Heute sind alle kreativ - über eine besondere Eigenschaft

Von der Zeichnung - zum fantasievollen Kuscheltier.
Von der Zeichnung - zum fantasievollen Kuscheltier.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Neue Forschungen kommen unserer kreativen Schaffenskraft auf die Spur – von der Höhlenmalerei bis zur Kreativwirtschaft.

Essen.. Auf dem Lampenschirm prangt eine Schatzkarte, auf den T-Shirts toben Dinos und tanzen Herzchen. Der puppenstubengroße Laden in Essen-Rüttenscheid verströmt Bullerbü-Romantik und lädt ein, sich in die Märchenwelten der bunten Stoffe zu träumen. Wenn Hülya Nazlican im „Wohnsinnig“ an ihrer Nähmaschine sitzt und Kissen, Shirts, Schultüten näht – dann deutet wenig darauf hin, dass sie vor wenigen Jahren noch als Doktor der Humangenetik im Labor der Essener Uni stand. „Ich habe immer schon gerne gemalt und gebastelt“, sagt die 40-Jährige. „Es macht mir großen Spaß, etwas zu entwerfen. Und jetzt kann ich mich so richtig kreativ austoben.“

Ob wir malen, schreiben, bloggen, stricken oder kochen: Glücklich ist, wer Phantasie und Schaffenskraft auslebt. Wie man die eigene Kreativität noch befeuern kann, verraten neurologische und psychologische Studien. Zugleich spielt der Faktor Kreativität auch in der Wirtschaftswelt eine stärkere Rolle: als eigene Branche („Kreativwirtschaft“) ebenso wie im Bemühen der Unternehmen, sich die Ideen ihrer Mitarbeiter zunutze zu machen.

Aus Ninja-Schultüten werden Kissen

Kreativität beginnt mit der Kindheit: Erinnern Sie sich noch daran, dass fünf Stöcke ein Haus waren und zwei Steine die Bewohner? Dass ein Stuhl als Rakete in den Weltraum fliegen konnte? Und das wilde Wasserfarbengekrakel „natürlich“ ein Schiff in Seenot zeigte? Und wie selig diese fließenden Spielstunden waren? „Flow“ heißt dieser Zustand in der Psychologensprache.

Auch für Hülya Nazlican begann die Kreativität mit der Kindheit – der ihrer eigenen Kinder. „Die bringen dich einfach auf Ideen. Die erste Puppenbettwäsche habe ich für meine Tochter Dilem genäht. Dann fragten Freundinnen, Nachbarinnen. Und so ging es los!“ Heute entscheidet der Sohn Malik (6) mit, was in ihrem Laden steht. Und gibt wertvolle Tipps: „Im vergangenen Jahr waren Schultüten mit Ninja-Kriegern der Renner.“ Die Schultüten kann man übrigens in Kissen verwandeln, wenn der erste Schultag vorbei ist: „Dilem hatte sich damals gewünscht, dass sie die nicht wegwerfen muss.“ Und ihre Mutter hatte eine gute Idee dazu.

Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt

Nun gibt nicht jeder eine qualifizierte Arbeit auf, um seine künstlerischen Seiten auszuleben; und auch bei Hülya Nazlican hatte die Entscheidung nicht allein mit Selbstentfaltung, sondern viel mit der Familienplanung zu tun: „Als Mutter ist es schwierig im Uni-Betrieb. Abends um elf noch mal schnell ins Labor, weil das Reagenzglas umgedreht werden muss, das geht nicht mit kleinen Kindern.“ Aber durchaus drängt sich der Eindruck auf, dass eine „kreative Ader“ oder „kreative Nische“ heute Bedingung für ein erfülltes Leben scheint, sei es im Hauptberuf oder im Hobbymodus. Ich bastle, also bin ich: verkaufe bei DaWanda Häkelarmbändchen, verwandle als Guerilla-Gärtner Verkehrsinseln in blühende Landschaften, schreibe mein eigenes E-Book, lade Freunde zur Sushi-Party. Oder lasse mich spätestens von einem der spaßigen Kritzel- und Bastelbücher („Dieses Buch können Sie sich knicken“) zu Verrücktheiten hinreißen: Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Wie man die eigene Kreativität bewusst steigern kann

In der kommenden Woche erscheint ein Sachbuch, das man sich keinesfalls knicken sollte – weil es dem „Handwerk der Kreativität“ wissenschaftlich auf die Spur kommt. „Und plötzlich macht es Klick!“ heißt das Werk, geschrieben hat es der Wissenschaftsjournalist Bas Kast. Darin erzählt er von den jüngsten Forschungen zum Thema, die eindrucksvoll belegen, dass Kreativität zwar „eine Grundeigenschaft des Gehirns“ ist – und doch eine wandelbare Größe.

Tipp eins zur Steigerung der Kreativität: Raus aus der Routine! So haben niederländische Wissenschaftler festgestellt, dass ungewohnte Situationen die Fantasie beflügeln – und dafür mal eben eine virtuelle Cafeteria geschaffen. Dort begannen umgestoßene Flaschen zu fliegen statt zu Boden zu fallen. Wer hier zu Gast war, war hinterher deutlich kreativer als Gäste einer „normalen“ (aber ebenfalls virtuellen) Mensa. „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ – ob Nietzsche sich ein solches Experiment im surrealen Raum hätte träumen lassen, als er diesen Satz aufschrieb? Heute ist erwiesen, dass schon kleine Veränderungen – etwa das Frühstücksbrot anders schmieren – Fantasieschübe auslösen können. Noch besser sind große, tiefgreifende Umstellungen: Auslandsaufenthalte oder auch das Aufwachsen mit zwei Sprachen erhöhen die Kreativität deutlich.

Verstörung, Ruhe, Übung

Ebenso wichtig wie die Verstörung ist die Ruhe: die Muße, den Geist wandern zu lassen. Neuere neurologische Befunde belegen, dass bei besonders kreativen Menschen jene Teile des Gehirns stark ausgeprägt sind, die im „Offline“-Modus aktiv sind: die bemüht werden, wenn gerade nichts los ist – keine schwere Matheaufgabe ansteht, kein aufregender Hindernislauf. Noch nicht geklärt ist, ob diese Gehirnregionen anlagebedingt so stark sind oder durch häufiges Tagträumen trainiert wurden.

Erstens Verstörung, zweitens Ruhe – müssen wir wirklich noch erwähnen, dass für kreative Höchstleistungen die Übung eine wesentliche Rolle spielt? Zehn Jahre, schreibt Bas Kast, brauchen die meisten hochkreativen Menschen, um die Höhe ihrer Schaffenskraft zu erreichen. Dies gilt für Michelangelo ebenso wie den „Kinderstar“ Mozart – der seine erste große Komposition auch „erst“ mit 21 schrieb.

Einfach mal ein paar Tage „offline“ bleiben

Vielleicht ist es die richtige Mischung aus Ruhe und Routine, die ein Genie zum Genie macht? In seinem Buch „Musenküsse“ beschreibt Mason Currey die Arbeitsrituale von Schriftstellern, Künstlern, Musikern: Zwar stehen nicht alle um vier Uhr morgens auf wie Haruki Murakami oder gehen jeden Mittag zwei Stunden spazieren wie Tschaikowsky. Erstaunlich viele aber halten sich an festgelegte Arbeitszeiten, die sich mit Mußestunden abwechseln – und widerlegen so unser Bild vom ungezügelten, impulsiven Künstlerleben.

Wer das Nachahmen will, sollte beim Spaziergang tunlichst das Handy zu Hause lassen: Einer Studie zufolge hatten Menschen, die drei Tage lang „offline“ in der freien Natur unterwegs waren, hinterher deutlich größere Kreativitätsschübe beim Lösen von Worträtseln als eine Vergleichsgruppe.

Das Überleben des Kreativsten

Spätestens bei den kreativen Superstars aber drängt sich die Frage auf: Wozu ist Kreativität gut? Sicher, das erste Feuer zu machen war schlau, auch das Rad hat uns gute Dienste geleistet. Aber die Mona Lisa, Beethovens Neunte? Dass Picasso den Kubismus erfand oder Schönberg die Zwölftonmusik, trägt das irgendwie zur Erhaltung der Spezies Mensch bei? Die überraschende Antwort: durchaus. In seinem Buch „Die Evolution der Phantasie“ erzählt Thomas Junker, „wie der Mensch zum Künstler wurde“. Zum einen sind Kunstwerke Signale eines einzelnen: Hier ist Luxus und Verschwendung, hier kann sich jemand etwas leisten – etwa so wie die bunten Pfauenfedern oder die Wallemähne des Löwen also ein Zeichen für eine besondere Fortpflanzungstauglichkeit.

Zum anderen ermögliche die Kunst einer Gemeinschaft „kollektive Tagträume“: Diese dienten wiederum dazu, dass sich die Menschen mit gemeinsamen Zielen identifizieren – denn wenn darüber Einigkeit herrscht, haben Gemeinschaften die größten Überlebenschancen. Die kreative Erschaffung von Kunst beinhaltet also Selektionsvorteile für Gemeinschaften: Kunst mache, so Junker, Gesellschaften „über Generationen hinweg zu evolutionär erfolgreichen Superorganismen“. Seit der Entstehung der modernen Menschen vor gut 200 000 Jahren dienten Bilder, Statuen, aber auch Gesänge und Körperbemalungen „zur Vermittlung kulturellen Wissens, zur Festigung sozialer Bindungen und zur Abgrenzung von anderen Gruppen“.

Sprunghafter Anstieg der Bastler, Tüftler, Maler und Schriftsteller

Von damals bis kürzlich waren die Kunstschaffenden, die Kreativen, eine überschaubare Gruppe innerhalb der großen Gemeinschaft. In der westlichen Welt aber scheint mit dem wachsenden Wohlstand die Zahl der Schriftsteller und Maler, der Bastler und Tüftler sprunghaft angestiegen zu sein; das Kreativsein gehört nicht nur zu einem positiven Selbstbild, sondern wird zunehmend zum Teil unserer Selbstvermarktungsstrategie auf dem Arbeitsmarkt. Denn in dem Maße, in dem Arbeit nicht mehr körperlicher, sondern geistiger Natur ist, wird Kreativität von vielen Arbeitgebern ebenso gefördert wie gefordert.

„Kreativ“ ist das neue „teamfähig“, wobei idealerweise beides Hand in Hand geht. Wie aber macht man aus Gruppen Kreativ-Teams? Zum Beispiel, indem man kreativ baut. Als Steve Jobs das Trickfilmstudio Pixar kaufte und eine neue Firmenzentrale plante, hatte er die verrückte Idee, das Gebäude nur mit einem einzigen Toilettenbereich auszustatten – damit sich die Mitarbeiter aller Abteilungen möglichst oft über den Weg laufen. „Kreativität“, so der Apple-Gründer, „entsteht bei ungeplanten Treffen, aus zufälligen Gesprächen.“ Belegt ist, dass Abteilungen umso besser miteinander arbeiten können, je näher sie sich räumlich sind. Idealerweise auf einer Etage: Arbeiteten Menschen auf verschiedenen Stockwerken, „verringert sich die Zusammenarbeit um gut die Hälfte“, so Gerd Gigenzer, Psychologe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, im Gespräch mit Buchautor Bas Kast: „In der afrikanischen Savanne, wo sich der Mensch entwickelt hat, gab es schließlich auch keine Stockwerke.“

Kreativität und Wirtschaft

Wenn Bas Kast in der Folge Orte mit hohem „Kreativitätsquotienten“ beschreibt, könnte man meinen, er sei im Ruhrgebiet unterwegs – und schaue sich die Kreativ-Quartiere an, die die Kulturhauptstadt einst befeuert hat. Firmengründer und Künstler sollen hier aufeinander treffen, sich austauschen, gemeinsam zu neuen Ideen finden. Im Jahr 2009 definierte die Wirtschaftsministerkonferenz des Bundes, welche Sparten zur „Kreativwirtschaft“ zählen; elf verschiedene Branchen machte man aus, vom Buchmarkt über die Gamesindustrie bis hin zum Presse-, Architektur- oder Kunstmarkt. Gut 35 000 Beschäftigte hatte diese Kreativwirtschaft im Jahr 2012 im Ruhrgebiet und einen Anteil an der Gesamtwirtschaft von rund zwei Prozent. Das könnte ein Anfang sein, doch scheint die Entwicklung rückläufig: Zwischen 2009 und 2012, so eine Prognos-Studie aus dem vergangenen November, ist der Umsatz im Ruhrgebiet um 6,1 Prozent zurückgegangen. Während die Kreativwirtschaft bundesweit um 6,7 Prozent zulegte. Dieter Gorny, Leiter des „european centre for creative economy“ (das Kreativ-Institut der Ruhr2010), lässt sich dennoch durch diese Zahlen nicht entmutigen: „Wir sind eben nicht die Werbestadt Düsseldorf oder die Medienstadt Köln, wir reden hier über Prozesse,“ sagt er, und: „Es geht darum, Milieus aufzubauen“. Das Ruhrgebiet hätte durchaus Vorteile für Kreativschaffende, nämlich: „Billige Mieten und Freiflächen.“ Und es gibt im Revier, auch das zeige die Studie, „eine hohe Zufriedenheit mit dem Standort“.

Eine neue Richtung einschlagen

Vielleicht zeigt sich genau darin der Kern echter Kreativität: aus wenig mehr zu machen, klein anzufangen. Eine neue Richtung einzuschlagen. Hülya Nazlican bereut es nicht, sich mit der Nähmaschine selbstständig gemacht zu haben. Und freut sich auch über kleine Erfolge. Im Sommer ist ihr Sohn Malik in die Schule gekommen: „Und beim Einschulungsgottesdienst in der Kirche habe ich heimlich gezählt, wie viele Kinder meine Schultüten dabei hatten!“

  • Bas Kast: Und plötzlich macht es Klick! Das Handwerk der Kreativität. S. Fischer, 272 S., 19,99 €