Mit Kultur Brücken schlagen

Der Musiker Tim Cleve spielt mit zwei Schuhsohlen auf dem selbstgebauten „Rorophon“.
Der Musiker Tim Cleve spielt mit zwei Schuhsohlen auf dem selbstgebauten „Rorophon“.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Die Kulturnacht am 27. Juni ist Höhepunkt im „Schalthaus Bergmannsglück“. Es ist eines der Sozialprojekte, die Menschen zusammenführen.

Gelsenkirchen..  Rockig und soulig ist ihre Stimme. „Mit Wumms“, wie jemand aus der Band ihr zuruft. Die 17-jährige Melina Flipiak steht in der Galerie des Kulturhauses „Alfred-Schmidt Haus“ in Gelsenkirchen-Buer. Es ist die Generalprobe für die Kulturnacht am 27. Juni. Aus den Boxen der Musikanlage neben ihr tönt laut Nenas Hit „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“. Melina übt gerade für ihren Solo-Auftritt. Ein Bandmitglied, der 55-jährige Roland Radtke, spielt dazu aus Spaß Luftgitarre, alle anderen wippen mit im Takt. „Wir sind sehr stolz auf sie. Ihre klassische Mädchenstimme hat sich in zwei Jahren super entwickelt“, freut sich die hauseigene Gesangslehrerin Kira Schmidt.

Jeder Fortschritt von ihren Schützlingen ist für sie und ihre Mutter Monika etwas ganz Besonderes. Denn für die jährliche Kulturnacht arbeiten sie darauf hin. Vor drei Jahren riefen Mutter und Tochter das ehrenamtliche Sozialprojekt „Schalthaus Bergmannsglück“ in dem ehemaligen Schalthaus der Zeche ins Leben – ihr Einsatz bewahrte es vorm Abriss. Die Idee war es, Menschen unabhängig von ihrer musikalischen Vorbildung in einer Gemeinschaft an Kultur heranzuführen und von Profi- Tänzern und Sängern profitieren zu lassen. „Jeder ist willkommen, unabhängig von der Religion oder Nationalität. Wir wollen verschiedene Menschen zusammenführen und dabei spielt die Begegnung und das Miteinander eine große Rolle. Wir leben Inklusion“, betont Monika Schmidt.

Teamwork im Schalthaus

Melina spielte zwar bereits Geige, als sie zur Gruppe stieß, aber „bei ihrem ersten Auftritt hörte man ihre Geige kaum“, wirft Kira Schmidt ein. Mittlerweile spielt sie auf einer E-Geige und gilt genau wie ihre Bandkollegin Kathrin Siebold (17) als „Rampensau“, wie Roland sie lachend beschreibt. Und die beiden sind nur zwei von insgesamt rund 50 Jugendlichen und Erwachsenen aus 13 Nationen, die sich bei dem Projekt engagieren und derzeit mit Leib und Seele an dem Programm für die diesjährige Kulturnacht mitwirken.

Ein Jahr bereitete die Gruppe oder Schalthausfamilie, wie Monika Schmidt sie nennt, das Kulturprogramm vor. „Die Jugendlichen wissen, dass sie sich mit ihren Mitteln einsetzen müssen, damit wir die Kulturnacht gemeinsam auf die Beine stellen können. Es ist Teamwork“, sagt sie und zeigt auf den vor ihr stehenden sogenannten „Fass-Bass“. Ein schwarzer Plastikblumenkübel steht mit der Öffnung nach unten auf dem Boden. Und das hat auch seinen Grund. In Kombination mit dem an ihm befestigten Besenstiel und der daran gespannten roten Wäscheleine, ist er ein Musikinstrument der Band.

Selbstgebaute Instrumente

„Den haben wir selber mit Dingen aus dem Baumarkt gebaut“, erklärt Monika Schmidt. Und dann nähert sich auch schon Roland Radtke, er stülpt handelsübliche Gartenhandschuhe über seine Finger und beginnt mit eben diesen auf der Leine zu zupfen. In tiefer Tonlage stimmt er rhythmisch in das von Kira Schmidt selbstkomponierte „Intro“ ein. „Früher war ich unmusikalisch“, lacht Roland. Aber heute ist er Teil der Band. Melina spielt Geige, Kathrin Keyboard, die 12-jährige Zoe Querflöte. Und das Besondere: Tim Cleve spielt das „Rorophon“. „Ich muss mich erstmal stimmen“, sagt er. Mit zwei Schuhsohlen schlägt er auf Öffnungen von unterschiedlich langen Abflussrohren, die alle in die Platte eines Holzgestells gesteckt und wie bei einer Panflöte der Länge nach angeordnet sind. „Der Luftstrom erzeugt den Ton. Je länger das Rohr, desto tiefer der Ton. Mit einer Säge haben wir das Rorophon gestimmt, indem wir die Rohre gekürzt haben.“ Die Idee hat sich die Gruppe von der Blue-Man Group geholt, die mit solchen Instrumenten berühmt wurde.

Eine getanzte Geschichte

Jetzt sind die Tänzer dran. Gerade kommen sechs junge Menschen im Sportoutfit durch die Tür. Sie sind Mitglieder einer Tanzgruppe eines Karnevalsvereins und wirken ebenfalls bei der Kulturnacht mit. In zwei Reihen stellen sie sich auf und machen sich warm. „Bei uns begegnen sich verschiedene künstlerische Disziplinen“, erläutert Kira Schmidt. So auch bei diesem Programmpunkt. Die Gruppe des selbst produzierten „Modern Dance“-Stücks übt nun das erste Mal gemeinsam mit der Band, die den Song „Abenteuerland“ zu dem Tanz präsentiert. „Die getanzte Geschichte haben wir selber entwickelt. Sie basiert auf den Aussagen von Menschen, die wir vor Weihnachten auf der Straße fragten, was ihnen im Leben wichtig ist“, erläutert Monika Schmidt. „Dabei kamen tolle Sachen raus.“ Bei der Kulturnacht werden diese Botschaften auf einer Videoleinwand gezeigt. Wie zum Beispiel diese Antwort: „Für mich ist es ganz wichtig für die Gemeinschaft zu kämpfen, dass man sich versteht und miteinander Dinge erleben kann.“

  • Die Kulturnacht No.5 findet am heutigen Samstag, 27. Juni, ab 20 Uhr auf der Zeche Bergmannsglück statt, Bergmannsglückstraße 42, in Gelsenkirchen. Der Eintritt ist frei. Zusätzlich zum Musik- und Tanzprogramm stellt Monika Schmidt ihre Gemälde aus. Das Projekt finanziert sich über Spendenund Fördergelder. Weitere Informationen unter schalthaus-bergmannsglueck.de