Happy ohne End – Diese Kinoklassiker sind unsterblich

Ein ungleiches Paar: Seit 40 Jahren läuft "Harold and Maude" jede Woche in der Essener Galerie Cinema.
Ein ungleiches Paar: Seit 40 Jahren läuft "Harold and Maude" jede Woche in der Essener Galerie Cinema.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Während viele Filme nach kürzester Zeit wieder aus dem Programm fliegen, laufen andere ewig. „Harold and Maude“, „Bang Boom Bang“, „Die Feuerzangenbowle“.

Essen/Bochum.. Der Eingang ist keine Drehtür und auch keine aus Glas. Es ist eine gewöhnliche Haustür. Aus Holz, rot lackiert. Die Vorstellung beginnt in ein paar Minuten. Das Aufdrücken der Tür und der erste Schritt hinein sind wohl für jeden Erstbesucher ein komisches Gefühl. Rund zwanzig Zuschauer haben bereits im Saal Platz genommen und starren dem Eindringling kritisch und verwundert direkt ins Gesicht. Zumindest fühlt es sich so an. Wo ist die Kasse? Der Eingangsbereich?

Wahrscheinlich sind diese Fragen schon so manchem Gast der Galerie Cinema in Essen durch den Kopf geschossen. Wer in dieses kleine Kino geht, steht sofort im Saal. Oder besser: Sälchen. Die plausibelste Lösung scheint in dem Moment der Verwirrung, die Tür direkt wieder zu schließen und die richtige Pforte zu suchen. Doch dann rufen aufgeregte Stimmen von innen: „Hier sind Sie richtig.“, „Kommen sie rein.“

"Es ist einfach zeitlos"

Es ist Sonntag, 16.30 Uhr, wie jede Woche läuft heute die liebenswerte Komödie „Harold and Maude“ in Originalfassung mit Untertitel. Und das schon seit 40 Jahren. „Es ist einfach zeitlos, wenn ich heute reinschaue, stelle ich fest, dass der Film nicht gealtert ist“, sagt Marianne Menze, die Geschäftsführerin der Lichtburg Essen.

Jan Luis Malinowski Schubert hat eine Taschenlampe in der Hand, er leuchtet auf den BluRay-Player in dem kleinen Vorführraum hinter den Sitzreihen und legt die Scheibe ein. „Früher lief alles noch über die 35 Millimeter Rolle. Ich bin der erste Filmvorführer, der mit BluRay arbeitet“, flüstert er, verlässt den Vorführraum und zieht den Stoffvorhang zu, um den Zuschauersaal weiter abzudunkeln. Der Film läuft. Drüben im Nebenzimmer sitzt Jan Luis während der Vorstellung, um die Abrechnung zu machen. „Manchmal schaue ich auch mit, aber oft gehe ich erst zum Ende rüber“, so der 19-jährige Student. Die Schauspielerstimmen sind gedämpft hörbar.

Harold ist 18, lebt im Überfluss und hat einen morbiden Hang zu Beerdigungen. Außerdem inszeniert er des Öfteren seinen Selbstmord, um die Anerkennung seiner Mutter zu gewinnen. Diese wiederum ist jedoch darauf aus, ihrem Sohn eine potenzielle Heiratskandidatin nach der anderen vorzuführen. Doch Harold will nur Maude, die er auf einer Beerdigung kennenlernt. Die muntere, jung gebliebene 80-Jährige ist eine Revoluzzerin mit großem Herz, die Harold dabei hilft, zu sich selbst zu finden.

„Die Beziehung der beiden konträren Typen war damals ein absolutes Tabu. Der britische Humor in dem amerikanischen Film ist einfach einzigartig“, schwärmt Menze und sieht auch das als Grund für die Eigendynamik, die der Film von 1971 über die Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. „Der Film berührt zutiefst menschliche Dinge, er ist nicht platt, unterhält und gibt Denkanstöße. Er vermittelt einfach die Liebe zum Leben.“

In einer Szene ist Harold auf der Leinwand mit einer der Heiratsanwärterinnen zu sehen, der er seinen Tod durch einen Dolch vorspielt. Eine Zuschauerin gibt den Hinweis: „Jetzt kommt die Mutter“. „Es gibt öfter schon mal einen Fingerzeig, wenn in der nächsten Szene etwas Besonderes passiert. Einmal hat sich eine Person bei mir beschwert, weil ihre Sitznachbarin ständig Dinge vorgesagt hat“, lacht Jan Luis. Das kann auch Menze bestätigen: „Manche kichern vorher schon oder fiebern sichtlich einem Gag entgegen“, sagt sie.

Er kennt Anfang und Ende auswendig

Jan Luis ist selber auch begeistert von dem Klassiker und kennt die Anfangs- und Endsequenzen auswendig. Ein paar Freunde hat er ebenfalls von dem Film überzeugt. „Sie sind schon zum vierten Mal hier gewesen.“

Kino Doch das ist noch nichts im Vergleich zu dem harten Kern. Bei der Vorstellung zum 40-jährigen Jubiläum in Essen vor einigen Wochen fragte Menze das Publikum nach der bisherigen Anzahl ihrer Besuche. Von 200 Leuten hatte ein Drittel den Film zwischen fünf bis 15 Mal gesehen. „Eine Person hob sogar die Hand, als ich fragte, ob jemand den Film schon mehr als 25 Mal geschaut hätte“, erinnert sich Menze. Eltern würden ihre Kinder mitnehmen, Großmütter ihre Enkel.

„Der Film spricht drei Generationen an. Als ich die Leute nach den Beweggründen fragte, sagte jemand, die beiden gehörten zum fixen Freundeskreis und er müsse sie zwei oder drei Mal im Jahr besuchen.“ Aus solchen Gründen erkennt Jan Luis die Besucher manchmal auch wieder. So wäre neulich eine ältere Dame drei Mal innerhalb kürzester Zeit da gewesen. Mittlerweile ist „Harold and Maude“ rund 2500 Mal in der Galerie Cinema gelaufen. Das sind rund 150 Tage am Stück in Dauerschleife. Und deutscher Rekord. Nur die „Rocky-Horror-Picture Show“ kommt annähernd an diese Spitzenleistung ran. In München läuft die Kinofassung des Musicals seit 1977 und feiert in zwei Jahren 40-Jähriges.

18 Wochen lang ausverkauft

Als am 6. Juni 1975 in Essen die Liebeskomödie das erste Mal in der Galerie Cinema vorgeführt wurde, war sie 18 Wochen ausverkauft. Die Betreiber entschieden sich zu einer festen Vorstellung jeden Sonntag. Und auch heute kämen laut dem Filmvorführer im Schnitt immer noch fünf bis zehn Gäste. Aber auch für eine Person zeigt das Kino den Streifen. „Und das soll auch die nächsten 100 Jahre so weitergehen“, so Menze.

Bang Boom Bang knallt noch immer

Abgedreht, dreckig und ordinär. Mit diesen Adjektiven lässt sich die Komödie „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“ von 1999 wohl angemessen beschreiben. Was erst einmal für einige abschreckend klingt, ist in Bochum Kult. Seit nunmehr 16 Jahren zeigt das UCI-Kino den Streifen wöchentlich im Saal 14. Jeden Freitag um 23 Uhr reißen die Kleinkriminellen Keek, Kalle, Schlucke & Co. in Kreisliga-Manier einen Proletenspruch nach dem anderen.

Zur Veranschaulichung werden im Folgenden einige Beispiele genannt, die jedoch in Berufung auf die Altersfreigabe der FSK, erst von Kindern ab zwölf Jahren gelesen werden sollten: „Was hat dieser Typ meine Olle zu ficken?“, „90-60-90. Das sind die Noten, weswegen wir dich hier eingestellt haben.“, „Die Olle war ja schäbig wie die Nacht, ne?!“, „Ratte is doch auch ‘n Kollege!“. Bei den einen werden nun vielleicht amüsante Erinnerungen wach, den anderen steht das bloße Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Wer sich jedoch auf die vulgären Sprüche einlässt, stellt fest, dass die gezielten Grenzüberschreitungen und Trash-Elemente in Kombination mit der teils schäbigen Kleidung aus den 90ern und den originellen Drehorten, die nicht gerade die schönsten Stellen des Potts hervorheben, dem Ganzen ein unverwechselbares Lokalkolorit verleihen.

„Entscheidend für den Erfolg ist sicherlich, dass er bei uns in der Gegend gedreht wurde“, vermutet Björn Nikula, der Mitglied der Kinoleitung ist und selber aus Unna kommt, wo viele Szenen gedreht wurden. „Und der schwarze Humor ist einzigartig“, so Nikula. Seine Meinung teilen sicherlich die regelmäßigen Zuschauer: „Um den Film hat sich eine richtige Fangemeinde gebildet. Wir haben hier auch öfter Gruppen, die Junggesellenabschiede feiern.“

Tickets im Voraus reservieren

Die Zuschauer sprechen bestimmte Szenen mit. Und einige von ihnen tragen dann auch gern schon mal die Fan-Klamotten der „Grabowski-Streetwear“, auf denen die besten Sprüche zu lesen sind. „Ich denke nicht, dass es aufhören wird. Die Fans wissen, dass der Film bei uns läuft.“ Teilweise würden sogar Interessenten von außerhalb anrufen und Tickets im Voraus reservieren. „Neulich rief jemand aus Berlin an.“

Zu dem Kultstatus trügen außerdem die regelmäßigen Sonderveranstaltungen im UCI bei. So fänden anlässlich der Jahrestage Vorstellungen statt, zu denen verschiedene Darsteller des Films geladen würden. „Bei unserem 15-Jährigen, waren die Söhne von Diether Krebs da und auch der Regisseur Peter Thorwarth kam schon mal.“ Zwar spielt für die Langlebigkeit des Films wohl weniger der Plot als die skurrilen Charaktere und deren spitze Zungen eine Rolle, trotzdem soll die Handlung zumindest grob angerissen werden: Der dubiose Chef Werner Kampmann (Diether Krebs) beauftragt den alkoholabhängigen Schlucke (Martin Semmelrogge) dazu, einen Einbruch in dessen Spedition vorzutäuschen, um die Versicherung zu betrügen. Die Kleinkriminellen Kalle Grabowski (Ralf Richter), Ratte (Heinrich Giskes) und Andy (Markus Knüfken) erfahren von dem Plan und wollen – auf der Suche nach schnellem Geld – von der Beute etwas abstauben. Und trotz der einsichtigen Äußerung – „Kalle, Waffen richten nur Unheil an.“ – wird ihnen dieser Coup zum Verhängnis. Die gezielten Grenzüberschreitungen und Trash-Elemente in der Handlung treiben den Scherz an und machen ihn schlussendlich zu einem derb-kultigen Film.

Schon bald nach Film-Anlauf hatte sich das Bochumer Kino dazu entschieden, den Film im Programm zu behalten. „Wir stehen dahinter“, so der Unnaer, der damals die Premiere schon miterlebte. Zur Freude der Fans. Rund 50 000 Besucher müssten es seit 1999 insgesamt gewesen sein, schätzt Nikula. Und ausgefallen sei er seitdem nie.

Ich bin da grad selber watt am Planen dran

Zur weiteren Freude der Fans soll Kalle Grabowski nun weiterleben in einem neuen Film von Ralf Richter. Die Macher sammelten per ­Crowdfunding Geld für den Dreh von „Grabowski – Alles für die Familie“. Die Familiengeschichte von Grabrowski soll von Herbst bis Dezember dieses Jahres realisiert werden. Um es mit Schluckes Worten zu sagen: „Weiß doch wie sowas is. Ich bin da grad selber watt am Planen dran.“

Die Feuerzangenbowle im Hörsaal – Sääzen sä säsch!

Wir sind zwar noch weit davon entfernt, doch auch dieses Jahr ist es wieder so weit. Draußen ist es kalt, Weihnachten steht vor der Tür und der Uni Filmclub Essen steckt mitten in den alljährlichen Vorbereitungen. Die Zeit der Feuerzangenbowle in der Arena des Essener Auditorium Maximum im Klinikum ist gekommen. „Seit den 90er Jahren ist es ein festes Ritual, dass unser Club auf dem Campus der Uni Essen den Film zeigt“, sagt Kai Breiderhoff, der nun seit drei Jahren Mitglied im Club ist. „Die Feuerzangenbowle ist immer wieder sehenswert und es ist ein super Mitmachfilm“, schwärmt der Lehramt-Student.

Da hat er Recht: Die Studenten haben für einige Szenen feste Rituale entwickelt. „Wenn die älteren Herren im Film von ihren Schulstreichen erzählen und mit der Feuerzangenbowle anstoßen, stehen im Kinosaal alle auf und prosten sich zu“, sagt Breiderhoff. Zwar nicht mit Feuerzangenbowle, aber mit heißem Glühwein. Dieser wird während des Films für einen Euro pro Becher verkauft – „einen wenzigen Schlock“. Insgesamt 110 Liter hat der Club im letzten Jahr ausgeschenkt. Eine richtige Feuerzangenbowle für die 200 bis 300 Besucher zuzubereiten, sei auf der einen Seite zu aufwändig und auf der anderen auch nicht mit der Brandschutzverordnung des Klinikums Essen vereinbar. Doch davon lassen sich die Fans nicht beirren.

Es gibt noch weitere Bräuche, die mindestens genauso amüsant sind: „Einige bringen von zu Hause einen Wecker mit.“ Denn dann, wenn im Film der Wecker von Hans Pfeiffer – „mit drei F“ – (Heinz Rühmann) um sieben Uhr morgens läutet, würden auch die der Studenten im Audimax klingeln. Und wenn Pfeiffer für seinen Tischnachbarn mit einem Taschenspiegel die Wanderung der Goten auf einer Landkarte nachzeichnet, greifen die Studenten zu ihren mitgebrachten Taschenlampen und verfolgen den Weg auf der Leinwand. „Ich bringe von zu Hause auch immer eine Kuhglocke mit, denn immer, wenn der Hausmeister die Schüler mit einer Glocke aus der Pause in den Unterricht ruft, läuten auch einige im Publikum,“ erläutert Breiderhoff, der den Film selber schon rund 60 Mal gesehen hat.

Und das natürlich nicht nur in der Uni. Der Filmclub, der „Die Feuerzangenbowle“ zeigt, gehört zur katholischen Verbindung KDStV Nordmark. „Zusätzlich zu der Veranstaltung im Klinikum, zeigen wir den Film auch in den Räumen unserer Verbindung in Borbeck. Teilweise schauen wir ihn dann drei Mal hintereinander“, lacht der 28-Jährige. Und dort bereiten sie dann auch eine richtige Feuerzangenbowle zu mit Zimtstangen, Orangenschalen, Nelken und dem mit Rum beträufelten und brennenden Zuckerhut.

Doch im Vergleich zu den rund 30 Gästen in der Verbindung, ist das Audimax wesentlich besser besucht. Seit nunmehr rund 25 Jahren spielt der Filmclub den Klassiker am Campus in Essen. Anfangs schauten sich um die 80 Studenten den Film von 1944 an. Dann wurden es immer mehr. „Letztes Jahr waren es auf einen Schlag 130 mehr“, sagt der Essener. „Da hat auch direkt nach der Filmvorführung noch eine Party stattgefunden“, so der Student. Dieses Jahr wird es wegen der vermehrten Nachfrage wohl einen Vorverkauf geben. „Wir kommen sonst mit der Abrechnung am Tag der Veranstaltung überhaupt nicht hinterher.“

Wat is n’ Dampfmaschin’?

Und auch in diesem Jahr werden so einige Papierflieger durch den Hörsaal fliegen und Pfiffe ertönen, wenn Pfeiffer die Hand der Tochter des Direktors berührt. Mitgesprochen wird sowieso, wenn der Lehrer befiehlt: „Sääzen sä säsch!“ oder die entscheidende Frage stellt: „Wat is ‘n Dampfmaschin’?“.