Junge Doktorandin geht ihren Weg - das Kopftuch gehört dazu

Sarah Sheikh
Sarah Sheikh
Foto: Nadine Gewehr
Was wir bereits wissen
Die 25-jährige Sarah Sheikh promoviert, ist Schalke-Fan und strenggläubige Muslimin. Wegen ihres Kopftuchs hat sie es manchmal schwerer als andere.

Duisburg.. Mit schnellen, langen Schritten geht sie durch die Flure der Uni Duisburg. Studenten kreuzen den Weg, grüßen die wissenschaftliche Mitarbeiterin freundlich. Sarah Sheikh fällt auf, unterscheidet sich äußerlich deutlich von den anderen. Ein Kopftuch, der sogenannte Hijab, bedeckt Haare und Hals, das lange, weit geschnittene Kleid lässt ihre Figur darunter nur erahnen. Sarah Sheikh ist eine junge, erfolgreiche Frau. 25 Jahre alt, strenggläubige Muslimin, Doktorandin.

Sheikh stammt aus Neuss. Studiert hat sie an den Universitäten Duisburg-Essen und Siegen. Mit der Promotion, für die sie Erfolgsmöglichkeiten von Start-ups am Lehrstuhl für betriebswirtschaftliche Steuerlehre untersucht, lebt Sarah Sheikh heute den Traum, den auch ihr Vater einst hatte: eine akademische Ausbildung.

Mit dem Teppichhandel des Vaters expandiert

Als junger Mann studierte der Pakistaner Medizin in seiner Heimat. Doch als das damalige Militärregime unter Diktator Zia-ul Haq nicht nur alle politischen Bewegungen und Parteien verbot, sondern auch die Universitäten des Landes schloss, hatte er keine andere Wahl. Als sich die Möglichkeit bot, mit dem Teppichhandel seines Vaters nach Europa zu expandieren, ergriff er die Chance und emigrierte 1981 von Karatschi nach Deutschland. Ein Jahr später heiratete er seine jetzige Frau und holte sie nach.

Tochter Sarah kam 1989 auf die Welt. Sie hat drei ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder. An ihre Kindheit erinnert sich die heute 25-Jährige gerne: „Es war eine liebevolle und behütete Zeit.“ Wie viele andere Familien in Nordrhein-Westfalen machten auch die Sheikhs oft Urlaub in Belgien und den Niederlanden. „Auf den langen Autofahrten haben wir immer Liedchen gesungen,“ erinnert sie sich mit einem Lächeln. Und am Nordseestrand haben sie getobt und Sandburgen gebaut. Auch Baden mochte Sarah Sheikh gern.

In Schwimmbäder geht Sarah Sheikh nicht mehr

In Schwimmbäder geht sie heute nicht mehr. „Das ist mit der muslimischen Kleiderordnung nicht vereinbar. Ein Badeanzug zeigt zu viel von meinem Körper.“ Auf Sport verzichten möchte sie aber nicht: In ihrem Fitnessstudio gibt es einen Bereich nur für Frauen.

Die muslimische Kleiderordnung spielte lange Zeit keine große Rolle in der Familie. Ihre Mutter trägt erst seit einigen Jahren das Kopftuch. „Sie hatte Angst, in der Gesellschaft anzuecken“, erzählt Sarah Sheikh. Erst als ihre drittälteste Tochter anfängt, sich zu verhüllen, wagt das auch die Mutter. Die Meinungen innerhalb der Familie gehen auseinander: Sarah Sheikh und die zweitjüngste Schwester tragen Kopftuch, die beiden ältesten haben sich gegen die muslimische Verhüllung entschieden.

Islamfeindliche Vorwürfe in der Schule

Intensiv beschäftigt sich Sarah Sheikh seit dem 16. Lebensjahr mit dem Islam. Damals fing es an, dass sie sich vor allem in der Schule zunehmend mit Anschuldigungen auseinander setzen musste: Frauen würden geschlagen und unterdrückt, junge Mädchen würden gezwungen, Kopftuch zu tragen – so die Vorwürfe ihrer Schulkameraden. Deshalb hat sie gelesen, den Koran und andere Schriften. Um antworten zu können.

Und im Koran stehe, die Frau habe ihre Reize zu bedecken. „Für mich ist es ein Zeichen, um meine Liebe zu Gott auszudrücken“, sagt Sarah. „Die Frau ist etwas sehr Wertvolles. Sie ist wie ein Diamant, den man auch nicht einfach auf der Straße liegen lässt. Sehen dürfen ihn nur Auserwählte. So ist es auch bei mir: Den Menschen, die ich liebe, gebe ich das Recht, mich in voller Schönheit zu sehen.“

Sie hat die Entscheidung nicht bereut

Drei Jahre hat sie sich den Schritt überlegt. Doch die Entscheidung, Kopftuch zu tragen, hat sie seitdem nicht ein Mal bereut. „Ich gehe meinen Weg. Und mein Kopftuch gehört dazu“, sagt die junge Frau. Auch, wenn es nicht immer einfach ist.

Als sie das Kopftuch kurz nach ihrem Abitur zum ersten Mal trug, wandten sich viele Freunde von ihr ab. Das Getuschel hinter ihrem Rücken tat weh. Auch die offenen Anfeindungen verletzen sie. „Scheiß Kopftuch, Kanackenbraut“, hat ihr vor einiger Zeit jemand im Bus hinterhergeraunt. Wie geht man damit um? Sarah Sheikh zuckt mit den Schultern. „Ignorieren.“ Es gebe auch genug Menschen, die ihr mit Respekt und einem Lächeln begegnen. Auch in der Schule haben ihr nicht alle Freunde den Rücken gekehrt. Mit einigen trifft sie sich immer noch regelmäßig – „das gibt Kraft“, sagt sie.

Dass zwei ihrer Schwestern kein Kopftuch tragen, sei „völlig in Ordnung“, sagt Sarah Sheikh. „Sie respektieren mich, ich respektiere sie.“ Das Kopftuch alleine mache keine Gläubigkeit aus. „Eine Muslimin ohne Kopftuch ist genau so viel wert wie eine Muslimin mit Kopftuch,“ stellt die 25-Jährige klar. Denn zum Islam gehöre weitaus mehr: „Dass man seine Pflichten einhält – betet und Almosen an die Armen gibt zum Beispiel“, erklärt Sarah Sheikh. Auch charakterliche Eigenschaften gehörten zu diesen Pflichten, wie etwa Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Regeln und Pflichten einer gläubigen Muslimin

Auf der anderen Seite gebe es folglich auch Musliminnen, die zwar ein Kopftuch tragen, sich aber ansonsten nicht an die Regeln und Pflichten einer gläubigen Muslimin halten. Für Sarah Sheikh ein Indiz dafür, dass diese Frauen und Mädchen das Kopftuch nur deshalb tragen, weil es Tradition ist oder aber die Familien Druck ausüben. „In der heutigen Gesellschaft sind das aber Ausnahmen.“

Sarah Sheikh trägt das Kopftuch seit ihrem 19. Lebensjahr. Sie gehört damit zu den rund 28 Prozent aller Frauen muslimischen Glaubens in Deutschland, die laut einer Studie der Deutschen Islamkonferenz Kopftuch tragen. Diese Studie sagt auch, dass Musliminnen mit Kopftuch ihre Deutschkenntnisse seltener als gut oder sehr gut einschätzen als jene ohne Kopftuch. Dass sie statistisch seltener erwerbstätig sind, geht ebenfalls aus dieser Studie hervor. Sie knüpfen weniger Freundschaftskontakte mit Deutschen, engagieren sich seltener in deutschen Vereinen, leben häufiger in Wohngebieten mit hohem Ausländeranteil, fühlen sich tendenziell weniger stark mit Deutschland verbunden und sind seltener eingebürgert.

Gesellschaft legt ihr Steine in den Weg

Es sei aber auch die Gesellschaft in Deutschland, die muslimischen Frauen mit Kopftuch mit Vorurteilen begegne und ihnen Steine in den Weg lege, erzählt Sarah Sheikh: Nach dem Masterabschluss 2013 an der Uni Siegen ging die Akademikerin auf Jobsuche. Während Studienkollegen mit einem schlechteren Notenschnitt und einer längeren Studiendauer zu Bewerbungsgesprächen eingeladen wurden, sagte man ihr, der Job sei schon vergeben.

„Das ist sehr traurig“, sagt die 25-Jährige. Aber das Kopftuch ablegen, nur weil es in Deutschland vielen fremd ist? „Nein“, sagt Sarah Sheikh. „Das hat mit Integration nichts zu tun. Integration bedeutet nicht, die eigenen Werte abzulegen.“ Integration bedeute für sie, dass man sich eingliedert, die deutsche Sprache spricht, dass man arbeitet und zu einem Mehrwert für die Gesellschaft wird. „Ich integriere mich, aber ich möchte nirgendwo arbeiten müssen, wo ich meine wahre Identität nicht zeigen kann.“

Sie fühlt sich nirgends heimisch

Bis sie auf Jobsuche ging, habe sie sich als Deutsche gefühlt, sagt die 25-Jährige. „Ich bin hier aufgewachsen, habe hier Freunde, lebe mein Leben.“ Doch mit der Ablehnung kamen die Zweifel. In Deutschland werde sie mit ihrem Äußeren, dem Hijab, den weiten Kleidern und dem dunkleren Teint, nie als Deutsche wahrgenommen, in Pakistan wird sie nie Pakistanerin sein. Ein Heimatgefühl wie es Deutsche ohne Migrationshintergrund empfinden mögen, kennt sie nicht, ihre Identität schöpft sie aus der Familie, ihrem Glauben und ihren Freunden.

Zur Familie gehört seit Dezember auch Sarah Sheikhs Ehemann. Ist das nicht das Klischee? Junge Muslimin, Kopftuchträgerin, früh verheiratet – spätestens, wenn Kinder kommen, bleibt sie zu Hause, kappt ihre sozialen Bindungen? „Ganz bestimmt nicht“, sagt Sarah Sheikh und lacht. „Würde mein Mann meine Eigenständigkeit nicht akzeptieren, wären wir heute nicht verheiratet.“ Sie möchte auch als Mutter weiter in ihrem Beruf arbeiten, möchte sich regelmäßig mit ihren Freunden treffen, mit ihnen in Cafés gehen, gemeinsam essen und sich unterhalten.

Große Leidenschaft: Schalke 04

Und sie möchte auch weiterhin ihrer großen Leidenschaft frönen und ins Fußballstadion gehen – zusammen mit ihrem Mann. Die 25-Jährige ist großer Fan von Schalke 04. Für ihren Verein hat sie sich extra Fankleider in Königsblau schneidern lassen. Und wenn sie in der Fankurve steht, mit blau-weißem Kopftuch und dem Schalke-Logo auf dem Ärmel, wenn sie jubelt und mitfiebert, dann fühlt sie sich dazugehörig. „Klar gucken die Leute. Aber sie gucken positiv, sie freuen sich, dass ich ihre Leidenschaft teile.“ Im Stadion sei es egal, wer sie ist: „Sarah, Hanna oder Nathalie – wir haben alle unsere Hobbys, unsere Freunde und unsere Arbeit. Wir alle leben hier und sollten einander respektieren. Das, was uns wirklich ausmacht, sind keine Äußerlichkeiten.“