Marco Ringel unterrichtet Jecken in „Karnevalsrhetorik“

Lehrer Marco Ringel hat den Seminarraum etwas aufgepeppt.
Lehrer Marco Ringel hat den Seminarraum etwas aufgepeppt.
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Der Lehrer Marco Ringel ist spezialisiert auf Karnevalisten von der traurigen Gestalt. Er hilft ihnen, wenn sie falsch betonen und beim Reimen leiern.

Trier.. Narren zum Lachen zu bringen, ist ja eine Aufgabe, die man ganz schnell unterschätzt. Marco Ringel aber hat zu viele Desaster gesehen in den Jahren, als er selbst noch auf Karnevalssitzungen Musik machte mit Trompete oder Gitarre: die Büttenredner, die den Saal mit jeder, wenn man so will, Pointe tiefer einschläferten; die Sitzungspräsidenten mit bleierner Moderation; die Prinzenpaare, die untergingen in einem Strudel aus Scham und Fremdscham.

Das würde Ringel natürlich niemals so direkt sagen, er spricht lieber von „gewissen Defiziten“ – der Mann, man ahnt es jetzt, hat Ahnung von Rhetorik. Und dachte sich, dass man die Peinlichkeiten auf den Bühnen bei dem einen oder anderen abstellen könnte: „Wenn jemand von Rhetorik keine Ahnung hat, können Sie in zwei Tagen schon viel erreichen.“

Ringel ist spezialisiert auf solche Karnevalisten von der traurigen Gestalt. Sieht man ab von jenen beschlagenen Büttenrednern, die Nachwuchs vereinsintern anleiten, dann ist Ringel wohl allein in seiner Nische „Karnevalsrhetorik“. Da organisiert er Seminare in seiner Heimatstadt Trier, hat aber auch schon für Vereine oder Verbände im ganzen Land Karnevalisten geschult, also, in den Karnevalsgegenden jedenfalls. Namen oder Vereine nennt er aber nicht, und wenn Ihr Prinzenpaar plötzlich so souverän wirkt, ist es gewiss nur die Erfahrung, die es inzwischen hat.

„Die blutigen Anfänger, die Leute, die Rednerschulung für Quatsch halten und die ich eigentlich haben wollte, die kommen nie.“ Es kommen die, die lange genug dabei sind, um zu wissen von ihren „gewissen Defiziten“. Die zu reden anfangen, bevor sie noch am Mikrofon sind. Die keinen Blickkontakt mit dem Publikum aufbauen. Die zu schnell oder zu leise reden oder ohne Pause oder ohne Betonung. Oder die beim Reimen leiern. Man kann über alles reden, aber nicht über zehn Minuten?

Doch, aber dann müsse der Text auch durchweg gut sein, sagt Ringel: Mittelmäßige Passagen gehören raus. „Lieber zehn tolle Minuten als 20 mit Höhen und Tiefen.“ So viele Büttenreden hat er inzwischen gehört, dass er zu dem Schluss gekommen ist: „Der Erfolg einer Rede hängt nicht mit dem Inhalt zusammen, sondern mit der Vortragsart.“ Manche aus dem Internet gezogenen Büttenreden hört er von unterschiedlichen Rednern, so entsteht eine gewisse Vergleichbarkeit, und das kommt Ringel durchaus entgegen – denn sein Brotberuf ist Lehrer.

Ob Student oder Karnevalist, dem Lehrer ist es egal

„Als Lehrer ist für mich egal, ob ich ein Seminar konzipiere für meine Studenten oder die Karnevalisten.“ Tatsächlich leitet er das „Staatliche Studienseminar für das Lehramt an Realschulen plus, Trier“ (und an diese Stelle gehört der Einschub, dass ,Realschulen plus’ selbst ein rhetorischer Kniff ist, denn so bezeichnet Rheinland-Pfalz seinen neuen Schultyp aus Realschule und – Hauptschule).

So steht in Ringels dienstlichem Bücherschrank „Allgemeindidaktische Modelle in der Lehrerausbildung“ unweit von „Büttenreden in Versen“; ein Band „Lob der Disziplin“ in der Nähe von „Helau und Alaaf! Neue Büttenreden“; und neben „Neue Medien in der Schule: Widersprüche – Perspektiven – Konsequenzen“ darf natürlich das Standardwerk „Närrisch voran“ nicht fehlen. Er braucht sie für die Seminare, wo Spontanitätsübungen ebenso vorkommen wie „Abbau von Aufregung“ oder der komplexe „Umgang mit Standardproblemen“ – Verspätung, Rückkopplung, Angriffe, Unruhe im Saal. Bis hin zu: Todesfall.

Vor rhetorischen Angriffen etwa hätten viele Karnevalisten Angst. „Ihre Kapelle ist ja wirklich schlecht!“ Was soll man da sagen? Ringel würde empfehlen, mit Unsinn zu kontern. Und improvisiert nun: „Die Tugend der Blume entsteht im Blau des Seins. Darüber sollten Sie mal nachdenken.“ Kaum zu erwarten, dass der Angreifer sich davon noch mal erholt.