Theo Jägers lange Rückkehr in ein neues Leben mit Gedächtnis

„Zwei wie Pech und Schwefel“ - tatsächlich der Jägers erster gemeinsamer Film
„Zwei wie Pech und Schwefel“ - tatsächlich der Jägers erster gemeinsamer Film
Foto: Markus Pletz
Was wir bereits wissen
Ute Jäger schreibt über ihren Mann, „der sein Gedächtnis verlor und nach 25 Jahren wiederfand“. Sie stand zu ihm bis es wieder Klick machte.

Essen.. Nach intensivem Nachdenken hat Ute Jäger ihr Buch einfach so genannt, wie es war: „Mein unglaubliches Leben mit einem Mann, der sein Gedächtnis verlor und nach 25 Jahren wiederfand.“ Ein langer Titel für eine lange Geschichte, und doch ist es nicht einmal die ganze. Die ganze Geschichte ist die einer Rückkehr ins Leben, nach einer Krankheit, die kaum einer überlebt. Oder anders noch, so fühlt Theobald Jäger das: Es ist die eines neuen Lebens.

Das Unheil platzt 1982 in einen Augenblick großen Glücks; Ute Jäger will ihn noch festhalten, aber schon einen Tag später ist er vorbei. Da liegt Theo, Student, Vater ihrer Tochter, gerade 25 Jahre alt, nach einer Hirnblutung reglos in ihrer kleinen Wohnung in Ostwestfalen. Es ist ein Moment des Entsetzens, der Anfang der Angst, der Abschied aus ihrem bisherigen Leben. Aber Ute Jäger weiß noch nicht, dass ein neues kommt. Und Theo, als er tatsächlich aufwacht aus dem Koma – weiß gar nichts. Nicht einmal mehr seinen Namen.

In guten wie in schlechten Zeiten

„Alles, was meinen Theo ausgemacht hat, ist weg“, schreibt Ute später. Er war doch der große, starke Mann, der sie hielt, nun nennt sie „erbärmlich“, was von ihm blieb: „Mein Herz reibt sich an seinem Anblick wund.“ Wie leicht war ihr das Eheversprechen über die Lippen gegangen: „In guten wie in schlechten Zeiten“ – das, denkt sie, „sind jetzt also die schlechten“.

Nur einer unter 10 000 überlebt das, sagen die Ärzte. „Und Theo ist der eine“, antwortet Ute. Vielleicht ist es ihr jugendlicher Optimismus, die westfälische Sturheit, sicher der feste Glauben an Gott und seine Zusage, die sie spürt: „Er wird wieder ganz gesund.“ Ein Versprechen, das die junge Frau an ihren Mann weitergibt, das beide leiten wird. Nur manchmal zweifelt Ute: „Müsste der Himmel nicht schwarz werden?“ Aber „was nutzt es, wenn ich mich aufrege“, sagt die 56-Jährige heute, so viele Jahre danach. Das will sie anderen Menschen mitgeben: „Nicht gleich aufgeben.“ Nicht gleich?

Quälend langsam kämpft Theo sich zurück, muss alles neu lernen, sucht verzweifelt einen Platz in der ihm fremden Welt. Manchmal hat Ute einen schrecklichen Verdacht: Will er vielleicht gar nicht leben? Jahre später wird sie erfahren, dass Theo die Ruhe „auf der anderen Seite“ tatsächlich genoss; noch lange trägt er eine Todessehnsucht in sich, die auch aus Überforderung erwächst.

Er weiß nicht, wer „die Kleine“ ist

Er weiß ja nicht mal, wer er ist. Und wer Ute. Er nennt sie „die Kleine“, sie gefällt ihm. Auch das macht diese Geschichte zu einer schönen: Theo kennt die Frau an seinem Bett nicht, aber „wenn ich sie gesehen habe, war ich entspannt“. Womöglich, weil die Liebe nicht im Kopf sitzt, sondern im Herzen. „Mir tut es gut zu wissen, dass mich jemand kennt und weiß, was ich mag.“ Er fragt sie, immer wieder, nach dem Was, Wie, Warum, aber noch während sie antwortet, vergisst er wieder.

Wie er alles vergisst. Das wird bleiben, auch als Theo nach Hause zurückkehrt, als sie zwei weitere Kinder bekommen, als er beginnt zu arbeiten. Das Kurzzeitgedächtnis ist weg. Eine Behinderung, die man nicht sieht, die beide angestrengt verstecken. Eine Weile ist Theo Hausmann, aber schon das Kochen fällt ihm schwer. Was sollte auf den Tisch? Was hat er eingekauft und wo hat er es hingelegt? Ist schon Salz im Nudelwasser? Wie lange kocht es? Und dann hat noch Ute angerufen, es war bestimmt wichtig, aber warum?

In Utes Welt ist Theo nur mit einem Bein angekommen. Das andere steht woanders

Theos einzige Sicherheit ist seine Frau. Sie wird so etwas wie seine externe Festplatte, „seine Souffleuse“, das Wort fiel ihnen kürzlich ein. Die Eheleute verlieren darüber ihre Augenhöhe. Körperlich hatten sie die nie, sie ist 30 Zentimeter kleiner als er, nun aber sind die Rollen vertauscht: Sie spricht wie eine Mutter mit ihrem Kind. „Entwürdigend“ finden sie das im Rückblick beide. Sie verlieren den Zugang zu einander. „In unserer Welt“, merkt Ute, „ist er nur mit einem Bein angekommen. Das andere steht irgendwo anders.“

Was er empfindet, verschweigt Theo. Er schreibt es erst viel später auf. „Vom Sterben zurück“ ist die Geschichte der verlorenen Zeit, erzählt in der dritten Person. Erst da erfährt Ute, wie schwer ihrem Mann sein seltsames Leben gefallen ist, dass es 20 Jahre dauerte, bis er so etwas spürte wie Freude daran. „Warum hat er mir das nie anvertraut“, fragt sie heute. „Ich habe gemerkt, du verstehst das nicht“, sagt er. Und sie: „Im Nachhinein versteh’ ich’s doch.“

Dieses „Nachhinein“ beginnt 25 Jahre später, in einem Möbelhaus. Auf einmal schaltet das Leben für Theo Jäger „von Schwarz-Weiß auf Farbe“. Plötzlich erinnert er sich. „Ich staune immer noch, dass ich weiß, was ich vor einer Minute gemacht habe.“ Momente verbinden sich, Zusammenhänge werden schneller, Theo arbeitet daran: „Ich bin noch nicht fertig mit mir.“ Im Café schaut er jetzt lachend auf seinen Kaffee: Er weiß noch, dass er ihn eben bestellt hat. Was da geschah und warum? Jedenfalls endet mit einem Wimpernschlag, was Ute „unsere vergesslichen Jahre“ nennt. Möglich, dass stimmt, was jemand vermutete: dass Theo 25 Jahre gebraucht hat, um Ja zum Leben zu sagen.

  • Ute Jäger mit Bettina Klee: „Mein unglaubliches Leben mit einem Mann, der sein Gedächtnis verlor und nach 25 Jahren wiederfand.“ Adeo, 216 S., 17,99 Euro