Immer mehr junge Menschen rechnen mit Nachhaltigkeit

Mathematiker Norman Schumann denkt nicht nur in Zahlen und Formeln.
Mathematiker Norman Schumann denkt nicht nur in Zahlen und Formeln.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Immer mehr junge Menschen streben heute nach mehr als Geld und Karriere. Sie wollen nachhaltige Jobs – und sind auch bereit, dafür anderes aufzugeben.

Bochum.. Ein Mathematikstudium ist eine sichere Bank. Wer sich einmal mit Zahlen und Variablen arrangiert hat, muss sie in Zukunft nicht mehr fürchten. „Die Berufsaussichten für Mathematikerinnen und Mathematiker sind seit langem allgemein hervorragend“ heißt es vonseiten der RWTH Aachen, die Uni Würzburg spricht von „glänzenden“ Aussichten, das Fraunhofer-Institut nennt sie „blendend“ und der Satz des ehemaligen Präsidenten der Deutschen Mathematiker Vereinigung (DMV) Günter Ziegler stellt den abstrakten Jubel-Begriffen ein sehr anschauliches Bild zur Seite: „Alle arbeitslosen Mathematiker in Deutschland passen in einen Bus.“

Normalerweise zieht es Mathematiker heute in die Unternehmensberatung, zu Banken, in medizinisch-pharmazeutische Unternehmen, oder in die IT-Branche. Laut DMV liegt das Einstiegsgehalt bei durchschnittlich 41 050 Euro. Und angeblich ist die Abschlussnote gar nicht mal besonders wichtig. Ein Mathematikstudium ist eine sichere Bank.

„Ich möchte mit dem, was ich gelernt habe, etwas Sinnvolles tun“

Was also tut ein junger Mann, der den Mathematik-Abschluss mit Zweitfach Philosophie in der Tasche hat, und die Promotion über „Algebraische Topologie“ ebenfalls? Für welche der zahlreichen Möglichkeiten entscheidet er sich? Welchen Job wird er annehmen?

Norman Schumann hat sich Gedanken gemacht, schon vor etwa drei Jahren habe er angefangen, sich umzuschauen, erzählt er im Oktober 2014 in einem Bochumer Café. Und dann sagt er diesen Satz, der klarmacht, dass er es schwerer haben wird als die meisten seiner Kommilitonen: „Ich möchte mit dem, was ich gelernt habe, etwas Sinnvolles tun“. Dass er damit nicht den Dienst am Wirtschaftswachstum im Allgemeinen und an der Kapitalvermehrung von Großkonzernen im Besonderen meint, muss er nicht erklären. Er tut es dennoch: Ihm sei klar geworden, dass man sich mehr Gedanken darüber machen müsse, wie und wofür man arbeite, und was man damit erreiche. Klar – so ein Job in der Unternehmensberatung sei toll – dann aber bitte nicht in einer, die den Firmen rät, ihre Produktion nach Rumänien auszulagern, um Geld zu sparen, sondern zum Beispiel empfiehlt, ressourcenschonender zu produzieren. „Ich möchte gerne etwas zum menschlichen Miteinander beitragen, ohne das irgendwer dafür die Rechnung bekommt“, sagt Norman. „Ich möchte einen nachhaltigen Beruf.“ Der promovierte Mathematiker ist seit gut einem Monat arbeitslos.

Ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden

Doch was genau bedeutet „nachhaltig“ überhaupt? Obwohl der Begriff in aller Munde ist und sich in scheinbar jede beliebige politische, wirtschaftliche, ökologische oder technische Debatte einflechten lässt, wird er umso wolkiger, je mehr darüber geredet wird. Nachhaltige Mode, nachhaltiger Lebensstil, nachhaltige Entwicklung, nachhaltiger Konsum.

Was nach neumodischer Werbestrategie klingt, ist tatsächlich schon über 300 Jahre alt. Das Prinzip der Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und besagt, dass nur soviel Holz geschlagen werden soll, wie auch wieder nachwachsen kann.

1987 schließlich griff die „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“ der Vereinten Nationen das Prinzip auf und definierte es im sogenannten „Brundtland-Bericht“: Nachhaltige Entwicklung muss demnach „den Bedürfnissen der heutigen Generation“ entsprechen, „ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ Kurz gesagt: Heute schon an morgen denken.

Die „Generation Y“ will mehr

Das Thema wurde populärer und immer bedeutungsschwerer. 2001 berief dann auch die Bundesregierung einen „Rat für nachhaltige Entwicklung“. Auf seiner Internetseite ist zu lesen: „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.“

Ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge. So etwas schwebt auch Norman vor.

Natürlich kleiner, und konkreter. Denn als Einzelner kann er schließlich nur irgendwo ansetzen und nicht alles auf einmal verändern. Doch was, wenn er mit diesem Wunsch gar nicht so allein dasteht?

Starker Drang nach Selbstverwirklichung

Es wurde viel geschrieben über die sogenannte „Generation Y“, die Menschen, die etwa zwischen den 1980er und 90er Jahren geboren worden sind, um die Jahrtausendwende im Teenageralter waren und von denen ein großer Teil jetzt am Anfang des Berufslebens steht. Wie schon bei den „68ern“ oder den „Babyboomern“ werden Bedürfnisse und Einstellungen daran festgemacht, in welcher Zeit und unter welchen Umständen jemand aufgewachsen ist. Denn so entsteht oft ein ganz bestimmtes Lebensgefühl. Nicht bei jedem, aber eben bei signifikant vielen Menschen.

Ein starker Drang nach Selbstverwirklichung verbinde die Angehörigen dieser Generation, heißt es. Das kann man sowohl negativ als auch positiv bewerten. Aber denkt man diese Vorstellung weiter, kann sie eben auch bedeuten, dass ein solcher Mensch seine Ideale nicht länger am Firmeneingang abgeben will.

Wie es sich anfühlt, einen Teil seiner persönlichen Werte von neun bis fünf auszuknipsen, weiß Carsten Ohlrogge gut. Als Jugendlicher interessiert er sich für Wirtschaft, das Lernen liegt ihm. 2011 beginnt er eine Banklehre. „Am Anfang war das aufregend, die Kollegen waren nett und das Arbeitsumfeld stimmte auch“, sagt der heute 23-Jährige. Aber schließlich sei er damals „ziemlich unreflektiert“ und „im Systemdenken drin“ gewesen.

Reale Werte statt mehr Geld

Das ändert sich nach etwa einem Jahr: Carsten beginnt, Dinge zu hinterfragen. Er merkt: „Geld macht etwas mit Menschen“ und ein diffuses Unbehagen begleitet fortan seine Arbeitstage. Sein Abschluss ist hervorragend, die Logik gebietet ihm, in der Bank zu bleiben. „Man hat dort einen sicheren Job, was kann man als junger Mensch schon gegen einen sicheren Job haben?“ Doch seine Zukunft, dieses planbare Wechselspiel aus Fortbildungen und Gehaltssteigerungen, erscheint ihm plötzlich immer abstoßender. Produkte zu verkaufen, die niemand wirklich brauche, all die Sparmodelle, um aus Geld noch mehr Geld zu machen – nach sechs Monaten schmeißt er den sicheren Job, um zu studieren. „Ich wollte reale Werte.“

Wer Nachhaltigkeit sucht, ist nicht allein...

Sein aktueller Plan A sieht vor, nach dem Soziologie- und Kommunikationswissenschafts-Studium selbst als Hochschullehrer zu arbeiten. Zuerst das eigene Leben zu überdenken und zu verändern, um dann im Leben anderer Menschen Veränderungen anzustoßen. Oder zumindest das eigene Wissen weitergeben zu können und künftige Studenten auf der Suche nach Orientierung und Werten zu unterstützen – das ist Carstens Traum vom nachhaltigen Job.

Was Carsten und Norman und viele andere antreibt, erklärt der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Bruno Staffelbach so: „Sinn zu erleben ist ein menschliches Grundbedürfnis“. Das könne bedeuten, an „Leistungen mitzuwirken, die man für sinnvoll erachtet und nicht einfach ein kleines Rädchen in einer Produktionsmaschinerie zu sein“, so Staffelbach, aber auch, „Stolz in Bezug auf die eigene Arbeit empfinden zu können“.

Noch vor ein paar Jahrzehnten stellte sich der Stolz und mit ihm das Gefühl von Sinn häufig ganz automatisch ein, wenn man nur die gesellschaftlichen Vorgaben erfüllte. Also Schritt für Schritt die Karriereleiter erklomm, das Ganze mit Familie und Freunden garnierte und seine Freizeit dann noch mit ein bisschen Kultur und einem regelmäßigen Sonntagsspaziergang füllte. Ein Beruf hatte seine klare Bezeichnung und seinen fest abgegrenzten Aufgabenbereich, von der Ausbildung bis zur Rente. Die Berufsbilder sind vielfältiger geworden, die Aufgabenbereiche weiter.

Lebensstil „auf Pump“?

Früher fand das Leben auf ausgetretenen Pfaden statt, heute spielt es oft abseits, zwischen Dickicht, im Schlamm. Einen Lebenssinn zu spüren ist dadurch komplizierter und einfacher zugleich geworden.

Denn auf der einen Seite winkt die große Freiheit, die unzähligen Wahlmöglichkeiten in dieser Welt, in der Grenzen oft nur noch in den Köpfen existieren, einer Welt, in der Technik alles möglich zu machen scheint. Auf der anderen Seite sind die Nebenwirkungen einer hochgezüchteten Wirtschaft, eines entfesselten Wachstumsstrebens zu spüren. Klimawandel, Ressourcenknappheit, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, Massentierhaltung, . . . Wer sich umschaut, kann nicht anders, als nachzudenken. Und sich einzugestehen, dass, wer selbst entscheiden und gestalten will, auch Verantwortung übernehmen muss.

Die Menschen müssten aufhören mit diesem Lebensstil „auf Pump“, fordert denn auch der prominente Volkswirtschaftler Niko Paech, der sich als Wachstumskritiker einen Namen gemacht hat. In seinem Buch „Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ prangert er die Selbstverständlichkeit an, mit der die Konsumgesellschaften „zusehends Forderungen an die Gegenwart“ stellten, „die sich nicht mittels gegenwärtiger Möglichkeiten befriedigen lassen, sondern die Zukunft belasten“. Da ist es wieder, das Prinzip der Nachhaltigkeit in seiner klassischen Formulierung.

Die Wirtschaft von innen verbessern

Mit anderen Worten: Wir konsumieren immer mehr mit immer größerer Selbstverständlichkeit, wollen immer schneller immer leistungsstärkere, bessere Produkte, beuten damit Ressourcen aus, hoffen, dass Innovationen schon helfen werden, diese Ressourcen entbehrlich zu machen, häufen Müll an, hoffen, dass Innovationen helfen werden, den Müll verschwinden zu lassen, pressen den Planeten aus, weil unser Lebensstandard immer höher werden soll. Man könnte sagen: Wir huldigen dem Gott des Wachstums, den die Wirtschaft uns als einzig wahren vorgesetzt hat.

Doch anstatt von außen auf die Wirtschaft zu schimpfen, müsse man sie von innen verbessern, sagt Anna Wiebe, Leiterin der Kölner Lokalgruppe von „Sneep“, dem „student network for ethics in economics and practice“, einem Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik. Der Verein will „Studierende, Berufseinsteiger/innen und Auszubildende aller Art animieren, die Grenzen der ,klassischen Ökonomie’ zu verlassen und so Möglichkeiten für ein Wirtschaften im 21. Jahrhundert aufzeigen“. Regelmäßig treffen sich die Mitglieder der 33 Lokalgruppen zu Gesprächsrunden; es werden Vorträge organisiert, Workshops und Tagungen veranstaltet. Die Gruppen verzeichnen kontinuierlich steigenden Zulauf, arbeiten teilweise aktiv mit Universitäten zusammen und locken längst nicht mehr nur Wirtschaftswissenschaftler oder Philosophen an. „Sneep gibt kein Dogma vor, sondern bietet einen Raum und eine Plattform, um verschiedene Perspektiven zu diskutieren“, sagt Anna. Nachhaltigkeit ist dabei ein zentrales Thema.

Es soll in die Tiefe gehen

Aber ist dieses Gerede von Nachhaltigkeit nicht nur ein Trend? Natürlich gebe es einige, für die das Ganze einfach nur chic sei, sagt Anna. „Aber bei Sneep soll es in die Tiefe gehen. Wir wollen weg von diesem Zweigleisigen: ,Was mache ich im Beruf und was mache ich privat?’.“

Weil der Verein nun in sein zwölftes Jahr geht, ist bereits eine ganze „Sneep-Generation“ aus der komfortablen Position des Studenten, der in flammenden Diskussionen ein nachhaltiges Utopia heraufbeschwört, ins kalte Wasser der beruflichen Realität gestürzt. Und scheint sich selbst dabei treu zu bleiben. Manche, berichtet Anna, hätten tatsächlich begehrte Jobs als Nachhaltigkeitsmanager in Firmen, andere seien „komplett ausgestiegen“, und wieder andere würden auf „ganz normalen Posten in ganz normalen Unternehmen“ arbeiten und aus dieser Position heraus kleine und große Veränderungen durchsetzen.

Mehr als nur „greenwashing“

Lukas Vollmer*, ein studierter BWLer, war bis vor kurzem noch auf Jobsuche. Sein richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen – Lukas fürchtet den „Gutmenschen-Stempel“, das Etikett des weltfremden Störers. Sein ursprünglicher Berufswunsch: Nachhaltigkeitsmanager, auch CSR-Manager genannt. Die Abkürzung steht für „corporate social responsibility“, was soviel bedeutet wie unternehmerische Gesellschaftsverantwortung. Die Berufsbezeichnung spiegelt den Mentalitätswandel wider, der sich gerade in großen Teilen der Gesellschaft vollzieht und von der Wirtschaft nicht unbeachtet bleiben kann. Immer mehr Unternehmen brauchen plötzlich jemanden, der sie ein bisschen grüner und moralischer macht oder zumindest so aussehen lässt. Manchen sei es damit wirklich ernst, sagt Lukas, andere würden lediglich „greenwashing“ betreiben – wollen also ihr Image ein bisschen aufpolieren, weg vom Ruf des Luftverschmutzers hin zum Ruf des Regenwaldschützers, oder so ähnlich. Lukas weiß, wovon er spricht, greenwashing war das Thema seiner Abschlussarbeit. Außerdem hat er ein Zusatzdiplom in Wirtschaftsethik, wäre also der perfekte Mann für einen CSR-Job. „Gewinnmaximierung und Wachstum kann doch nicht alles sein“, sagt Lukas – noch nicht einmal für Ökonomen. „Und ich kann nicht einsehen, weshalb ich für einen Beruf meine Werte über Bord werfen soll“.

Doch so schön die Vision von mehr Nachhaltigkeit im Berufsleben ist, von immer mehr Menschen, die ihre Ideale in die Unternehmen tragen, möglicherweise krankt sie an einem entscheidenden Merkmal. Lukas, Carsten, Anna, Norman – sie alle sind hervorragend ausgebildet. Man könnte sagen: Der Wunsch nach einem nachhaltigen Job ist ein elitärer Wunsch. Das streitet Anna nicht ab – bisher erreiche Sneep hauptsächlich das akademische Umfeld. Aber: Man arbeite daran, Auszubildende und Schüler miteinzubeziehen.

Zuerst um die Studenten kümmern

Pragmatisch betrachtet ist es nicht falsch, sich zuerst um Studenten zu kümmern. Schließlich sind die künftigen Geschäftsführer, die Entscheidungsträger, statistisch gesehen häufig Akademiker. Und sieht man sich die „normalen“ Jobs an, gibt es auch dort einige, die zwar nicht das Etikett „nachhaltig“ tragen, aber durchaus in die Schublade passen. Für Carsten sind das die sozialen Berufe. Am Ende liegt die Verantwortung ohnehin nicht bei den Arbeitern und Angestellten, sondern bei den Arbeitgebern. Wenn die Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen und die Produktion, ja, nachhaltiger gestalten würden, wären auch zig „normale“ Jobs nachhaltiger.

So orientiert sich auch Lukas im März 2015 noch einmal um, ohne dabei seine „Werte über Bord zu werfen“: Nachdem er wochenlang erfolglos in Vollzeit Bewerbungen geschrieben hat, an alle Unternehmen, die er für einigermaßen nachhaltig hält, versucht er es im „klassischen Gesundheitsbereich“. Seine Überlegung: Besonders bei konfessionellen Kliniken müsse „ein gewisses Wertefundament vorhanden“ sein, mit dem er übereinstimme. Schließlich fängt er als Führungskraft in der Verwaltung eines katholischen Krankenhauses an.

Normans Vorstellungen und die Arbeitsmarktrealität ließen sich bisher nicht auf einen Nenner bringen. Aber wenn das Ergebnis nicht stimmt, ändert der Mathematiker den Rechenweg. Norman setzt nun einen Plan um, der ihn schon seit Monaten begleitet: eine nachhaltige Stellenbörse.

* Name geändert