Mit der Bundeswehr zum Konzert ins Krisengebiet

Mit schussicherer Weste und Begleitung geht’s für die Duisburger und Weseler zum Auftritt.
Mit schussicherer Weste und Begleitung geht’s für die Duisburger und Weseler zum Auftritt.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Die Revier-Band „Reached“ spielt auch für die Bundeswehr. Für ihre Auftritte vor unseren Soldaten wird sie nach Afghanistan und ins Kosovo geflogen.

Duisburg/Wesel.. Manuel Schöter hat sich eine Transall auf den Hals tätowieren lassen. Unter der Zeichnung steht „ISAF 2014“. Der Duisburger war im vergangenen Jahr mit seiner Band „Reached“ zu Gast in einem Lager der Bundeswehr, und hat dort für die Soldaten gespielt. Ein Erlebnis, das ihm nicht nur sprichwörtlich unter die Haut ging.

Entdeckt wurden die Hobby-Musiker, die sich auf Deutschrock etwa von den Böhsen Onkelz spezialisiert haben, bei einem Festival in Süddeutschland. Als „Reached“ ein Lied gemeinsam mit Doro Pesch spielte, war zufällig ein Bundeswehr-Mitarbeiter im Publikum. Beim Heer hatten sie kurz zuvor eine Umfrage gemacht, welche Musik die Soldaten gerne hören – und welche Bands sie gerne einmal live sehen würden. Die Böhsen Onkelz wurden genannt. Kurze Zeit später wurde die Band eingeladen, in einem Camp der Bundeswehr in Afghanistan zu spielen. „Da schluckt man erstmal, aber das Angebot war geil“, erklärt Schöter. Sänger Stefan Reuther erinnert sich: „Ich war geschockt, damit rechnet man ja nicht.“ Dem Familienvater fielen sämtliche Berichte aus Afghanistan ein, die er aus den Nachrichten kannte. Er beriet sich mit den Bandkollegen – und sagte zu.

Angst vor dem Flug, nicht vor dem Einsatz

Erfahrung mit der Bundeswehr hat Reuther nicht, anders als Manuel Schöter. Der Hafenarbeiter hat als junger Erwachsener gedient. „Ich hätte mich gerne verpflichtet, aber damals gab’s keine freien Plätze“, erinnert er sich. Viel mehr „Schiss“ als vor dem Auftritt im Kriegsgebiet hatte er allerdings vor dem Flug. Bisher hatten Schöter und seine Freundin vor allem Urlaub an Nord- und Ostsee gemacht – eben, weil man nicht dorthin fliegen muss. Zum ersten Einsatz ging’s zunächst mit einem Linienflug. Ins Bundeswehr-Camp brachte die Band dann eine Transall.

„Da sitzt man an der Seite, fühlt sich wie in einer Achterbahn, und als wir zu Landung ansetzten, ist mir alles aus dem Gesicht gefallen.“ Ab und zu riskierte er einen Blick aus der Maschine – und entdeckte von oben wunderschöne afghanische Landschaften, die man am Boden wegen der politischen Lage aber nicht so einfach erkunden kann. Ein Sicherheitsoffizier passte die ganze Zeit auf die Musikgruppe auf. Das Camp durften sie nicht verlassen, aber die Truppe gewährte Einblicke so gut es ging. „Die haben sich tierisch über Abwechslung gefreut“, erzählt der 31-Jährige, der sich für die Konzerte Urlaub nimmt. Stefan Reuther beschreibt: „Die Stimmung ist anders als auf normalen Konzerten. Das Publikum ist lauter und dankbarer.“ Wohl auch deshalb geben sie bei solchen Auftritten mehr Zugaben als gewöhnlich.

„Besondere Betreuungsmaßnahme“

Im Bundeswehr-Jargon heißen die Konzerte übrigens „besondere Betreuungsmaßnahme“. Oberstleutnant Thomas Kolatzki erklärt: „Die Auftritte sind eine wirkungsvolle Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Motivation unserer Soldaten.“ Neben Bands werden auch regelmäßig Comedians und Sportler eingeladen. „Viele Künstler wenden sich auch an uns.“ Kulturelle Veranstaltungen dieser Art finden in der Regel alle zwei Monate in Afghanistan und im Kosovo statt.

Archäologie „In anderen Gebieten können Konzerte wegen der komplexeren Rahmenbedingungen nur selten bis gar nicht durchgeführt werden.“ Der Aufwand ist enorm: Bevor es für „Reached“ losgeht, müssen die Musiker genau anmelden, was sie an Equipment mitnehmen wollen. Auch ein polizeiliches Führungszeugnis mussten sie einreichen. Das Team besteht nicht nur aus den Musikern, sondern auch aus Ton- und Lichttechnikern. Außerdem dürfen sie aus Sicherheitsgründen niemandem erzählen, wann sie ihren nächsten Auftritt im Krisengebiet haben. Verschlechtert sich die Sicherheitslage vor Ort, muss der Gig abgesagt werden.

Frauen und Kinder bleiben daheim

Das nächste Mal geht es in den Kosovo. Manuel Schöter hat schon ein bisschen über das Gebiet gelesen. Ob er und die anderen sich in Pristina frei bewegen dürfen, weiß er noch nicht. Eigentlich versucht Sänger Reuther auszublenden, dass er sich im Einsatzgebiet befindet. „Das geht dann aber schlecht, wenn wir uns für den Weg vom Flughafen bis zum Camp eine schusssichere Weste anlegen sollen“, gibt er zu.

Die Lieben daheim machen sich auf jeden Fall Sorgen, wenn die Band sich wieder auf den Weg macht. Deshalb bleiben die Frauen und Kinder auch zu Hause. Trotzdem sind sich die Musiker sicher, das Richtige zu tun. „Die Jungs sind so dankbar. Es macht einfach Spaß, für sie zu spielen und ihnen eine gute Zeit zu bereiten“, findet Manuel Schöter. Beim letzten Mal machte ihnen die Truppe sogar ein besonderes Geschenk: „Auf einmal zauberten sie eine Gitarre hervor, die von allen vor Ort unterschrieben war.“