Kleidertauschbörse als Entgiftungskur für den Kleiderschrank

Die Kleidertauschbörse in der Essener Zeche Carl ist wie ein Flohmarkt – nur ohne Geld. Einfach Klamotten mitbringen und sich was neues aussuchen.
Die Kleidertauschbörse in der Essener Zeche Carl ist wie ein Flohmarkt – nur ohne Geld. Einfach Klamotten mitbringen und sich was neues aussuchen.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
In jedem Kleiderschrank finden sich rund 20 Teile, die nicht getragen werden, so Greenpeace. Bei einer Tauschbörse finden sie einen neuen Besitzer.

Essen.. Auf vielen Kleiderbügeln hängen gleich zwei Teile und die Schublade mit T-Shirts und Pullovern bekomme ich nur noch schwer zu. Ganz zu schweigen von der Kiste voll mit Schals, Gürteln und dem ganzen anderen Kram, den frau so dringend braucht, größtenteils aber doch nicht trägt. Kurzum: Mein Kleiderschrank quillt über. Und trotzdem ist er da – der Wunsch nach mehr. Doch neue Klamotten belasten nicht nur den ohnehin zu vollen Schrank und die Geldbörse, sondern auch die Umwelt.

Laut Greenpeace kauft jeder von uns rund 70 neue Kleidungsstücke pro Jahr; mehr als 90 Prozent davon importiert aus Asien, vor allem aus China, Bangladesch und Indien. T-Shirts mit farbigen Drucken, Jeans im Used-Look und wasserdichte Outdoor-Jacken liegen im Trend; doch die bei der Produktion verwendeten Chemikalien gefährden Ökosysteme und die Gesundheit der Bevölkerung. Deshalb haben die Umweltschützer zur Kleidertauschbörse in die Essener Zeche Carl eingeladen.

Zeit zum Ausmisten – auch ich will meinen Kleiderschrank „entgiften“. Schnell entdecke ich zwei Teile, von denen ich tatsächlich nicht einmal mehr weiß, wann ich sie zuletzt getragen habe: ein blau-grün geblümtes Sommerkleid und ein in meinen Augen mittlerweile viel zu bunt gemustertes Top landen in meiner Tasche.

Kleiderspende an Flüchtlingsheim

Die Kleidertauschbörse funktioniert wie ein Flohmarkt – nur ohne Geld. Das, was ich mitgebracht habe, gebe ich bei den Ehrenamtlichen von Greenpeace ab, die alle Kleidungsstücke sortieren und zum Stöbern auf Zeche Carl auslegen. Dann kann es auch schon losgehen.

Die einzige Regel: Jeder soll nur so viel einpacken, wie er auch mitgebracht hat. „Kontrolliert wird das nicht“, sagt Greenpeacesprecherin Christina Averkamp, „hier läuft alles auf Vertrauensbasis.“ Schon die erste Kleidertauschbörse im Oktober war ein voller Erfolg. In Zukunft sollen zu jedem Jahreszeitenwechsel Klamotten die Besitzer wechseln.

Nachdem mir Christina Averkamp den Ablauf erklärt hat, verschaffe ich mir einen Überblick über das, was andere Besucher aus ihren Kleiderschränken verbannt haben. Neben Hosen, Pullovern, T-Shirts, Kleidern und Blusen möchten viele auch Schuhe und Accessoires tauschen – alles sauber und gut erhalten. Muffiger Geruch oder Flecken? Fehlanzeige. Die eine oder andere Kuriosität entdecke ich dann aber doch: ein langer, pinkfarbener Rock aus Polyester mit weißer Gardinenspitze am Saum zum Beispiel – da hat wohl jemand in der Karnevalskiste gekramt. Nach einer Runde um Tische und Kleiderstangen halte ich Ausschau nach meinen eigenen Mitbringseln und muss feststellen: Kleid und Top werde ich wohl nie wiedersehen.

Kleider tauschen und verkaufen

Schnell merke ich, dass es sich lohnt, Kleiderstangen und Tische mehrmals abzusuchen – neue Besucher sorgen ständig für Nachschub. Die wahren Schmuckstücke hängen nie lange an der Kleiderstange. Streitereien wie am Schlussverkaufs-Wühltisch bleiben aber aus. Am Ende nehme ich eine blaue Bluse und eine hellbraune Strickjacke mit nach Hause. Das Problem des überquellenden Kleiderschranks lässt sich so zwar nicht lösen, dafür bleiben mir zwei „neue“ Teile und das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Sachen, die keine neuen Besitzer gefunden haben, gehen an ein Flüchtlingsheim. Tausch oder Spende – „die Aktion ist super gelaufen“, findet Christina Averkamp.

Die Textilindustrie entgiften

Die Modefarben der Saison erkennt man an den Farben der Flüsse, heißt es in China. 70 Prozent der Flüsse und Seen dort gelten als verschmutzt – doch damit nicht genug: Mit jedem neuen Kleidungsstück, spülen wir laut Greenpeace 95 Prozent der darin verbliebenen Giftstoffe beim ersten Waschen auch in unsere Gewässer. Im Zuge der Kampagne „Detox“ („Entgiften“) haben sich große Konzerne dazu verpflichtet, elf Chemikaliengruppen aus der Textilherstellung bis 2020 durch ungefährliche Stoffe zu ersetzen.

Verbraucher könnten aktiv werden, indem sie die Qualität ihrer Kleidung prüfen und sie lange tragen, so Averkamp. In Secondhand-Läden oder auf Flohmärkten gibt es massenhaft Kleidung, die andere nicht mehr wollen. Auf Stücke mit Hinweisen wie „separat waschen“ oder „bügelfrei“ sollte verzichtet werden, denn sie sind sichere Hinweise auf chemische Substanzen, so Greenpeace.

Manchmal hilft aber auch: Einmotten und abwarten – früher oder später kommt ja doch jeder Trend wieder.