Raumakustiker schaffen Architektur für die Ohren

In dem Saal der Kölner Philharmonie steht der Dirigent in der Mitte und die Zuschauerplätze sind Weinbergartig um ihn herum aufgebaut.
In dem Saal der Kölner Philharmonie steht der Dirigent in der Mitte und die Zuschauerplätze sind Weinbergartig um ihn herum aufgebaut.
Foto: Matthias Baus
Was wir bereits wissen
Damit Konzertsäle nicht nur schön aussehen, arbeiten Architekten und Raumakustiker eng zusammen. Form und Inneneinrichtung beeinflussen den Klang.

Bochum.. Die neogotische Marienkirche als Foyer, links und rechts daneben Konzertsaal und Musikschule in zwei kubischen Gebäuden. Von außen ist das Bochumer Musikzentrum eine unkonventionelle Kombination aus alt und neu. Die Inneneinrichtung hingegen soll mit amerikanischer Kirsche an Wänden und Brüstungen sowie hellen Polstern in den Sitzreihen klassisch ausfallen. Optisch macht das viel her, aber wichtiger ist doch die Frage: Wie wird es klingen, wenn die Symphoniker im nächsten Jahr hier das erste Konzert spielen? Dass die Antwort darauf positiv ausfällt, ist die Aufgabe von Raumakustikern wie Eckard Mommertz von der bayerischen Ingenieur-Firma Müller-BBM. Er weiß: „Die beste Akustik ist die, die man nicht sieht.“

Welche Unterschiede gibt es bei Schuhkarton und Weinberg?

Bei der Saalgeometrie wird allgemein zwischen zwei Typen unterschieden. Zum einen wäre da der „Schuhkarton“, ein klassischer Rechteckraum. Hier hebt der Widerhall der Seitenwände die hohen Töne bei lauten Musikpassagen hervor und die Töne werden in Richtung der Zuhörer geleitet. Das Ergebnis: Die Musik klingt dynamischer. Konzertsäle, wie der Wiener Musikverein, das Bochumer Konzerthaus ­sowie die Essener Philharmonie und das Konzerthaus Dortmund sind „Schuhkartons“. Neue Gebäude werden auch häufig vieleckig geplant und nehmen außergewöhnlichere Formen an.

Konzerte In der Berliner und der Kölner Philharmonie befinden sich Orchester und Dirigent mitten im Raum, die Zuschauerränge sind wie an einem Weinberg rundherum angeordnet. So können Besucher die Musik nicht nur hören, sondern auch sehen. Doch solche Entwürfe stellen Raumakustiker vor Herausforderungen. Mit Akustik-Segeln an der Decke und ungewöhnlichen Wandstrukturen können akustische Probleme aber behoben werden. „Reflektierende Seitenwände wie in Rechteckräumen lassen sich durch die Weinbergstufen generieren“, erklärt Mommertz.

Was ist wichtig beim Entwerfen eines Konzertsaals?

Es reicht nicht, dass die Besucher ein Konzert von allen Plätzen aus genießen können. Auch die Musiker und der Dirigent stellen gewisse Anforderungen an einen Konzertsaal. Das Orchester muss sich selbst gut hören und der vom Orchester erzeugte Klang muss als Einheit in den gesamten Saal abgestrahlt werden.

Um den perfekten Klang zu erzeugen, ist komplizierte Mathematik erforderlich. Zunächst muss das Raumvolumen genau berechnet werden. Es muss so groß sein, dass die Nachhallzeit in einem voll besetzten Saal bei etwa zwei Sekunden in den mittleren Frequenzen liegt. Ist die Nachhallzeit kürzer, wirkt ein Raum „tot“, ist sie länger, verwischt der Ton. In großen Kirchen ist der Nachhall häufig bis zu fünf Sekunden lang, im Kölner Dom sogar dreizehn Sekunden. Ohne technische Hilfsmittel und Anpassung der Sprechweise wäre eine Predigt dort nur schwer zu verstehen.

Wie beeinflusst die Inneneinrichtung den Klang?

Auch die akustischen Eigenschaften der Materialien an Wänden, Decken und Fußböden bestimmen mit, wie ein Saal klingt. Grundsätzlich gilt: Glatte, harte Flächen werfen den Schall zurück – genau so wie ein Spiegel das Licht; offenporige Oberflächen wie Vorhänge oder Polsterungen schlucken den Schall. „Die Akustik ist der hörbare Teil der Architektur“, sagt Mommertz. Nur die enge Zusammenarbeit von Architekten und Akustikern ermögliche den perfekten Klang.

Jobverlust Auch an die Sitzmöbel in einer Philharmonie werden hohe Ansprüche gestellt. Damit Musiker bei Proben vor dem leeren Saal annähernd die gleiche Akustik vorfinden wie bei Konzerten vor ausverkauftem Zuschauerraum, müssen Stühle Schall schlucken. Deshalb kommt es bei Form, Material und Polster nicht nur auf die Optik an. Meist ist eine Vielzahl von Vorversuchen im Schalllabor notwendig, bevor eine Auswahl getroffen werden kann. Dabei kann es sogar von Bedeutung sein, in welchem Land ein Konzerthaus steht. Denn: Italiener nehmen ihre Mäntel mit in den Zuschauerraum, Russen geben sie an der Garderobe ab – das beeinflusst die akustischen Verhältnisse deutlich.

Auch bei der Gestaltung des Bodens gibt es Besonderheiten. Im russischen Mariinski-Theater sowie im Bochumer Musikzentrum wurden Holzbodenkonstruktionen eingeplant, die sich durch gute Schwingungseigenschaften auszeichnen und in lauten Passagen den Orchesterklang unterstützen sollen. Insbesondere für das Orchesterpodium ist ein mitschwingender Boden wichtig.

Von welchem Platz aus hört man am besten?

In Konzertsälen gibt es den einen Platz, von dem aus man das beste Klangerlebnis hat, nicht. „Im Rechtecksaal ist der Klang aber zwischen dem ersten und zweiten Drittel der Ränge am ausgewogensten“, so Mommertz. In Zentralräumen kann es durchaus Unterschiede geben. An der Seite oder hinter dem Orchester hört man oft schlechter als auf anderen Plätzen. Sitzt ein Besucher nahe einer bestimmten Instrumentengruppe, wird er diese auch deutlicher heraushören können.

Doch selbst wenn die Akustik in einem Raum genau austariert ist, gilt wie so oft: Über Geschmack lässt sich streiten. Schließlich hat jeder andere Hörgewohnheiten und jedes Orchester spielt etwas anders.