Krisen meisten - Wenn das Leben uns vor Herausforderungen stellt

Das Lebenswerk der Borgböhmers wurde zur Ruine – vor den Spuren des Großbrands hätten sie gerne die Augen verschlossen, aber das Leben musste weitergehen.
Das Lebenswerk der Borgböhmers wurde zur Ruine – vor den Spuren des Großbrands hätten sie gerne die Augen verschlossen, aber das Leben musste weitergehen.
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Ein Schicksalsschlag kann ein Ende bedeuten. Doch jeder Neuanfang bietet auch eine Chance – selbst in schlimmsten Zeiten.

Essen.. Das laute Knirschen und Rauschen, das ihn am Morgen des 13. März 2010 aus dem Schlaf gerissen hat, wird Heino Borgböhmer nie vergessen. Zunächst denkt er, die Müllabfuhr hole Sperrmüll ab. Doch dann, noch im Dämmerschlaf, hört er den lauten Knall, die Explosion. Die Angst treibt ihn aus dem Bett. Angst davor, dass sich vielleicht das wiederholt, was schon eine Nacht zuvor geschehen war: ein Brand in seiner Gaststätte Waldesruh.

Borgböhmer muss nur einige Meter durch das Weitmarer Holz in Bochum laufen, um die ersten Flammen zu sehen. Meterhoch schlagen sie aus dem ältesten Teil des über 120 Jahre bestehenden Betriebs. Er rennt um das Gebäude herum, Nachbarn rufen ihm zu, die Feuerwehr sei informiert. Wie von Sinnen läuft er auf das Grundstück mit dem Gedanken: „Die großen Blumenkübel müssen weg.“ Platz schaffen für die Feuerwehr. Mit ungekannten Kräften trägt er die Kübel beiseite, als mit einem ohrenbetäubenden Knall die Lichtkuppel aus dem Dach springt und Teile davon knapp neben ihm auf dem Boden der Einfahrt aufschlagen. Borgböhmer fühlt sich hilflos, muss den eintreffenden Feuerwehrleuten die Arbeit überlassen. Er geht die Böschung herauf, trifft seinen Bruder und die Mitarbeiter, die ebenso fassungslos wie er mit ansehen müssen, wie zugrunde geht, woran die Familie seit Generationen gearbeitet hat.

Wenn wir vor einer Krise stehen, können wir nur schwer an einen guten Ausgang glauben. Manchmal braucht es Jahre, ein kritisches Lebensereignis zu verdauen. Und doch gibt es sie, die Umbrüche, die uns wachsen lassen. Die Neues ermöglichen und Lust auf Leben machen. Doch diese Perspektive, das Gute zu sehen, in Zeiten, in denen sich unser Leben umkrempelt – gewollt oder ungewollt, fällt nicht immer leicht. Meist wird erst mit einem Blick zurück klar, dass wir durch die Stationen, die uns anfangs verunsichert haben, das geworden sind, was wir heute sind.

„Eine Außenwand ist einfach so umgefallen, als wäre sie aus Legosteinen gebaut“, erinnert sich Borgböhmer. Doch die Hoffnung bleibt, dass der Brand gelöscht werden kann. Bis die Feuerwehrleute ihm sagen, was sie gerade tun und was ihn noch heute den Schock von damals spüren lässt: „Das nennt man einen kontrollierten Abbrand.“

Diese Worte brachten die Gewissheit, dass nun alles anders sein würde. Dass es dieses Haus nicht mehr geben wird. Niemand würde dort mehr Hochzeit, Taufe oder Konfirmation feiern. Die Borgböhmers mussten mit ansehen, wie die Grundlage ihrer Existenz herunterbrannte – unaufhaltbar. Sie standen vor den Trümmern ihres Lebens.

Resilienz - die Widerstandskraft bei seelischen Belastungen

Wie den Borgböhmers ergeht es vielen , die vor einer schwierigen, bedrohlichen Situation stehen. Die eine Diagnose wie Krebs hören oder einen geliebten Menschen bei einem Unfall verlieren. Und nicht jeder bewältigt diesen Schicksalsschlag auf die gleiche Weise. Seit mehreren Jahren beschäftigt sich die psychologische Forschung vermehrt damit, warum Menschen mit Lebenseinschnitten so unterschiedlich umgehen. Die einen wissen bei Arbeitslosigkeit nicht mehr, wie sie ihren Alltag bewältigen sollen; die anderen wirken nach außen unangreifbar und leiden dann später an Schlaflosigkeit. Und wieder andere kämpfen sich mit aller Macht zurück ins Arbeitsleben. Es gibt Menschen, die an seelischen Belastungen nicht zerbrechen, sondern sogar daran wachsen. „Resilienz“ wird diese Fähigkeit genannt, Widerstand gegenüber psychischen Belastungen aufzubringen.

Interview Langzeitstudien haben ergeben, dass resiliente Menschen gelernt haben, wie ihnen Bezugspersonen auch außerhalb der Familie helfen können. Sie schauen mit Selbstbewusstsein und einem positiven Blick in die Zukunft. Ein Mix aus sozialen und individuellen Fähigkeiten gibt ihnen Halt. Die Ergebnisse der Forscher zeigen zudem: Psychische Widerstandskraft haben Menschen nicht trotz des schwierigen Lebensereignisses, sondern gerade deswegen. Denn extreme Stresssituationen können Stärke in einem Menschen hervorrufen.

„Wenn Sie mich vor vier Jahren um ein Gespräch gebeten hätten, ich hätte es nicht führen können“, sagt Heino Borgböhmer heute. Der 59-Jährige erinnert sich, dass er „wie ein Roboter“ durch das Leben gegangen ist. „Ich habe gar nicht richtig wahrgenommen, was um mich herum passiert.“ Seine Mutter hat am Tag des Brandes die Rollläden am Haus heruntergelassen, um nicht sehen zu müssen, wie sich ihre Gaststätte in eine Ruine verwandelte. Auch Tage nach dem Brand hält sie sich noch eine Hand vor das Gesicht, wenn sie an den Trümmern vorbeigeht. Anders geht sein Bruder Gerd Borgböhmer mit der Situation um. „Zum Glück“, sagt Heino Borgböhmer, sei der zwei Jahre jüngere Bruder damals stark genug gewesen, um die Interviews mit den Fernsehteams zu führen und den Journalisten die Überreste des Hauses zu zeigen. Heino Borgböhmer gesteht mit leiser Stimme: „Das alles war für mich sehr schwer. Fast nicht machbar.“

Doch auch, wenn man nicht zu den Stärksten gehört, so sagen Psychologen, kann man Widerstandskräfte entwickeln. Wichtig sei in einer belastenden Situation etwa, die Opferrolle zu verlassen. So wie es Heino Borgböhmer getan hat.

Den Brandstifter nicht siegen lassen

Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass Brandstifter am Werk waren, zweimal. Jemand hatte das Anwesen bewusst zerstört. Gefasst hat man den Täter bis heute nicht. Wird er wiederkommen? Plant er Rache? Wird er noch mehr Unheil anrichten? Diese Fragen plagten Heino Borgböhmer. Aber: „Wir wollten den Täter nicht obsiegen lassen“, betont er. „Wir wollten selbst bestimmen, wie unser Leben weitergeht. Deshalb haben wir schnell entschieden, den Betrieb wieder aufzubauen.“

Manchmal hilft ein Perspektivwechsel

Nach derart großen Krisen können auch wieder gute Zeiten kommen. Kaum vorstellbar im Moment des Erlebens. Dass aber in einer Krise auch Neues erst entstehen kann, erläutert Birgit Unger unermüdlich. Die Essenerin coacht Menschen, die sich in beruflichen Krisensituationen befinden, die nicht wissen, ob und wie sie Mut zu Veränderungen aufbringen können.

„Kopf hoch, das Leben geht weiter“, mögen gute Freunde vielleicht sagen, wenn Sorgen zum Alltag werden. Ja, es geht weiter – aber vielleicht nicht so, wie bisher. Eine Krise bietet die Chance, neue Fähigkeiten in sich selbst zu wecken, sagt Birgit Unger. Um denen auf die Spur zu kommen, betrachtet die 52-Jährige das Leben ihrer Kunden manchmal als Fadenknäuel. „Lebenssituationen lassen sich verbildlichen“, sagt sie. Deshalb liegen bunte Seile, Stäbe, und Stifte in ihrem Büro. So ein Durcheinander scheint unentwirrbar, wie verzwickte Lebenssituationen. Aber aus anderen Perspektiven betrachtet, wird diese Ansammlung aus bunten Fäden fast schon schön. Da werden sie sichtbar, die Anforderungen, die sich uns in den Weg stellen. Das können die Arbeitskollegen sein, die den Berufsalltag schwer machen, der Chef, der zu wenig Verständnis hat, der Leistungsdruck, der konkurrierende Kollege, die drohende Arbeitslosigkeit.

Liegt der Berg noch vor uns?

„Es gehört Mut dazu, der Krise die Tür zu öffnen“, sagt Birgit Unger, aber wer es wage, nutze eine Chance zur Veränderung. Schwer fällt es dennoch, denn in einer anscheinend aussichtslosen Lage weiterzubohren statt die Augen zu verschließen, fördere vieles ans Licht, was dann auch bewältigt werden müsse. Ein Einblick von außen könnte manchen Menschen die eigenen Augen wieder öffnen, so dass sie sich eingestehen: So wie bisher kann es nicht weitergehen.

Unger malt den großen Berg auf, der vor den Menschen in Krisensituationen liegt und sie von „der großen Wanderung“ abschreckt. Sofort stellt sie die Frage: Liegt der Berg tatsächlich noch vor uns? Sind wir nicht schon ein ganzes Stück vorangekommen? Stehen wir also gar nicht mehr unten, bei null?

Bei null mussten die Borgböhmers nicht anfangen. Aber ihr Weg war anstrengend, zu sehr hing die Familie an dem, was nicht mehr war. Da waren zum Beispiel diese hübschen Fenster aus Buntglas, die nicht gerettet und auch nicht ersetzt werden konnten. Also wagten die Borgböhmers den Neuanfang und gestalteten die Gaststätte ganz neu. Dazu brauchten sie Mut. Denn Zweifel und Fragen begleiteten sie: Wie würden die Gäste reagieren? Würden die Stammkunden wiederkommen – und sich auch in dem neuen Haus wohlfühlen?

Die Unsicherheit hat Heino Borgböhmer lange Zeit belastet, körperlich hat er mehrere Zusammenbrüche erlebt. Trotzdem setzte er sich mit dem Architekten zusammen, fand Lösungen. Das Haus wieder aufzubauen war Ablenkung und Pflichterfüllung zugleich. Dabei sei zwar nie Hochstimmung aufgekommen, erinnert er sich, „aber man konnte nach vorne blicken“.

Heute läuft das Restaurant wieder. Die Gäste sind zurück. Der Bruder leitet die Küche, die Mutter läuft mit strengem Blick durch die Räume. „Hätte ich mir aussuchen können, wann mich dieser Schicksalsschlag trifft, ich hätte ihn an einer früheren Station in meinem Leben vielleicht besser verpacken können“, erklärt Heino Borgböhmer. Wobei auch er an der Situation gewachsen ist und den Zusammenhalt in der Familie gespürt hat. Er hat gelernt, zuversichtlich zu sein, dass das Leben weitergeht. Und dass man sein Schicksal auch in dunkelsten Stunden selbst in die Hand nehmen kann.