Oli Hilbrings Gespür für schnelle Handys und dicke Nasen

Cartoonist Oli Hilbring zeichnet in Bochum für die Serie „So lacht das Revier". Hennes Bender schaut zufällig vorbei – und will kurzerhand selbst zeichnen.
Cartoonist Oli Hilbring zeichnet in Bochum für die Serie „So lacht das Revier". Hennes Bender schaut zufällig vorbei – und will kurzerhand selbst zeichnen.
Foto: Fabian Strauch / FUNKE FotoServices
Was wir bereits wissen
Der Bochumer Cartoonist Oli Hilbring widmet sich den Tücken der modernen Kommunikation. Er verpasste Hennes Bender für uns einen dicken Zinken.

Bochum.. Seine Blicke schweifen still und fest entschlossen durchs Bermuda3eck, unermüdlich auf der Suche nach jemandem, dem er einen Zinken verpassen kann, einen echten Hilbring-Zinken. Und bevor Sie jetzt in die falsche Richtung denken: Das tut nicht weh, das ist auch nichts Schlimmes. Obwohl... Wenn man den Leuten, die Oli Hilbring sich vorgeknöpft hat, ins Gesicht schaut, schrecken manche in einer ersten Schrecksekunde leicht zurück. Denn trüge man so eine Nase, wie der Cartoonist sie seinen Porträts verpasst, tatsächlich im Gesicht – viele würden wohl vornüber kippen.

Aber noch stehen alle aufrecht. Oder vielmehr sitzen. Denn an diesem Sonnentag hat es Oli Hilbring zunächst auf ein paar markante Gesichter abgesehen, die unter freiem Himmel sitzen und das Wetter genießen. So wie Philipp aus Frankfurt, der mit einem paar Studienkollegen hier eine bestandene Prüfung feiert. Oder Franz-Josef aus Kevelaer, der hier mit seiner Frau auf die Tochter wartet, die ein paar hundert Meter weiter gerade zur Staatsanwältin ernannt wird. Sie staunen erst über das rasante nasale Wachstum, das sie alle auf dem Papier erfahren haben. Und freuen sich dann doch sichtlich.

Denn Hilbrings Cartoon-Porträts sitzen. So gut, dass er den Gezeichneten erspart, an diesem Tag ein Selfie von sich aufnehmen zu müssen. In gewisser Weise ist genau das auch seine Mission, denn sein aktueller Cartoonband heißt: „Kopf hoch! Smartphone ist heilbar“ Darin führt er den Menschen, die sich manisch den kleinen Aufmerksamkeitsdieben aus dem Handyshop widmen, ihren eigenen Irrsinn vor Augen: „Ich beömmele mich oft über die Leute, die ich in der Bahn oder in der Fußgängerzone so sehe, da sind schon ein paar extreme Härtefälle dabei.“

Überhaupt haben die neuen Medien und die neue Kommunikation es ihm angetan, wie er schon mit den beiden Bänden „Fiesbook“ und „The social madwork: Fiesbook 2.0“ bewiesen hat. „Man sucht ja immer nach Themen, die die Menschen interessieren und sie dazu bewegen könnten, so ein Büchlein auch zu lesen. Ich selbst bin immerhin nicht so extrem, dass ich im Laufen noch vor mich hintippe.“

Gerade bei Facebook finde er die wildesten Sachen. „Letztens schrieb einer: London hat fünf Flughäfen. Und der nächste: Berlin nicht. Da sieht man, dass in so einem Netzwerk unheimlich viel Kreativität und Humor unterwegs ist. Und da schaue ich drauf.“

Handy-Verrückte

Heute allerdings konnte Hilbring noch keine Handy-Verrückten ausfindig machen. Dabei ist er selbst Nutznießer der Multimedia-Manie. Wenn es sie nicht gäbe, wäre er vielleicht nicht so schnell so bekannt geworden. „Ich finde, dass der Cartoon über die sozialen Medien eine Renaissance als Kunstform erlebt. Auch weil die Leute keine Zeit haben, sich ein ganzes Video anzusehen, aber sich einen Einbildwitz schnell angucken können...“ Mit dem Cartoonzeichnen hat der 46-jährige Bochumer, der in Ludwigshafen geboren wurde und sonst als Werber arbeitet, erst 2009 richtig begonnen. Seitdem hat er immerhin vier Cartoon-Bände veröffentlicht.

Wer jetzt richtig mitgezählt hat, merkt schnell: Da fehlt noch einer! Es fehlt sogar ein ganzer „Vollpfosten“, denn so heißt Hilbrings längst vergriffener Fußball-Band. Denn ja: Fußball ist seine Leidenschaft, für den „Reviersport“ zeichnet er an jedem Wochenende. „Und nicht nur Ruhrgebietsfußball! Ich bin ja ein großer FC-Bayern-Fan... Nein! Stimmt gar nicht, schreiben Sie das nicht... Ich bin Schalke-Fan und Vfl-Bochum-Sympathisant.“

Dabei spielt sich der Fußball in Hilbrings Cartoons nicht zwangsläufig im Stadion ab, es kann auch mal an der Supermarkt-Kasse sein. „Nachdem Schalke damals so mies gespielt hatte mit Felix Magath, habe ich ja diesen Cartoon an der Supermarktkasse gemacht: Guten Tag Herr Magath, sammeln Sie Punkte?“ Das brachte ihm sogar eine Einladung in die Sportschau ein. Fünf Minuten Ruhm, die allerdings ein wenig verpufften. Denn Gerhard Delling las vor dem Millionenpublikum den Cartoon nicht nur laut vor, er nannte auch den Namen: „Ein Cartoon von Oli Hirsching.“ Hilbring: „Da dachte ich: Ja, schönen Dank!“ Die beliebtesten der Fußball-Cartoons wurden 600 000-mal geliked.

Doch kehren wir zurück ins Bermuda3eck, wo Hilbring nach getaner Arbeit noch ein letztes Zinken-Opfer sucht – und plötzlich ruft: „Hennes!“ Tatsächlich huscht Hennes Bender dort über die Straße, erkennt Hilbring – und kommt gleich mal herüber. Die beiden kennen sich. Eigentlich hat Bender keine Zeit, weil er zu einer Talkrunde mit Torsten Sträter und Katrin Bauerfeind muss. Aber für ein gezeichnetes Selfie reicht es gerade noch. Hilbring porträtiert über die Schulter hinweg, während Bender ein wenig in Pose geht. Allerdings mag der Kabarettist so einen Hilbring-Zinken nicht hinnehmen, ohne sich zu revanchieren. Denn auch Bender kann den Stift schwingen – und so wird der Cartoonist am Ende auch noch zum Gezeichneten. Und ja, man erkennt Hilbring wieder. Auf der Zeichnung. Und im echten Leben. Als Passanten vorbeigehen, stoppen sie erst bei Bender – und erkennen dann: Das ist ja Oli Hilbring! Und damit dürfte er der erste Cartoonist des Ruhrgebiets sein, der (beinahe) spontan auf der Straße erkannt wurde.