So lacht das Revier - Milchschaum mit Abdelkarim

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Foto: Kai Kitschenberg

So lacht das Revier: Abdelkarim

Duisburg, 22.06.15: Er trinkt gerne Kaffee, aber er hat keine Kaffemaschine. Also geht Stand-up Comedian Abdelkarim zum Barista und lässt sich zeigen, wie man einen richtig guten Espresso mit entsprechendem Milchschaummuster zaubert.
Fr, 26.06.2015, 15.00 Uhr

Duisburg, 22.06.15: Er trinkt gerne Kaffee, aber er hat keine Kaffemaschine. Also geht Stand-up Comedian Abdelkarim zum Barista und lässt sich zeigen, wie man einen richtig guten Espresso mit entsprechendem Milchschaummuster zaubert.

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Was wir bereits wissen
Der Comedian mit „Migrationsvordergrund“ erzählt vom Alltag und der Angst der „Urdeutschen“ vor dem Mann mit dem Bart. Wir trafen ihn beim Kaffee-Kochen.

Duisburg.. Mit Blümchen und Blättchen hält sich Abdelkarim nicht auf. Sein Ziel ist der Mount Everest. Den höchsten Berg der Erde will der Comedy-Gipfelstürmer in den Milchschaum seines Cappuccinos malen. Auf dem Weg dorthin begleitet ihn Eray Genc, ein Barista, wie man heute geschulte Kaffee-Zubereiter nennt. Im Café Fino in Duisburg führt er Abdelkarim in die Geheimnisse der Latte-Art ein.

Aber selbst das schönste Schaum-Kunstwerk braucht zunächst einen Espresso. Wie man den Kaffee mahlt, das Sieb säubert und befüllt, lernt Abdelkarim in seiner Kaffee-Stunde. Tief schaut der 33-Jährige in das gerade an der Maschine gefüllte Espresso-Tässchen – wo bitte soll da jetzt ein „Tigerauge“ sein? Na da! Der Barista zeigt ihm die helle Stelle in der haselnussbraunen Crema. Sobald das „Tigerauge“ erscheint, ist der Espresso fertig. Da braucht es keinen weiteren Tropfen mehr. Denn die helle Stelle zeigt, dass nun die Bitterstoffe in die Tasse fließen. Und wer will schon einen bitteren Kaffee?

Von Marokko nach Bielefeld

„Ich trinke sehr gerne Kaffee“, sagt Abdelkarim. „Aber meistens schmeckt er mir nicht.“ Dabei müsse es jetzt nicht unbedingt marokkanischer mit Kardamom und Zimt sein, deutscher Filterkaffee tue es auch: „Ich finde ihn gar nicht so schlecht. Da sind die Erwartungen nicht so hoch und er erfüllt seinen Zweck.“

Abdelkarim ist Bielefelder. Seine Eltern kommen aus Marokko. „Die typische Gastarbeiter-Geschichte.“ Sie waren die einzigen aus Marokko in seiner Siedlung. „Das war ein großer Vorteil“, sagt Abdelkarim heute. Er musste Deutsch sprechen. Auch mit den Türken in der Nachbarschaft, mit denen er Freundschaft schloss.

Gegen Probleme half Humor

Heute vereint Abdelkarim drei Kulturen in sich, die arabische, die türkische und natürlich die deutsche. Deshalb ist ihm auch keiner wirklich böse, wenn er sich über eine lustig macht. In erster Linie möchte Abdelkarim die Leute zum Lachen bringen, aber er freut sich, wenn er mehr erreicht als nur einen vergnüglichen Abend: „Man sitzt mit verschiedenen Menschen im Theater und alle lachen über das Gleiche. Sie merken, man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen, man muss mehr miteinander reden, dann lösen sich viele Probleme von alleine.“ Schon als Kind hat Abdelkarim Probleme mit Humor bekämpft. „Ich war eigentlich schon immer Comedian.“ Seit 2007 erzählt er auch auf der Bühne mit viel Humor von seinem Alltag als Mensch mit „Migrationsvordergrund“. Und da spielt die Angst eine große Rolle. Die Angst der „Urdeutschen“, wenn sie ihn sehen: groß, dunkel – und dann trägt er auch noch einen Vollbart.

„Wenn ich im Zug sitze, werde ich von Zivilpolizisten immer kontrolliert“, erzählt er auf der Bühne. „Es gibt nur eine Ausnahme: Wenn ein Schwarzer im Zug ist. Die werden immer bevorzugt!“

„Ich bin ja auch nur halbböse“

Abdelkarim zeigt mit viel Ironie, wie absurd viele Vorurteile sind. Er provoziert, schaut absichtlich böse mit aufgerissenen Augen. Und über seine Lederjacke, die beiläufig zu seinem Markenzeichen wurde, sagt er: „Die Bösen in marokkanischen Filmen haben immer so eine schwarze Lederjacke und eine schwarze Sonnenbrille.“ Sonnenbrille trägt er aber nicht? „Nein“, antwortet er grinsend. „Ich bin ja auch nur halbböse.“

Er ist sich seiner Wirkung bewusst: „Ich merke sehr oft, dass Menschen, die mir nachts begegnen, gerne die Straßenseite wechseln würden. Sie machen das aber nicht, weil sie denken, dass ich dann denke, sie seien Rassisten. Und dann sagen sie sich, wir nehmen die Gefahr in Kauf, vielleicht macht er ja doch nichts. Das ist so . . .“ Abdelkarim zuckt mit den Schultern. „Ein ganz peinlicher Moment.“

Kommen wir zu einem stolzen Moment: Abdelkarim hat im Duisburger Café seinen ersten italienischen Espresso gekocht. Probieren möchte er ihn aber an diesem Tag nicht. Abdelkarim fastet. Es ist Ramadan. „Das muss jeder für sich entscheiden, aber der Ramadan ist definitiv eine der fünf Säulen des Islam. Das ist für mich wichtig, ohne dass ich damit hausieren gehe. Jeder so, wie er möchte, solange er den anderen nicht stört.“

„Natürlich darf man Witze über den Islam machen“, sagt Abdelkarim auf der Bühne. „Die Frage ist, ob man dann noch Zeit hat, die Pointe zu erklären.“ Spricht man ernst mit ihm über Tabus, dann sagt er: „Satire darf alles. Wenn der Mensch auf der Bühne über jeden Zweifel erhaben ist, ein Rassist zu sein, dann kann der alles erzählen. Ich lache auch, wenn ein Chinese einen Araberwitz macht. Wenn er gut ist. Es dürfen nur keine plumpen Vorurteile bestätigt werden, egal von wem.“

Zwischen Ghetto und Germanen

Abdelkarim macht auch Witze darüber, wie die Menschen Religion interpretieren. „Aber ich würde nie aus der Bibel, dem Koran oder der Tora zitieren und mich aufspielen, als ob ich alles gecheckt hätte, und eine der Religionen als zurückgeblieben darstellen.“

Abdelkarim will lachen, nicht über jemanden, sondern mit allen zusammen. So wie bei seinem ersten Soloprogramm „Zwischen Ghetto und Germanen“ oder in seiner Sendung „Stand-Up-Migranten“ auf Eins-Plus. Da die Tage des Senders gezählt sind, ist laut Abdelkarim auch die Zukunft der ungewöhnlichen Sendung ungewiss, bei der Komiker in einer Shisha-Bar aufgetreten sind. Derweil schreibt er an seinem zweiten Programm. Und im Juli wird ihm der Bayerische Kabarettpreis verliehen. Kategorie: „Senkrechtstarter“.

Abdelkarim schüttet die glänzend aufgeschäumte Milch locker aus dem Handgelenk in die Tasse, so wie es ihm der Barista zuvor gezeigt hat. Nach einem cremigen Cappuccino sieht das Getränk schon aus. Aber ein Blättchen oder ein Blümchen – geschweige denn der „Mount Everest“ – ist im Milchschaum selbst bei größter Fantasie nicht zu erkennen. Abdelkarim ist trotzdem zufrieden mit seiner Latte-Art. Er zeigt auf die bräunlichen Stellen im weißen Schaum und sagt, was er sieht: „Eine Fledermaus!“ Sofort ist ihm sein Erfolg gewiss: „Die Fledermaus – das wird das neue Duisburger In-Heißgetränk.“

  • Abdelkarim tritt mit seinem Soloprogramm „Zwischen Ghetto und Germanen“ auf: am 10.9. Düsseldorf - Zakk; 12.9. Oberhausen – Ebertbad; 28.10. Herne – Flottmann Hallen; 11.12. Bochum – Bahnhof Langendreer; 18.12. Krefeld – Kulturfabrik. Weitere Termine: abdelkarim.tv