Für die Kapelle Petra ist andauernd Geburtstag

Kapelle im Studio: Markus Schmidt, Guido Scholz, Rainer Siepmann (v.l.).
Kapelle im Studio: Markus Schmidt, Guido Scholz, Rainer Siepmann (v.l.).
Foto: FUNKE Foto Services

So lacht das Revier - Kapelle Petra

Duisburg, 03.07.2015: Die Indierocker aus Hamm sind gerade im Studio für ihr neues Album. Wir haben sie dabei besucht.
Fr, 03.07.2015, 15.13 Uhr

Duisburg, 03.07.2015: Die Indierocker aus Hamm sind gerade im Studio für ihr neues Album. Wir haben sie dabei besucht.

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Was wir bereits wissen
Die Hammer Spaßband ist längst Youtube-Millionär und hat doch so viel mehr zu sagen: Gefühlvoller Indie-Rock mit humoristischen Texten.

Duisburg.. Vorsicht, diese drei Männer sind viral! Und eigentlich sind sie sogar vier! Na? Schon ein bisschen verwirrt? Dann müssen wir wohl aufklären, dass es sich beim viralen Vierer-Trio um die Kapelle Petra handelt, eine Formation aus Hamm, die zwischen Indie-Rock und Stimmungshits hin und her torkelt. Und das mit ganz beachtlichem Erfolg. Falls Sie in den sozialen Netzwerken unterwegs sein sollten und zudem einmal pro Jahr Geburtstag haben (, was ja durchaus mal vorkommen kann), dann werden Sie am Youtube-Hit „Geburtstag“ kaum vorbeigekommen sein. Der schrammt dieser Tage ganz knapp unter 2,5 Millionen Aufrufen, wird wie verrückt gepostet und überflügelt mit dieser Zahl wohl die Filme der meisten führenden Humorwerker Deutschlands. Und natürlich die anderen Videos der Kapelle Petra selbst. Was zugegebenermaßen am universellen Thema, dem minderkomplexen Refrain („Heute ist Geburtstag, heute ist Geburtstag...“ usw.) und dem hinreißend trashig-klamaukigen Filmchen („Hosenschlitzsolo!“) über eine entgleiste Papphut-Feier liegen dürfte – übrigens eine Eigenproduktion.

„Das Problem dabei ist, dass wir ja auch andere Musik machen, deswegen ist ein Erfolg wie ,Geburtstag’ Fluch und Segen zugleich“, sagt Guido Scholz, der singt, Gitarre spielt und den alle nur „Opa“ nennen. Denn die Kapelle Petra ist in erster Linie, nun ja, eine Kapelle, auch wenn sie mit unmodernen Hemden, breiten, gestreiften Kurzkrawatten und Perücken gern darüber hinwegtäuscht. Heute allerdings treffen wir die Jungs in Zivil, denn sie sind gerade mit einer urmusikalischen Aufgabe beschäftigt: Hier, im Innenhof eines Duisburger Dachbau-Unternehmens, nehmen sie in einem Tonstudio ein Album auf. Den Eingang haben sie fast zugeparkt mit zwei Transportern, die als Wohnmobil dienen. In der Mitte stehen Holzbänke, ein Grill und ein quietschgelbes Aufblas-Planschbecken, gerade groß genug für wahlweise zwei Paar Füße oder den Bandhund namens Speckbombe.

Aber dieser treue, liebe Vierbeiner ist nun nicht der Grund, warum die Kapelle ein Quartett ist. Denn außer „Opa“ spielen hier noch Rainer „Der tägliche Siepe“ Siepmann (Bass) und Markus „Ficken“ Schmidt (Schlagzeug) – wie das halt so ist mit Spitznamen bei um die Vierzigjährigen... Das eigentliche vierte Bandmitglied ist heute aber nirgends zu sehen: „Gazelle ist unsere liebe Bühnenskulptur“, sagt Markus Schmidt mit leicht verliebtem Blick beim Gedanken an seinen korpulenten Kumpel. Gazelle ist heute nicht anwesend. „Das hängt so ein bisschen damit zusammen, das er überhaupt kein Instrument spielen kann.“ Das dreckige Lachen, dass alle drei diesen Worten hinterherschicken, echot vermutlich noch bis Hamm.

Dabei war Gazelle eigentlich Gründungsmitglied, quasi der erste Bassist der Band... „Nach der ersten Probe war aber klar: Der braucht andere Aufgaben!“, so Guido Scholz. Und so tut Gazelle nichts weiter, als schweigend auf der Bühne zu sitzen. Er macht das sehr gut. „Er wird dabei auch mikrofoniert, um die Rolle akustisch auszufüllen. Er füllt die Bühnenshow mit seiner Präsenz. Und füllen ist durchaus wörtlich gemeint“.

Vier Alben hat die Kapelle Petra nun aufgenommen, auf allen vieren ist Gazelle nicht zu hören. Und das wird nun auch auf dem fünften so sein, für das die Hammer gerade hier im Duisburger Tontresor-Studio die ersten Songs aufnehmen. Um die Produktion zu finanzieren, haben sie, ganz zeitgeistig, eine „Krautfunding“-Kampagne auf startnext.com ins Leben gerufen. Die Hälfte des Geldes ist bereits gesammelt, die andere Hälfte könnte bis Anfang August eintrudeln, wenn, ja... wenn sich genügend Fans bereitfinden, handsignierte CDs, Vinylscheiben oder Wohnzimmerkonzerte durch eine Spende zu finanzieren. Besonderheiten wie eine Rolle im nächsten Video sind schon ausverkauft, aber ein personalisiertes Geburtstagsvideo kann man etwa noch locker erwerben.

Wer sich aber so durch die Alben der Kapelle Petra durchhört, merkt ganz schnell, dass es sich nicht um ein reines Spaßprojekt handelt, dazu ist die Bandbreite musikalisch und emotional zu groß. Da hört man Einflüsse aus der Hamburger Schule heraus, ein paar große Britpop-Akkorde und ein bisschen Punkrock. Eine Vielfalt, die Markus Schmidt sofort kleinredet: „Unsere erste Platte spiegelt im Prinzip schon all unsere Fähigkeiten wider. Wir sind da erst mit der Zeit so ein bisschen rausgewachsen“, sagt er. Und Guido Scholz ergänzt: „Als wir uns gegründet haben, da gab es nun mal die Hamburger Schule – und ab da war es auch wieder relativ cool, deutsche Sachen zu machen. Wenn man nicht gerade Hosen oder Grönemeyer heißt.“ Aber: „Unser Ansatz ist ja eher ein lustiger, während er bei einer Band wie Tocotronic ja eher ein... ich will nicht sagen: trauriger, aber ein ernster und nachdenklicher ist. Was nicht heißt, dass wir nicht denken können“, sagt Schmidt.

Curly Sue ist doch kein Name für ein Kind aus Gelsenkirchen

Und so wettert die Kapelle gegen „all diese erfolgreichen Familienväter in Jack-Wolfskin-Jacken“, wendet sich gegen den Kevinismus mit dem Titel „Curly Sue ist doch kein Name für ein Kind aus Gelsenkirchen“ oder fordert eine ganz profane Maßnahme zur Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas: „Geht mehr auf Konzerte“. Letzteres ein Song, der entstanden ist, nachdem die Kapelle vor einer Handvoll Gäste in einer gähnend leeren Lokalität auftreten musste. Denn ja, auch das kann Youtube-Millionären noch passieren. Wenn auch mittlerweile sehr selten.

Am Samstag (4.7.2015) ist das wohl eher nicht zu befürchten, denn da steht die Kapelle Petra bei Bochum Total auf der Sparkassen-Bühne (22.15 Uhr), umsonst, doch nicht vergebens. Und natürlich haben sie auch schon einen Song über Festivals gemacht. „Wir ziehen auf und davon – und sind doch endlich wieder zu Haus’.“ „Für uns ist das so ein bisschen die schönste Zeit im Jahr: Man trifft ganz viele andere Bands und ganz viele lustige und interessante Menschen“, sagt Guido Scholz. In diesem Sinne: Willkommen zu Hause!

Die Kapelle Petra spielt am Samstag, 4. Juli, ab 22:15 Uhr auf der Sparkassen-Bühne.