Im Gottesdienst dieser Seelsorger beten nur Häftlinge

In der Gefängnis-Kapelle der JVA Essen predigen der katholische Seelsorger Klaus Schütz (l.) und der evangelische Pfarrer Michael Lucka.
In der Gefängnis-Kapelle der JVA Essen predigen der katholische Seelsorger Klaus Schütz (l.) und der evangelische Pfarrer Michael Lucka.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Die Seelsorger der JVA Essen sind die Vertrauten der Gefangenen. Wir trafen sie in ihrer Kapelle. Ein Ort der Hoffnung, wo es kaum noch Hoffnung gibt.

Essen.. Einmal und nie wieder. Das waren Klaus Schütz’ Gedanken, als er den ersten Gottesdienst in einem Gefängnis besuchte. Es roch streng. Nicht alle Häftlinge hatten sich gewaschen. „Und den Gottesdienst fand ich auch nicht so gut.“ Ebenso wenig das Geräusch der Schlüssel, wenn sie Tür für Tür verriegelten.

Doch dann bat ihn der damalige Bischof Luthe darum, die frei gewordene Stelle des katholischen Seelsorgers an der JVA Essen zu übernehmen. „Er versprach mir, dass ich ihn anrufen könnte, wenn ich das nicht mehr machen wollte“, sagt Schütz. Das war vor 15 Jahren. „Ich habe nie angerufen.“

Im Gefängnis erfährt der 48-Jährige eine größere Dankbarkeit als in einer normalen Gemeinde. Sein Gottesdienst unterscheide sich kaum von denen in Freiheit. „Nur an Fronleichnam kann ich keinen Prozessionszug machen“, sagt er schmunzelnd, bevor er sogleich wieder ernst wird: „Die Gefangenen erinnern sich an die Kirche zuhause.“ Sie schlagen so eine gedankliche Brücke nach draußen. „Und sie finden sich oft in den biblischen Geschichten wieder“, erklärt Michael Lucka. Der evangelische Pfarrer, der auch den Gefangenenchor leitet, teilt sich seit drei Jahren mit Schütz die Kapelle. „Wenn Petrus Jesus verleugnet, kennen die Gefangenen das Gefühl. Auch ihre Freunde wenden sich ab.“

Wie auf jedem anderen Altar stehen auch auf dem der JVA Kerzen. Ein Kreuz hängt an der Wand. Die Lieder, die von der Orgel begleitet werden, sind angeschlagen. Nur wer sich den Fenstern nähert und zum Himmel schaut, sieht hinter dem Glas das Gitter.

60 Stühle stehen in der Kapelle, beim letzten evangelischen Gottesdienst waren 50 von ihnen besetzt. Der Besuch des wöchentlichen Gottesdienstes, der von Beamten bewacht wird, ist freiwillig. Aber viele warten regelrecht darauf, nach 23 Stunden Einsamkeit in der Zelle. „Wenn einer quatscht, fliegt er raus“, sagt Lucka, der schnell klare Worte findet. Schütz: „Wir reden nicht so diplomatisch wie draußen. Ein Gefangener braucht ein Ja oder Nein, aber kein Vielleicht.“

„Die Knastsituation ist psychisch extrem belastend.“

Die Kapelle ist ein Ort der Sinnsuche, der Hoffnung. „Die Knastsituation ist immer psychisch extrem belastend“, so Schütz. Die ersten Wochen seien besonders schwierig. „Das Risiko, dass jemand so nicht mehr leben möchte, ist permanent da.“ Lucka: „Wer hierhin kommt, hat nicht mal warmes Wasser. Einen Wasserkocher oder Fernseher müssen sie sich kaufen.“

Schütz wundert sich über das Bild, das die Menschen vom Gefängnis haben. Einerseits meinten die Leute, die Inhaftierten hätten es viel zu gut, andererseits beschwerten sie sich über Haftbedingungen. „Wir sind kein Folterknast“, betont Schütz. „Aber eben auch kein Hotel“, ergänzt Lucka. „Hier gibt es keine Handys, kein Internet und der Postweg dauert tierisch lange.“ Dabei sei der Kontakt nach draußen so wichtig, um dort später straffrei leben zu können.

Anfang des Jahres wurde die Besuchszeit für die Gefangenen per Gesetz verdoppelt: Zwei Stunden im Monat stehen nun jedem der über 500 Gefangenen in Essen zu. Zwei weitere, wenn der Häftling ein Kind unter 14 Jahren hat. Die Seelsorger unterstützen das, sehen aber auch die Mehrarbeit für die Sicherheitsbeamten, die die Gefangenen zum Besuchsraum begleiten. „Es gibt keine Lobby für Straftäter“, so Lucka. Und somit auch nicht für einen besser finanzierten Justizvollzug. Schütz hat daher auch stets ein offenes Ohr für die Angestellten.

Auf dem Tisch liegen Taschentücher

Den Kontakt zur Familie stärkt Lucka auch in seinem Büro, in dem er weitere Treffen ermöglicht. Aber nur, wenn ein ernsthaftes Interesse an den Kindern da ist. Kuscheltiere und ein Spielzeugauto liegen in seinem Regal. Die Fenster dieser ehemaligen Zelle sind zwar vergittert, davor stehen aber Lampen, die wärmeres Licht als das von Neonröhren spenden. „Hier kann ich ihnen auch mal einen Filterkaffee anbieten“, sagt der 47-Jährige, auf dessen Tisch Taschentücher liegen.

Die Gefangenen seien oft sehr emotionale Menschen. Schütz: „Hier dürfen Tränen fließen. Im Hafthaus geht das nicht, da verlieren sie sonst den Respekt der anderen.“ Tags zuvor musste Lucka einem Gefangenen sagen, dass seine Oma gestorben ist. Wenn der Enkel zur Beerdigung möchte, wird es schwierig, das zu organisieren.

Oft sind es aber alltägliche Bitten, die die Gefangenen schriftlich den Seelsorgern mitteilen. Der Wunsch nach Tabak, nach einem ganz normalen Gespräch oder eine Frage zum Haft-Ablauf. Die Seelsorger vermitteln bei Problemen. Und sie sprechen mit den Gefangenen, ohne vorher in die Akten zu schauen. Meist erzählten die Häftlinge selbst, warum sie verurteilt wurden. Zumal die Seelsorger einer Schweigepflicht unterliegen. Schütz: „Da kommen schnell Fragen auf, nach Schuld, nach Vergebung: ,Wie soll ich damit leben, dass ich meine Partnerin getötet habe?’“

Schütz sieht die Möglichkeiten der Gefangenen, „ein besserer Mensch zu werden.“ Lucka zeigt „Perspektiven in der Perspektivlosigkeit“. Zugleich betont er: „Es gibt hier keine Streichelseelsorge. Die bekommen auch mal eine kalte Dusche.“ Denn: „Man kann nur einen neuen Weg einschlagen, wenn man zu seiner Schuld steht.“ Und das Opfer im Blick behält. Oft werde vergessen, dass auch die Angehörigen, Frau und Kind, Opfer sind.

Anfangs hatte Lucka noch ein mulmiges Gefühl. Heute ist die Arbeit mit Gefangenen sein Alltag. Er versucht „berührbar“ zu bleiben. Aber seine Aufgabe hat ihn verändert, den Vater von vier Kindern. „Meine Jungs sagen, seit ich im Knast bin, bin ich viel strenger.“ Doch wenn am Abend der Pfarrer in die Freiheit tritt, spürt er: „Ich habe etwas Sinnvolles getan.“