So lacht das Revier – Der Wortwitz ist René Sydows Waffe

Das Bild trügt: Der Kabarettist René Sydow wird auch gerne mal ungemütlich.
Das Bild trügt: Der Kabarettist René Sydow wird auch gerne mal ungemütlich.
Foto: Volker Hartmann

So lacht das Revier mit René Sydow

Er ist Autor, Kabarettist, Schauspieler und Regisseur. Seine Ideen holt er sich auch aus "alten" Büchern. Wir haben Ihn beim Nachschub begleitet.
Fr, 12.06.2015, 16.34 Uhr

Er ist Autor, Kabarettist, Schauspieler und Regisseur. Seine Ideen holt er sich auch aus "alten" Büchern. Wir haben Ihn beim Nachschub begleitet.

Beschreibung anzeigen
Was wir bereits wissen
Der Kabarettist aus Witten fordert sein Publikumund setzt damit Ausrufezeichen! Er ließ uns in seine liebsten Bücher schauen und verriet uns sein Vorbild.

Witten.. „Ich möchte nur hinter einer Partei stehen, bei der ich nicht sitzen muss, wenn ich nicht hinter ihr stehe“, sagt René Sydow und zitiert damit eines seiner größten Vorbilder: Werner Finck. Der Kabarettist hat einst den Nationalsozialismus mit Worten bekämpft. Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Sydow spricht von einem „Paradies“, wenn er heute an Deutschland denkt. Und doch würden immer noch zu viele Fehler gemacht, aktuell: die Flüchtlingskatastrophe. „Wir verhalten uns manchmal unmenschlich, dabei gibt es eigentlich gar keinen Grund dafür. Und das verstehe ich nicht!“

Ausrufezeichen!

Wir treffen René Sydow in der Buchhandlung Lehmkul in Witten, auf deren Bühne er selbst ab und an aus seinen eigenen Büchern liest. Dieses Mal zeigt der 35-Jährige aber andere Seiten. Er hat Bücher mitgebracht, die ihm viel bedeuten. Ganz oben auf der Liste steht eines von Werner Finck, das man nur noch im Antiquariat findet: „Stich-Worte zum Vor-, Nach- und Zuschlagen“. Schon der Titel zeigt Fincks Wortwitz, den Sydow ebenfalls beherrscht. Seit gut einem Jahr erobert er die Kabarett-Bühnen mit seinem Programm „Gedanken! Los!“

Ausrufezeichen!

René Sydow ist politischer Kabarettist durch und durch. Seine Worte der Kritik sind überlegt, ohne dass er dabei überheblich wirkt. Mit Dieter Hildebrandt wird er verglichen. „Ein großartiger Mann“, sagt Sydow und fügt selbstkritisch hinzu: „Hildebrandt war tagespolitisch besser.“ Ihm würde nicht zu jeder Nachricht ein Gag einfallen. „Mir sind Matthias Beltz und Werner Finck, die sehr viel mit Sprache gespielt haben, einfach näher.“

Sydow nimmt die Gesellschaft auseinander, zeigt die politische sowie die Fernseh-Verdummung. Und trägt das Ganze mit einer Wut vor, die den Zuschauer fesselt: „Meine Wörter sollen nicht zornig klingen, sie sollen nur das Gegenlicht sein für alle Blender und der Stolperdraht für jeden hinkenden Vergleich!“

Ausrufezeichen!

Die Wut ist echt. „Sonst würde es ja auch keinen Sinn machen“, betont Sydow. „Sobald mir irgendetwas wurscht ist, dann streiche ich es aus dem Programm. Ich muss schon hinter dem stehen, was ich da auf der Bühne sage.“ Selbst wenn es den Leuten nicht gefällt. „Auch wenn sie hinterher sagen, das sehe ich ganz anders. Ja, dann reden wir halt darüber, das ist doch gut!“

Ausrufezeichen!

„Warnung vor dem Munde“, heißt Sydows nächstes Programm. Er fordert seine Zuschauer heraus. Wer sich berieseln lassen möchte, ist bei ihm falsch. „Kabarett ist nicht da, wo am lautesten gelacht, sondern wo am lautesten gedacht wird“, sagt Sydow. „Ich finde es gut, das Publikum zu fordern: Bitte denkt mit mir darüber nach, warum ist das so, warum sind die Verhältnisse so?“ Er bohrt nach, zeigt eine andere Sicht auf die Welt. „Und der Humor ist dann die Möglichkeit, mein Anliegen zu transportieren, damit es Spaß macht, damit man sich nicht nur einen Vortrag anhört.“

Sydow wird niemals die Masse erreichen. Sein Publikum wird es ihm mit Treue danken. „Ich beneide Kollegen, die zehn Minuten lang etwas Lustiges über einen Hosenkauf erzählen können. Ich kann das nicht. Ich muss ein Anliegen haben!“

Ausrufezeichen!

Auf der Bühne spricht er in einem Tempo, dass man manchmal die Rückspultaste drücken möchte. Damit auch keine Doppeldeutigkeit verloren geht. Das schnelle Wort erinnert an die Zeit, als er zwei Jahre lang seine Texte auf Poetry-Slam-Bühnen vorlas. „Bis meine Frau sagte, bewirb dich doch mal bei einem Kabarett-Wettbewerb. Ich habe zuerst gemeint, um Gottes Willen, jetzt nicht noch Kabarett! Aber dann habe ich es doch gemacht und Preise gewonnen.“ Heute sieht man ihn auch im Fernsehen, etwa in „Die Anstalt“.

Da seine Frau, die Liedermacherin Fee Badenius auch als Lehrerin in Witten arbeitet, haben sie ihren Lebensmittelpunkt dorthin verlegt. Und weil es dort beschaulicher ist als zuvor im Dortmunder Norden. Sydow war vom Bodensee ins Ruhrgebiet gezogen, zum Studium des Film- und Fernsehwirts.

Schon mit 16 auf der Bühne

Bereits mit 16 Jahren hat er in der Schule Kabarettprogramme aufgeführt. „Ganz schlimmes Zeug, das kann man heute keinem mehr zeigen“, sagt er lachend. Ihm hat es Spaß gemacht, aber das Programm immer wieder umzuschreiben, tagesaktuell zu sein, das war ihm damals zu anstrengend. Und da er Filme liebte, sollte das sein Weg sein. Zunächst. Er spielte Theater, studierte das Können der großen Schauspieler, drehte Filme, übernahm kleinere Fernsehrollen. „Ich habe vom Tierarzt in ,Verbotene Liebe’ bis zum Bösewicht alles schon gemacht, pädophiler Polizist, Anwalt, was man so kriegt.“ Noch heute liebt er es, selbst Filme zu produzieren. Aber: „Wenn man keine Beziehungen hat, ist es nahezu unmöglich, in Deutschland als unabhängiger Filmemacher zu überleben. Und erstaunlicherweise ist die Kleinkunst eine Welt, wo es tatsächlich Zuschauer gibt, die Eintritt zahlen und zuhauf kommen!“

Ausrufezeichen!

Sydow hat ein weiteres Buch mitgebracht: „Die schlechtesten Filme aller Zeiten“. Da seien alle Thomas Gottschalk-Filme drin und die von Heintje. Er mag das Lexikon, nicht nur, um das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. „Ich habe meine ganze Jugend nur Filme geguckt. Noch heute schaue ich fünf, sechs Filme in der Woche, mindestens. Ich habe so viel gesehen, dass mir mittlerweile nur noch Filme gefallen, wenn sie ganz abseitig oder ganz schräg sind. Ich kann mir fast nichts Normales angucken, keinen Transformersfilm, das langweilt mich!“

Woher seine Interessen kommen, kann er heute gar nicht mehr sagen. In seiner Familie gab es keine großen Filmemacher oder Kabarettisten. „Ich bin die ersten Jahre von meiner Mutter und Großmutter aufgezogen worden, bis meine Mutter noch mal geheiratet hat. Die haben sich das Traumschiff angeguckt und nicht den Scheibenwischer. Ich habe das dann selbst irgendwann entschieden!“

Ausrufezeichen!

Noch einmal zitiert René Sydow sein großes Vorbild. Als einst bei einer Vorstellung ein Gestapo-Beamter Notizen machte, sagte Werner Finck: „Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?“ Fragezeichen, die wirken. Wie ein Ausrufezeichen!

Termine: René Sydow