So lacht das Revier: Mit Bernd Gieseking in seinem Viertel

Zwei Finnland-Bücher hat Bernd Gieseking mittlerweile geschrieben.
Zwei Finnland-Bücher hat Bernd Gieseking mittlerweile geschrieben.
Foto: Olaf Fuhrmann

So lacht das Revier mit Bernd Gieseking

Essen, 10.04.2015: Der Kabarettist hat in Dortmund seine Heimat gefunden, wie er auf die Bühne kam und was das alles mit Finnland zu tun hat erzählt er uns im Video.
Fr, 10.04.2015, 15.04 Uhr

Essen, 10.04.2015: Der Kabarettist hat in Dortmund seine Heimat gefunden, wie er auf die Bühne kam und was das alles mit Finnland zu tun hat erzählt er uns im Video.

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Was wir bereits wissen
Bernd Giesekings große Liebe heißt Finnland. Der nach Dortmund eingebürgerte Ostwestfale hat mit „Finne dich selbst!“ ein Kabarettprogramm daraus gemacht.

Dortmund.. Es ist ein wenig kurios: Bernd Gieseking ist wohl der einzige Kabarettist im Ruhrgebiet, der ein Kabarett-Theater gleich im Hinterhof hat, direkt neben seiner Mülltonne. Und nicht irgendeines, sondern das Dortmunder Fletch Bizzel. Jene Bühne, Ensembleheimstatt und Institution, die in diesem Jahr schon 30 wird – und bei der so vieles begann für Dortmund und darüber hinaus. Hier fühlt er sich wohl, hier hat er seine Heimat gefunden, jener Mann, der ja gar nicht hierher kommt, sondern aus dem fernen Ostwestfalen.

Dennoch führt er uns durchs Klinikviertel, als wäre er hier groß geworden mit seinen 1,66 Metern, vorbei an den Kiosken, von denen er weiß, welcher wann welche Zeitung im Angebot hat, in den Westpark, wo sich auch jetzt schon mittags viele Menschen zum Boccia-Spiel treffen – zu seinem liebsten Eiscafé und seinem Stamm-Buchhändler, dem man schon allein wegen der geschmackvollen Titelauswahl im Schaufenster blind vertrauen würde. Beinahe fühlt es sich an, als wäre Giese hier King.

Mit dem Auto nach Finnland

Warum sollte er also in die Ferne streben? Wo er doch selbst sagt: „In diesem und dem Nachbarviertel gibt es alles, was du brauchst.“ Nur eines gibt es nicht: Die Weite und die Kälte, die ihn immer wieder anziehen. Eines seiner größten Interessengebiete: die Arktis. Und sein wohl mittlerweile besterkundetes Urlaubsziel: Finnland. Das Land, dessen Lage einst Monty Python als „so nah bei Russland, so weit weg von Japan“ besangen, was eine, gelinde gesagt, sehr grobe Umschreibung war – und auch der Rest des Songs verrät wenig mehr.

Nein, wer Finnland und die Finnen kennenlernen möchte, der schlage nach bei Gieseking. Mittlerweile zwei Finnland-Bücher hat er geschrieben, den amüsanten Reisebericht „Finne dich selbst!“ und „Das kuriose Finnland-Buch“, das Schrulligkeiten und Besonderheiten eines absonderlichen Völkchens vorstellt und auseinander nimmt. Und wie begann das alles? „Das ist ein bisschen verrückt. Mein kleiner Bruder Axel hatte sich in eine Finnin verliebt. Und vier Monate später war er weg, ausgewandert, nach Finnland. Dann kamen zwei Jahre später meine Eltern und sagten: ,Wir fahren dieses Jahr nach Finnland. Wir wollen Axel besuchen.’ Ich fragte: ,Und wie wollt ihr das machen?’ Da sagt meine Mutter: ,Mit dem Auto!’ Ich sagte: ,Ihr könnte doch nicht mit dem Auto nach Finnland fahren.’ Sie fragte: ,Wieso denn nicht? Hier zu Hause fahren wir doch auch.’“

Saunagang mit Wollmütze

Am Ende packte Bernd seine Eltern auf den Rücksitz des voll skandinavientauglichen Volvo – und fuhr einer Liebe entgegen, von der er zu diesem Zeitpunkt noch nichts wusste, nämlich der Liebe zu Finnland. Was er dort erlebte ist schlicht skurril: Saunagänge mit Wollmütze, auf allen Vieren kriechende Finnen – und der „Tanssi“, eine Tanzveranstaltung, bei der ein Schild abwechselnd zur Damen- und zur Herrenwahl auffordert.

Als er nach der Reise auf der „Wahrheit“-Seite der taz einen kurzen Text veröffentlichte, klingelt ein Verlag bei ihm an. Und so entstand „Finne dich selbst!“, das so erfolgreich war, dass er anschließend noch einen Reiseführer veröffentlichte, in dem steht „Was Reiseführer verschweigen“, also zum Beispiel wie der Elch seinen Weg in den finnischen Reisepass fand.

Der Bierbauch als dritter Bizeps

Aus beiden Büchern entstand auch das Kabarett-Programm „Finne dich selbst!“, das Gieseking heute Abend in seinem Hinterhof, also im Fletch Bizzel, spielt.

Das alles könnte jetzt so klingen, als ob der Mann noch gar nicht lange im Spaßmachergewerbe tätig ist. Das Gegenteil ist aber der Fall: Mitte der 80er-Jahre war er Mitgründer des „Kabaretts Zappenduster“, das sogar einen Plattenvertrag angeboten bekam. Später arbeitete er fürs Radio, im WDR moderierte er die legendäre „Unterhaltung am Wochenende“ mit – und lernte viele der Großen kennen.

Außerdem hat er noch ein paar weitere Betätigungsfelder. Seit 22 Jahren macht er den Jahresrückblick „Ab dafür!“, er schreibt Kinderhörspiele und -bücher. Und ein nächstes, großes Projekt hat er auch. Eines, das sich einer ganz speziellen Spezies widmet: „Gefühlte 30 – Ein Hoffnungsbuch für Männer um die 50“. Verfasst aus naheliegenden Gründen: „Als ich 50 wurde, hatte ich das Gefühl: Jetzt ist die Hälfte rum“, sagt Gieseking und lacht. Er will sich den Männern widmen, die „den Bierbauch als dritten Bizeps“ mit sich herumtragen. „Was ich bisher an Literatur dazu gefunden habe, gefiel mir nicht. Da habe ich versucht, ein Buch so zu schreiben, wie ich es selbst gern lesen würde.“

In der Mitte geblieben

Vielleicht sollte er auch einmal ein Buch über Dortmund schreiben. Dass er hier hingezogen ist, verdankt er indirekt auch dem Fletch Bizzel. Denn hier begann der „Geierabend“ – und als Gieseking beim Sommer-Open-Air des „Geierabends“ im Biergarten des Restaurants Tante Amanda auftrat, schlug ihm am letzten Abend jemand das Autofenster ein.

Gezwungen, in Dortmund zu übernachten statt nach Köln zurückzufahren, wo er damals wohnte, wurde er am nächsten Morgen zum Frühstück eingeladen vom Geierabend-Regisseur Günter Rückert. Dessen Frau Sylvia hörte, wie Gieseking von der Wohnungssuche in Köln berichtete – und fragte: Warum ziehst Du nicht nach Dortmund. Gieseking ging ein Licht auf: Wenn man aus Minden kommt, in Kassel studiert und in Köln arbeitet, dann ist Dortmund so etwas wie die goldene Mitte. Und er blieb der Stadt, dem Klinik- und dem Kreuzviertel, dem Bahnhof und dem Dortmunder U treu. Bis auf die Abstecher nach Finnland, zu den Elchen.

  • Bernd Gieseking live: 11.4., in Dortmund, Fletch Bizzel (20 Uhr, Humboldtstr. 45) mit „Finne dich selbst!“. Außerdem: 3.5. bei „Eckenga & Gäste“ und am 13.8. bei Ruhrhochdeutsch „Kollegen lesen Kollegen“, Dortmund.
  • Zum Lesen:„Finne Dich selbst!“ (Fischer, 304 Seiten, 9,99 €) und „Das kuriose Finnland-Buch“ (Fischer, 304 Seiten, 10 €)