aber bis zu 30 Zentimeter lang werden.

Schneck lass nach.

Keine Probleme für Allergiker

Eine Praktikantin hatte sie angeboten aus ihrer privaten Haltung, und Bereichsleiterin Nicol Küchmeister griff bei den Weichtieren entschlossen zu: „Wenig Pflegeaufwand“, sagt die 41-Jährige: „Kein Fell, keine Federn – perfekt!“ Kein Fell, keine Federn bedeutet: keine Allergieauslöser. Und Küchmeister, die auch die stellvertretende Leiterin des ganzen Behindertenheimes ist, läuft bei Kollegen heute gerne unter: „Schneckenbeauftragte.“

Zwar reagieren manche Menschen auf Schnecken im weitesten Sinne allergisch, hier aber nicht – sie helfen ja. „Die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen passt gut zu den kognitiven Fähigkeiten unserer Bewohner. Alles fließt, nichts Ruckartiges“, sagt Michael Horst vom „Diakonischen Werk Gladbeck-Bottrop-Dorsten“: „Das wird nicht langweilig, und jeder kann dem folgen.“ Die Behinderten kämen über die Therapieschnecken in kleine Gespräche, sie haben ihre Aufgaben, Verantwortung und Sinneseindrücke: Wenn so eine Achatschnecke zutraulich über den Arm kriecht, hinterlässt sie nicht einmal nennenswert viel Schleim.

Das Rund therapeutisch eingesetzter Tiere ist bereits fantasievoll besetzt. Da tummeln sich Hunde und Schweine, Pferde, Delfine und Lamas, aber die Schnecke ist ein Senkrechtstarter. Im Internet berichten Therapeuten und Eltern davon: dass sich bei Kindern Bewegungsblockaden lösen könnten aus Freude an der Achatschnecke; oder dass ganz im Gegenteil der eine oder andere Zappelphilipp etwas mehr zur Ruhe kommt – was Wunder! „Wir haben einen Herrn, der ist behindert und hat eine Psychose. Wenn er schimpft und schimpft und wir schieben ihn mit dem Rollstuhl hierhin, kommt er sofort runter“, sagt die Schneckenbeauftragte.

Gelege mit 200 bis 300 Eiern

Auch Jürgen Schink freut sich gerade daran, dass eine der Schnecken ihm buchstäblich aus der Hand frisst: Gurke, versteht sich, denn Gurke ist das Größte; ansonsten verspeisen die Schnecken auch Fischfutter der Marke „Teich-Flocken“ ausgesprochen gern.

Zuvor hat Schink sie von Erdbröckchen befreit, die an ihr hafteten; nun sitzen die Vier auf dem Tisch und bewegen sich tatsächlich lebhaft – jedenfalls für Schnecken. Vor allem aber kriechen sie aufeinander herum und verstricken sich, immer zu zweit, was jetzt unwillkürlich dazu führt, über Sex zu reden.

Allgemein wird nämlich angenommen, dass die Schnecken geschlechtsreif sein dürften. Und dass bald mit Nachwuchs zu rechnen ist – an der Wand gegenüber stehen bereits zwei weitere, leider noch leere Terrarien sichtlich in freudiger Erwartung, auch wenn auf rosafarbene oder blaue Himmelchen zunächst noch verzichtet wurde. Reichen dürften sie nach der Niederkunft ohnehin nicht, denn bei einem einzigen Gelege kommen rasch 200 bis 300 Eier zusammen.

Zunächst könnte Küchmeister sich für das eigene Haus noch ein paar Schnecken mehr vorstellen, um die Behinderten noch besser beschäftigen zu können. Und: Je mehr Schnecken in einem Terrarium sitzen, desto weniger Nachwuchs kommt zustande. Schamhaft sind sie also auch noch und brächten damit das Diakonische Werk nicht in die Verlegenheit, dass die Riesenschnecke ihm über den Kopf wächst. Mit denen, die dann noch übrig sind, „machen wir eine Vorstellungsrunde durch Seniorenheime oder Demenzstationen“, sagt Küchmeister. Die Schnecke, ein Renner?