Mit allen Religionen in Herzlichkeit und Eintracht vereint

Neujahr im Frühjahr. Die Mitglieder der Bahá’í-Gemeinde in Essen feiern mit Freunden ihr Naw-Ruz-Fest.
Neujahr im Frühjahr. Die Mitglieder der Bahá’í-Gemeinde in Essen feiern mit Freunden ihr Naw-Ruz-Fest.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Anhänger der Bahá’í, der jüngsten Weltreligion, glauben an Toleranz und Gleichheit unter den Menschen – und ans Miteinander der Religionen.

Essen..  „Oh Herr! Bringe alle Seelen in Einklang“, beginnt ein junger Mann, rosa Wangen, Brille und Vollbart, zu lesen. Aufmerksam lauscht dem Gebet eine afrikanische Dame mit Dreadlocks und leuchtend gelb-schwarzer Bluse. Die in schlichter Jeans und Pulli gekleidete türkische Mutter neben ihr versucht derweil, ihren Säugling zu beruhigen.

Bunter könnte sie nicht sein, die Gruppe aus etwa 50 Menschen, die sich an diesem Tag in den schmucklosen Räumen des Essener Bahá’í-Zentrums versammelt hat. „Unity of mankind“ – die Einigkeit der Menschen – ist eines der obersten Gebote des Bahá’í-Glaubens und der Hauptgrund, warum die Religion sie überzeugt habe, erklärt die Afrikanerin in der knalligen Bluse. Ihr Name ist Willonah Zimmermann.

Alle Relgionen aus einem Guss

Die 26-Jährige aus Uganda ist erst vor Kurzem mit ihrem deutschen Ehemann nach Essen gezogen. Gefunden haben sie sich über ihre gemeinsame Religion: Ein Paradebeispiel dafür, wie das Bahaitum nationale und ethnische Grenzen auflöst. Anhänger der jüngsten Weltreligion sind über den gesamten Globus verstreut, fünf Millionen gibt es weltweit, rund 6000 in Deutschland und 350 im Ruhrgebiet.

Die 50 von ihnen, die heute in Essen zusammengekommen sind, feiern gemeinsam das Naw-Ruz-Fest, das Neujahrsfest und das Ende der Fastenzeit (Infobox). Wobei nicht alle von ihnen Bahá’í sind: Einige Gemeindemitglieder haben Freunde mitgebracht, auch Muslime und Christen lernen die Bahá’í heute kennen. „Verkehret mit allen Religionen in Herzlichkeit und Eintracht“, schrieb der Religionsstifter Baha’u’llah Mitte des 19. Jahrhunderts. Bei den Bahá’í werden auch Passagen aus der Bibel und dem Koran zitiert, Mohammed und Jesus werden als Offenbarer der göttlichen Gesetze angesehen.

Unterdrückung im Iran

Der eine Gott ist in allen monotheistischen Religionen der gleiche; in Zeiten von religiösem Extremismus und Terror sorgt dieses zentrale Mantra für eine besondere Geschlossenheit in den Bahá’í-Gemeinden. „Wir kommen viel näher zusammen und leben intensiver miteinander“, erzählt das Essener Gemeindemitglied Roya Schayani-Mühlschlegel, die heute durch die Festlichkeiten führt.

Dem toleranten Weg wird jedoch nicht überall auf der Welt mit eben gleicher Toleranz begegnet: Im Iran sind die Bahá’í die größte religiöse Minderheit, und werden dort seit Jahrzehnten diskriminiert, gar eingesperrt und gefoltert. Weltweit versuchen Bahá’í regelmäßig, auf die Unterdrückung aufmerksam zu machen – wenige Stunden vor der Neujahrsfeier nahm auch Schayani-Mühlschlegel an einem Flashmob in Köln Teil, bei dem Briefe Gefangener vorgelesen wurden.

Auch Roya Schayani-Mühlschlegel hat Wurzeln im Iran – ihr Vater kommt von dort – lebte selbst allerdings lange mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann in Haifa, Israel. Dort befindet sich das Weltzentrum der Bahá’í, in dem 700 Menschen aus 60 Nationen arbeiten. Sie war dort von 1991 bis 2001 als Ärztin tätig, ihr Mann half als Bauingenieur, die noblen Gärten des Zentrums mitzugestalten.

In der deutschen Familie ihres Mannes, Rolf Mühlschlegel, wird das Bahaitum bereits seit fünf Generationen praktiziert. Wobei er seine Konfession nicht einfach in die Wiege gelegt bekommen hat – zum Bahá’í kann man sich erst mit 15 erklären. Erst dann sei man mündig genug, seinen Weg zu wählen. Für Rolf Mühlschlegel keine Entscheidung, die er ohne Skepsis getroffen hat.

Nichts für die wilde Jugend

„Ich finde auch richtig, dass das nicht traditionell bestimmt ist“, sagt er, „aber natürlich gibt es auch Phasen im Teenager-Alter, in denen man Abstand von der Religion nimmt.“. Zwar schreibt das Bahaitum ein dünnes Regelwerk vor, aber die wenigen Vorschriften stehen nicht unbedingt im Einklang mit den Vorstellungen einer wilden Jugend: Keuschheit, kein Alkohol, grenzenloser Respekt vor Gesetzen des Heimatstaates.

Trotzdem nehmen am heutigen Fest erstaunlich viele junge Leute Teil – woran liegt es? „Jeder ist verantwortlich für sich selbst“, erklärt sich Roya Schayani-Mühlschlegel die kaum abschreckende Wirkung des Regelwerks. Es gibt keinen Klerus, keinen geistlichen Führer, keine „gehobenen Zeigefinger“.

Entsprechend freigeistig gestaltet sich auch das Büfett beim geselligen Speisen am Ende der Gemeindefeier – von scharfer Hühnersuppe bis kräftigem Kartoffelsalat. Bunt eben, typisch Bahá’í.

Fakten über Bahá’í

  • Der Bahá’í-Kalender beginnt im Jahr 1844. Ein Jahr hat 19 Monate mit je 19 Tagen, insgesamt ergibt das 361 Tage – die restlichen vier zur Vervollständigung des gregorianischen Jahreswerden angehängt, damit die Bahá’í immer zum Frühlingsbeginn am 21. März ihr Neujahr feiern können.
  • Zu Beginn jeden Monats halten die Bahá’í das Neunzehntagefest ab. Es bildet den Mittelpunkt des Gemeindelebens.
  • Gleichzeitig zum Neujahrsfest feiern die Bahá’í das Ende der Fastenzeit. Die letzten 19 Tage im Jahr sollten sie von Sonnenaufgang bis -untergang nüchtern bleiben. Die Fastenzeit gilt als Zeit der Meditation und der geistigen Erneuerung.
  • Die Bahá’í feiern zwar kein Ostern, haben ihr wichtigstes Fest aber auch im April. Das Ridwan-Festerstreckt sich über zwölf Tage (21. April bis 2. Mai) und erinnert an die erste öffentliche Verkündigung des Religionsgründers Baha’u’llah im Garten Ridvan, nahe Bagdad.