Hirnforschung entschlüsselt die Fähigkeit des Mitfühlens

Ein Baby ahmt die Mutter nach. Zeigt sie ihre Zähne, dann öffnet auch der Säugling seinen Mund.
Ein Baby ahmt die Mutter nach. Zeigt sie ihre Zähne, dann öffnet auch der Säugling seinen Mund.
Foto: getty
Die Gabe, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, mit ihnen zu fühlen, ist uns bereits in die Wiege gelegt. So wird schnelles Handeln erst möglich.

Essen.. Wann haben Sie zuletzt ein Baby im Arm gehalten? Eines, das mit erstauntem und neugierigem Blick in die Welt schaut. Oder sogar eines, das kurz davor steht, in Tränen auszubrechen. Und was haben Sie in dieser Situation gemacht? Höchstwahrscheinlich haben Sie es angelächelt – und in diesem Moment eher nicht erst rational darüber nachgedacht, warum sie das tun. Intuitiv jedoch wissen Sie: Wenn ich selbst lächele, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Baby zurücklächelt! Und dass es sich deshalb vielleicht sogar wohler fühlt. Umgekehrt würden auch Sie sich bei solch einer erfreulichen Reaktion wohler fühlen.

Man muss kein Neurobiologe sein, um diese grundlegende Form sozialer Interaktion zu kennen und zu verstehen. Wir müssen dazu nicht erst auf unsere Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen zurückgreifen. Dass diese Verhaltensweisen jedoch tief in unseren Gehirnzellen verwurzelt sind, war eine Erkenntnis, die als Sensation in der Hirnforschung angesehen werden kann.

Verantwortlich dafür sind die sogenannten Spiegelneuronen, die uns in die Lage versetzen, unsere Gegenüber so wahrzunehmen, als ob wir es selbst wären. Als würden wir ihre Bewegungen selbst ausführen, ihre Gesichtsausdrücke nachahmen, ihre Gefühle wie Freude oder Schmerzen selbst fühlen, ja, sogar ihre Handlungen erahnen. Diese Spiegelungen geschehen ohne eigenes Zutun oder Nachdenken. Wir nehmen etwas wahr und erstellen davon in unserem Gehirn eine geistige Kopie – es entsteht Mitgefühl. Ob es nun dazu führt, dass wir dann tatsächlich etwa denselben Gesichtsausdruck annehmen oder uns von der Freude des Gegenübers anstecken lassen, das bleibt uns freigestellt. Denn für die Umsetzung der Spiegelung in eine tatsächliche Handlung, sind andere Zellen in unserem Hirn zuständig.

Mitgefühl Parma, 1996. Am Physiologischen Institut der Universität untersucht ein Team um den Hirnforscher Giacomo Rizzolatti, wie Tiere ihre Handlungen steuern. Dazu musste er an einem Affen ein schmerzfreies Experiment durchführen. Er hatte dazu im Hirn des Affen unter Narkose eine extrem feine Elektrode angebracht, die im Wachzustand eine bestimmte Zelle belauschen und so feststellen sollte, bei welchen Handlungen diese Zelle ein Signal abfeuerte. Durch die Messungen wurde klar, dass die besagte Zelle immer dann ein Signal sendete, wenn der Affe mit der Hand nach einer Erdnuss griff – ein einfacher Zusammenhang. Doch plötzlich reagierten die Messgeräte, ohne dass der Affe selbst seine Hand bewegt hatte. Das Tier hatte nämlich beobachtet, wie einer der Wissenschaftler nach der Erdnuss griff – und sendete die gleiche Botschaft ans Hirn, die es im Falle einer eigenen Handlung übertragen hätte.

Der Affe spiegelt die Handlung

Dass im Hirn des Affen also allein durch die Beobachtung einer Handlung eine Simulation dieser Handlung ausgelöst wird, diese also gespiegelt wird, galt unter den Hirnforschern als profunde neue Erkenntnis. Zumal diese Entdeckung weitreichendere Konsequenzen hat. Denn diese Hirnzellen „spiegeln das Verhalten und die Gefühle der Leute in unserer Umgebung dergestalt, dass die anderen Menschen ein Teil von uns werden“, schreibt der Hirnforscher Christian Keysers in seinem Buch „Unser empathisches Gehirn – Warum wir verstehen, was andere fühlen“.

Es ist das Mitgefühl, das uns unwillkürlich ergreift. Egal, ob wir einen greisen Bettler in der Fußgängerzone sehen, das Jubeln der Menge nach einem Tor im Fußballstadion, das Nachrichtenbild einer weinenden Frau vor den Trümmern ihres vom Erdbeben zerstörten Hauses oder das spontane Emporrecken der Arme bei einem Popkonzert. Immer spiegeln wir die Emotionen unserer Umwelt, Mitleid, Mitfreude und wenn wir im Fernsehen das Verhalten mancher Promis sehen, denen offensichtlich nichts peinlich ist, können wir uns für sie stellvertretend schämen (siehe Artikel auf Seite 4 – „Wissen“).

Solche Spiegelungen geschehen unmittelbar – und führen mitunter flotter zu Handlungen, als es durch rationales Denken allein möglich wäre. Man stelle sich ein Fußballspiel vor, bei dem die Spieler erst über alle möglichen Aktionen der eigenen sowie der gegnerischen Mannschaft nachdenken müssten und versuchten, sie vorauszuberechnen. So ein Spiel ähnelte wohl eher einer Partie Schach. Stattdessen gibt es begnadete Spieler, die scheinbar mühelos und intuitiv die Laufwege der eigenen und gegnerischen Spieler vorausahnen und so in Windeseile Spielzüge durchführen, über die sie sonst lange nachdenken müssten.

Babys ahmen Eltern nach

Dass sich das Spiegeln auf verschiedene Bereiche menschlichen Handelns und Empfindens auswirkt, lässt sich gut am Beispiel eines Säuglings festmachen. Der braucht höchstens ein paar Tage nach der Geburt, um die Gesichtsausdrücke der Menschen in seiner Umgebung nachzuahmen. Dass sich mit dem Anlächeln eines Säuglings nicht nur der Gesichtsausdruck, sondern auch der Gefühlszustand eines kleinen Kindes positiv beeinflussen lässt, haben wir ja schon eingangs erwähnt. Auf diese Weise funktioniert aber auch der allen Eltern bekannte Fütter-Trick: Öffnet die Mutter oder der Vater den Mund, obwohl das Kind zunächst gar keine Lust aufs Essen hat, dann öffnet auch der Säugling spontan seinen Mund. Das Lallen, das normalerweise etwa acht Wochen nach der Geburt einsetzt, ist ebenso eine Nachahmung der Sprache, obwohl das Baby von da aus noch Monate bis zu den ersten Einwortsätzen braucht.

Die Übertragung von Gefühlen funktioniert allerdings auch in ihrer negativen Ausprägung. So hat Hirnforscher Christian Keysers ein Experiment mit seiner Frau Valeria durchgeführt. Er steckte sie mit einer aufgesetzten Anästhesiemaske in einen sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRT). Erst führte er ihr dort Filme eines Schauspielers vor, der am Inhalt eines Glases riecht – zunächst mit neutraler Miene, später mit erfreutem bzw. angeekeltem Gesichtsausdruck.

Anschließend gab es noch einen Durchgang, bei dem Valeria Keysers zu den Filmen die passenden Gerüche über Anästhesiemaske in die Nase bekam. Es kam heraus, dass die positiven Erfahrungen nicht so positive Reaktionen auslösten wie die negativen Erfahrungen negative Reaktionen. Dennoch reichte schon der Anblick eines angeekelten Gesichts aus, um auch bei Valeria Keysers selbst – und den späteren Probanden – Ekelgefühle auszulösen.

Es gibt auch andere, weitaus angenehmere Gemütszustände, zum Beispiel die Liebe, bei denen die Spiegelneuronen eine große Rolle spielen, auch wenn sie nicht allein durch jene paar Hirnzellen erklärt werden kann. „Das Geheimnis der Liebe scheint in der spontan und mühelos ausgeübten Kunst zu liegen, sich auf den anderen einzustimmen“, schreibt der Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer. Dies zerlegt er in zwei Komponenten: Die Gabe, die Situation des geliebten Menschen zu „lesen“, und die Bereitschaft, die durch dieses „Lesen“ ausgelöste Resonanz zu verstärken. Dass die Spiegelung außergewöhnlich gut funktioniert, zeigt sich bei Flirtenden am Chamäleon-Phänomen, bei dem beide intuitiv Körperbewegungen und -haltungen spiegeln, also sich quasi zeitgleich durchs Haar fahren oder die Beine übereinander schlagen. Auch hier kann es allerdings Fallen geben: „Die Fähigkeit, gegenüber anderen in Resonanz zu gehen, kann sich erschöpfen, zum Beispiel dann, wenn einer der beiden Partner in einer Partnerschaft immer nur Empathie geben soll, aber selbst keine empfängt“, so Joachim Bauer.

Wichtig ist, dass die Spiegelung echt ist

Wichtig, damit Spiegelungen auch beim Gegenüber ankommen, ist immer die „Echtheit“ der Handlung. „Wenn wir das Lächeln von Politikern sehen, spüren wir sofort, dass es falsch ist“, schreibt Christian Keysers. Wer nur den Mundwinkel nach oben zieht, aber um die Augen herum entspannt bleibt und sich nicht einmal um echte Freude bemüht, den entlarven wir unbewusst – und spiegeln seine Freude eher selten.

Schamgefühl Auch der umgekehrte Fall ist ein Problem: Jeder weiß, was ein Pokerface ist. Wer also in einer Konkurrenzsituation ist oder sich gar einem Feind gegenübersieht, der kann seine gefühlsmäßige Anteilnahme weitestmöglich verbergen. Und im Falle eines Pokerspiels ist dies nur allzu gut verständlich, denn für viele Mitspieler ist es absolut kein Problem, aus dem Gesicht des anderen zu lesen, wie gut sein Blatt ist.

Ein weiterer Sonderfall ist beim Mobbing zu beobachten: Hier wird das Opfer nicht nur oft erniedrigt und niedergemacht. Ein verbreitetes Mittel ist auch die Verweigerung der emotionalen Spiegelung. Die betreffende Person hat gerade ein Erfolgserlebnis gehabt und will es anderen mitteilen – doch als Reaktion erntet es Gleichgültigkeit oder gar Missbilligung. Wenn ein Mobbingopfer wiederholt solche Erfahrungen macht, gerät seine Wahrnehmung von sozialer Spiegelung ins Wanken. „Wer von anderen systematisch von Resonanzerfahrungen ausgeschlossen wird, wie es beim Mobbing typischerweise der Fall ist, reagiert in der Regel mit einer massiven depressiven Reaktion“, sagt Joachim Bauer.

Psychopathen verweigern bewusst ihr Mitgefühl

Während man in den meisten Fällen von Mobbing von einer bewussten Verweigerung des Mitgefühls ausgehen kann, hat unter anderem Keysers bei Experimenten mit Psychopathen festgestellt, dass sie sich auch auf körperlicher Ebene von anderen Menschen unterscheiden. Er untersuchte einige von ihnen im fMRT und zeigte ihnen Filme, in denen andere gestreichelt oder geschlagen wurden. Während bei anderen Probanden die Spiegelneuronen in solchen Fällen feuerten, blieben sie bei den Psychopathen vergleichsweise still. Daraus kann man schließen, dass sie kein Mitgefühl empfinden. Eigentlich müssten sie mit solch einem Mangel starke Probleme im Alltag haben. Doch Psychopathen weisen noch eine Besonderheit auf: Als Keysers sie bat, sich in die Personen hineinzuversetzen, reagierten plötzlich auch ihre Spiegelzellen. Woraus sich schließen lässt, dass diese Menschen ihr Mitgefühl bewusst einschalten können. Deswegen sind sie auch oft so gut darin, andere Menschen zu manipulieren.

Im Normalfall sind die Spiegelneuronen der Menschen immer eingeschaltet. Aber sind wir deswegen unserem Mitgefühl ausgeliefert? Nein, denn ob und wie viel Mitgefühl wir letztlich in welcher Lebenslage zulassen, das bleibt uns selbst überlassen. Wir können es unterdrücken. Aber wer es richtig zu nutzen versteht, hat einen der besten Wegweiser für sein eigenes Verhalten im Leben gefunden.