So lacht das Revier – mit Martin Fromme am Flipperautomaten

So lacht das Revier - Martin Fromme flippert

Martin Fromme, Hälfte des ehemaligen Kabarett Duos "Der Telök", ist leidenschaftlicher Flipper-Spieler. Im Video erzählt es uns auch mehr über sein aktuelles Programm.
Do, 02.04.2015, 13.49 Uhr

Martin Fromme, Hälfte des ehemaligen Kabarett Duos "Der Telök", ist leidenschaftlicher Flipper-Spieler. Im Video erzählt es uns auch mehr über sein aktuelles Programm.

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Was wir bereits wissen
Martin Fromme war die Hälfte des Kabarett-Duos „Der Telök“. Heute macht er ein Solo-Programm zum Thema Behinderung. Und nahm uns mit zum Flippern.

Essen.. „Jaaa, ich kann es immer noch! Eine Million Punkte, was auch immer das bedeuten mag. Und da ist die Rampe. Ich bin eine echte Rampensau!“ Es gibt diese Fähigkeiten, die sind im Leben eigentlich zu gar nichts nütze. Aber sie schütten Adrenalin und Glückshormone gleich kübelweise aus. Und wenn Martin Fromme im Dunkel einer Kneipe die blinkenden Rampen, die klackernden Bumper und die dumpf schlagenden Flipper entdeckt, dann juckt des es ihm regelrecht in den Fingern.

Ups, das war jetzt schon wieder ein Sprachbild, an dem einige empfindsamere Menschen Anstoß nehmen könnten. Denn Kabarettist Fromme hat nur einen vollständigen Arm, der andere ist von Geburt her, sagen wir mal, an ein bisschen zu kurz geraten. Aber bei Fromme darf man trotzdem solche Sätze sagen, denn er geht ganz offensiv, selbstbewusst und natürlich damit um. Und er hat ein Programm daraus gemacht: „Besser Arm ab als arm dran“ heißt es und dürfte deutschlandweit die einzige komödiantische Bühnenunterhaltung sein, die sich abendfüllend mit dem Thema Behinderung auseinandersetzt.

Dass eben nicht immer alles so tragisch ist...

Wer jetzt denkt, dass man mit solchen Dingen lieber keine Scherze treiben sollte, hat selbst die Aktion Mensch unterschätzt, bei der Fromme jüngst auf einer Gala auftrat: „Diese Gala war fantastisch. Ich glaube, durch mich ist da erst ein bisschen Spaß reingekommen. Und ich versuche halt immer, andere Bilder von Behinderten zu zeigen. Dass eben nicht immer alles so schlimm ist, dass nicht immer alles so tragisch ist“, sagt Fromme.

Fromme ist in der Comedy-Szene des Ruhrgebiets ja ein bekannter und extrem erfahrener Streiter: Fast 29 Jahre hat er gemeinsam mit seinem Jugendfreund Dirk Sollonsch als „Der Telök“ ein ziemlich derbes, schwarzhumoriges und anarchisches Comedy-Programm gemacht, bevor die beiden vor knapp über einem Jahr freundschaftlich beschlossen, etwas Neues anzufangen. Damals gab es an einem solchen Abend auch mal drei, vier Nummern, in denen die Behinderung eine Rolle spielte, aber sie hat eben nicht die Show bestimmt.

Flipperkönig für eine Dreiliterflasche Weinbrand

Überhaupt spielt diese Angelegenheit im Leben von Martin Fromme keine besondere Rolle, wie sich auch an seiner Begeisterung fürs Flippern ablesen lässt, die einen im ersten Moment ja vielleicht stutzen lässt. „Das war damals einfach die Zeit, in der man halt in Kneipen gegangen ist – und dann standen da die Flipper rum. Dann hat man sich natürlich damit beschäftigt“, sagt Fromme. Schon allein weil es bei den Wettbewerben in der alten Stammkneipe immer Dreiliterflaschen Weinbrand zu gewinnen gab. Diese Leidenschaft – fürs Flippern, nicht für den Fusel – hat ihn bis heute nicht verlassen. „Wenn mal in Kneipen ein Flipper steht, dann stelle ich mich ran. Aber die neuen sagen mir nicht mehr so viel. Ich bin da eher ein Nostalgiker. Ich stehe auf Flipper wie Harlem Globetrotters und natürlich Eight Ball Deluxe. Übrigens, wenn jemand mal einen übrig hat: Ist ja für einen Behinderten, einfach mal schenken!“, sagt Fromme selbstironisch und muss dabei selbst lächeln.

Seine erste Flipper-Erfahrungen hatte sogar fast eine erotische Komponente: „Das war ein Mata Hari mit ganz vielen Mädels, die man da treffen konnte. Das hat mich fasziniert sofort. Flippern ist einfach eine geile Geschichte.“

Wir treffen uns im Essener Café Nord, wo es gleich zwei Flipperautomaten der neueren Generation gibt. Einen „No Fear“, aber mit dem wird Fromme nicht so richtig warm. Dann schon eher der „AC/DC“, ein moderner Retro-Flipper, der stark an die geliebten Klassiker erinnert, die man in den 70er- und 80er-Jahren überall fand.

Mein Ziel ist es, mich mit meinem Programm selbst abzuschaffen

Von Frommes Handicap nimmt hier eigentlich niemand Notiz. Und selbst wenn, würde es ihn nicht stören. „Mir fällt das gar nicht auf“, sagt Fromme, dem durchaus bewusst ist, dass ein Comedy-Programm über Behinderungen heute noch nicht selbstverständlich ist: „Es war schon ein großes Risiko, das zu machen. Ich hätte vollkommen kaputtgehen können mit dem Programm.“ Ist er aber nicht. Die Leute kommen vorbei, um seine provokanten Nummern zu sehen. „Fragen, die ich dann stelle, sind: Dürfen Behinderte Sex haben oder gehen die dabei kaputt? Kann eine Prostituierte im Rollstuhl eine Wanderhure sein? Wenn man nach vollstrecktem Geschlechtsakt von ihr lässt und sagt: Die geht gar nicht – ist man dann behindertenfeindlich?“ Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, lang genug, dass nach diesem auch noch ein zweites Programm mit gleichem Thema möglich wäre. Aber das hat noch ein bisschen Zeit, denn an diesem hier arbeitet Fromme, ständig weiter, um es zu verfeinern und noch treffsicherer zu machen.

Die derben Nummern sind sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber Martin Fromme vertritt bei allem, teils bitteren Spaß ja auch ein ernstes gesellschaftspolitisches Anliegen.

„Die Behinderung ist nicht mein Leben, es ist halt eine Begleiterscheinung, die ich mit ins Leben bekommen habe. Mein Ziel ist, mich mit meinem Programm praktisch selbst abzuschaffen. So dass die Leute nach einiger Zeit sagen: Gähn, gähn, gähn – und das alles selbstverständlich nehmen. Ähnlich, wie es jetzt bei türkischen Kabarettisten gerade der Fall ist.“

  • Martin Fromme live: 15.4. Bochum, bei den Nachtschnittchen, 17.4. Lüdinghausen, Freunde der Kleinkunst, 18.4. Herne, Schnitt/Punkt, 28.5. Mönchengladbach, Kulturküche, 27.6. Dortmund, Open Air Zum Lesen: Martin Fromme: Besser Arm ab als arm dran, Carlsen, 192 Seiten, 12,90 €