Jeder vierte Autofahrer beschleunigt bei einer gelben Ampel

Mindestens jeder vierte Autofahrer gibt Gas, wenn die Ampel gelb ist.
Mindestens jeder vierte Autofahrer gibt Gas, wenn die Ampel gelb ist.
Foto: Volker Hartmann
Dies ist nur ein Ergebnis unserer Auto-Studie: Wir hatten unsere Leser eingeladen, den FAHR-Fragebogen auszufüllen, den ein Bochumer Forscher-Team rund um den Psychologen Rüdiger Hossiep entwickelt hat. Tausende haben mitgemacht. Was Auto-Fahrer wirklich antreibt – die Ergebnisse.

Bochum.. Fast jedem vierten Autofahrer fällt es schwer, im Stau ruhig zu bleiben. Jeder sechste lässt sich ungern von kleineren Autos überholen. Und nahezu jeder zweite nutzt seinen Wagen, um gelegentlich dem Alltag zu entfliehen. Das sind weitere Resultate unseres Auto-Tests: Die Wissenschaftler der Ruhr-Uni konnten nun aufgrund der anonymen Aussagen von rund 4500 Menschen herausfinden, worauf die meisten besonders viel Wert bei ihrem Wagen legen. Die Erkenntnisse stellen wir nun vor.

Auch welcher Fahrer-Typ welche Automarke steuert, erforscht das Team. So sind etwa Fahrer folgender Marken besonders gelassen im Straßenverkehr: Suzuki, Jaguar, Subaru und Daihatsu. Am wenigsten gelassen sind Besitzer von: Seat, Mini oder Chevrolet. Die Fahrer dieser Marken fahren laut Studie vergleichsweise aggressiv: Seat, BMW, und Audi. Am wenigsten hitzig sind dagegen Fahrer von: Dacia, Daihatsu sowie Subaru.

Viel Wert auf Sicherheit legen die Besitzer von Mercedes-Benz, Volvo, Subaru. Porsche-Fahrern ist die Sicherheit nicht so wichtig. Am wenigsten machen sich Fahrer des klassischen Mini aus Sicherheit. Hossiep: „Wer Sicherheit will, darf den Original-Mini nicht fahren.“

Besitzer von Jaguar, Alfa Romeo und Saab möchten mit ihrem Auto vergleichsweise stark ihre Individualität ausdrücken. Fahrer von Hyundai und Dacia zielen weniger darauf ab, mit ihrem Auto extravagant zu wirken. Und als sehr sinnliches Erlebnis nehmen die Besitzer folgender Autos das Fahren wahr: Porsche, Jaguar, Original-Mini und BMW.

Frauen lieben Autos genauso wie Männer – nur aus anderen Gründen

Dass die meisten Männer Autos mögen, wird kaum einer bestreiten. Viele von ihnen waschen mit Vergnügen samstags den Wagen und kennen die Vorzüge ihrer Auto-Wahl bis ins Detail auswendig. Und was ist mit den Frauen? Der Psychologe Rüdiger Hossiep: „Frauen lieben ihren Wagen nicht weniger als Männer, aber aus anderen Gründen.“

Das zeigt auch das Ergebnis des FAHR-Fragebogens (siehe Grafik). Männer sind besonders leistungsbezogene Punkte wie „Performance“ und „Unabhängigkeit“ beim Auto wichtig, sie wollen zudem ihren Wagen mit allen Sinnen wahrnehmen, beim Fahren Leidenschaft spüren. Frauen legen dagegen insbesondere Wert auf „Sicherheit“ und noch mehr auf: „Funktionalität“.

„Sie möchten nicht mit einem Problem dastehen, bei dem sie auf Hilfe angewiesen sind“, erklärt der Bochumer Forscher. Er hat schon Frauen sagen hören, dass ihr Auto eine „vergrößerte Handtasche“ sei – man hat alles dabei, was man braucht, ist für jeden Fall gewappnet. Hossiep: „Sie nehmen ihren sozialen Raum mit.“

Der eigene Wagen als Fluchtauto

„Frauen kaufen gerne kleine SUVs“, ergänzt der Forscher, „weil sie sich damit subjektiv sicherer fühlen, allein schon weil sie damit höher sitzen.“ Während Männer in der Regel ihr Auto nutzen, um irgendwo hinzukommen, sei es Frauen wichtig, damit von überall wegzukommen, so Rüdiger Hossieps Vermutung. Der eigene Wagen als Fluchtauto.

Ältere Autofahrer wollen keine rollenden Computer

Was sich Menschen vom Auto wünschen, ist auch eine Frage ihres Alters: Soll das Autofahren insbesondere ein emotionales Erlebnis sein? Oder legt man mehr Wert darauf, sicher von A nach B zu kommen? Die Grafik zeigt, wie sehr sich die Erwartungen an ein Auto verändern, je älter die Fahrer werden.

„Ich finde es sehr spannend zu sehen, dass die Automobilhersteller möglicherweise an den Bedürfnissen der Fahrer vorbeiproduzieren“, sagt Forscher Hossiep. „Funktionalität“ sticht dabei heraus: Je älter die Fahrer werden, desto wichtiger ist ihnen, dass das Fahrzeug leicht zu bedienen ist. Man möchte Knöpfe schnell finden, Beschriftungen lesen können, ohne beim Fahren die Lesebrille aufsetzen zu müssen. Keiner will sich mühevoll durch Menüs klicken.

Hossiep: „Die älteren Menschen können heute genauso wenig die vielen Funktionen ihres Autos nutzen wie die ihres Smartphones, weil der Wagen immer mehr zum rollenden Computer wird.“ Und weiter: „Wir haben bei der Entwicklung viele junge Männer, die Freaks sind in der Technik. Da wird regelrecht überentwickelt.“ Auch die Werbung richtet sich an Jüngere. Dabei ist der Käufer eines Neuwagens heute im Schnitt 52. „Man muss die Autos so bauen, dass die Menschen die Instrumente ablesen können – und überhaupt deren Funktion verstehen.“

Was wird vom Auto erwartet? Die Erklärung der untersuchten Begriffe:

Beständigkeit: Erwartung an Marke/Modell, dass sie Stil und Außenwirkung treu bleiben

Image: Prestige, Außendarstellung der Marke und des Modells

Design: Besonderer Anspruch an das Aussehen des Autos, an seine Gestaltung – außen wie innen

Sensorik: Wahrnehmung des Fahrzeuges mit allen Sinnen

Performance und Sportlichkeit: Besondere Bedeutung der Fahrzeugleistung, dynamischer Fahrstil, Nutzung der vollen Motorkraft

Aggressivität: Impulsives und offensives Fahrverhalten, bisweilen rücksichtslos anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber

Individualität: Das Auto als Ausdruck einer Extravaganz und Eigenständigkeit. Wunsch, sich von anderen Autofahrern durch die Wahl des Wagens abzuheben

Stolz: Das Fahrzeug als Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung – Status, Souveränität, Selbstbewusstsein, Selbstzufriedenheit

Faszination und Genuss: Leidenschaftliche, emotionale Beziehung zum Wagen, zum Autofahren

Funktionalität: Besondere Bedeutung des Nutzwerts eines Autos

Unabhängigkeit: Eigenverantwortlichkeit beim Fahren, ungeachtet anderer Personen, Sicherheitssystemen oder Verkehrsregeln

Sicherheit: Sicherheitsbedürfnis, Vertrauen in Sicherheitssysteme, gutes Crashverhalten des Autos

Gelassenheit: Geduld mit anderen Verkehrsteilnehmern, ruhiger Fahrstil

Die meisten Fahrer würden auch ein Elektroauto fahren

Die Frage: „Können Sie sich vorstellen, in Zukunft ein Automobil mit reinem Elektroantrieb zu fahren?“, beantworteten fast 60 Prozent der Studien-Teilnehmer mit: Ja! „Das finde ich überraschend“, sagt Auto-Psychologe Hossiep. Die Bewegungen auf dem Markt in diese Richtung spiegeln sich auch in den Wünschen der Kunden wider.

„Die Menschen verlangen bestimmte Dinge, ob das rational ist oder auch nicht“, wendet Hossiep ein. „Wir sollten uns allerdings darüber Gedanken machen, wie der Strom hergestellt wird, der aus der Steckdose kommt. Erst dann kann man sagen, ob Elektroautos wirklich ökologisch Sinn machen.“ Und noch ein Aspekt kommt hinzu: Die Test-Teilnehmer wurden nicht gefragt, ob sie bereit sind, mehr für ein E-Auto zu zahlen. Und wenn ja, wie viel.

Zwei Prozent der Leute, die den FAHR-Fragebogen ausgefüllt haben, fahren bereits ein Elektroauto. Das sind schon relativ viele. Auf deutschen Straßen sind noch sehr wenige Elektroautos unterwegs – nicht einmal ein halbes Prozent des Fahrzeugbestandes. Auch auffällig viele Tesla-Fahrer haben beim Test mitgemacht. Dabei kommt die US-Marke für hochpreisige Elektroautos selten in Deutschland vor. Bei den Neuzulassungen in der Luxusklasse belegte Tesla im ersten Quartal dieses Jahres immerhin Rang 6. Das waren aber „nur“ 239 Stück. Der Spitzenreiter „Mercedes-Benz S-/CL-Klasse“ konnte im gleichen Zeitraum 2014 Luxus-Fahrzeuge verkaufen.

Oldtimer-Muffel steuern häufiger einen Opel

Je älter der Wagen, desto größer ist die Liebe zu ihm: Menschen, die sich für Youngtimer (mindestens 20 Jahre) oder Oldtimer (über 30 Jahre) interessieren, fühlen sich mit ihrem Auto – auch mit ihrem Alltagswagen – generell emotionaler verbunden als es Menschen tun, die sich für die alten Schätzchen kaum erwärmen können. Um mehr über diese Fahrer zu erfahren, hat sich das Team um den Auto-Psychologen Hossiep zwei Extremgruppen der FAHR-Studie angeschaut. Die Bochumer Forscher nennen sie: Oldtimer-Enthusiasten und Oldtimer-Muffel.

Der Oldtimer-Enthusiast ist in der Regel männlich und im Schnitt 47 Jahre alt. Ihm sind bei einem Wagen – nicht nur bei Oldtimern – die Aspekte „Sicherheit“ und „Funktionalität“ vergleichsweise wenig wichtig. Ihm geht es um den Fahrspaß, die Faszination, die von einem Auto ausgeht. Im Vergleich zum Muffel ist er zwar deutlich nostalgischer, aber nicht weniger an Neuentwicklungen interessiert. Er tauscht sich generell gerne über Autos aus. Im Gegensatz zu einem Muffel langweilen den Enthusiasten eher die „meisten aktuell erhältlichen Automodelle“.

Auch welchen Wagen ein Oldtimer-Fan im Alltag nutzt, haben die Forscher untersucht: „Der klassische Oldtimer-Enthusiast fährt Alfa Romeo, der klassische Oldtimer-Muffel steuert Opel“, sagt Hossiep. An zweiter Stelle steht bei den Muffeln der VW, gefolgt von: Ford, Renault, Toyota. Oldtimer-Fans fahren im Alltag vermehrt neben Alfa Romeo: Mercedes, Saab, BMW, Jaguar.

Die Statistik zeigt zudem: Menschen mit leitenden Funktionen oder auch Selbstständige haben eher ein größeres Interesse an Oldtimern als etwa Sachbearbeiter. Unterstützt dieses Ergebnis das Vorurteil, dass Oldtimer ein Hobby der Reichen sind? „Nein“, meint Hossiep. „Wir fragen schließlich nach Interesse an Oldtimern und nicht, wie viele einen fahren. Die Menschen in höheren Positionen sind allerdings Leute, die allgemein die Richtung vorgeben, denen nachgeeifert wird. Damit wird klar, dass sich in Zukunft wahrscheinlich noch mehr Leute für Young- und Oldtimer interessieren.“

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