Fall wird neu aufgerollt – Feuer-Tod der KZ-Überlebenden

Eine verletzte Frau wird am Abend des 13. Feburar 1970 auf einer Trage aus dem jüdischen Altenheim in München gerettet.
Eine verletzte Frau wird am Abend des 13. Feburar 1970 auf einer Trage aus dem jüdischen Altenheim in München gerettet.
Foto: imago/ZUMA/Keystone
Was wir bereits wissen
Vor 45 Jahren brannte das jüdische Altenheim in München, sieben Menschen starben. Bis heute wurde kein Täter gestellt. Der Fall wird neu aufgerollt.

Am Abend des 13. Februar 1970, einem Sabbat, huschte ein Unbekannter durch das Treppenhaus des Wohnblocks Reichenbachstraße 27 in der Münchner Isarvorstadt. Die Person schüttete Benzin in alle Etagen. Sie legte an der Haustür Feuer. Der bei Brandexperten berüchtigte „Kamineffekt“ setzte den Bau, der das jüdische Gemeindezentrum beherbergte, in Flammen. Zeugen hörten Schreie: „Wir werden vergast“. „Wir werden verbrannt“.

Die Rettungskräfte waren nach der Alarmierung um 20.58 Uhr in zwei Minuten am Tatort. Für sieben Menschen – fünf jüdische Männer und zwei Frauen, Bewohner des Altenheims der Israelitischen Kultusgemeinde im Obergeschoss – kam alle Hilfe zu spät. Vom Feuer unter dem Dach eingeschlossen erstickten und verbrannten an diesem Abend auch die ehemaligen KZ-Insassen David Jakubovisz und Eliakim Pfau – ein Vierteljahrhundert, nachdem sie dem Grauen der Lager entkommen waren.

Die Spur führt in die linke Szene

Der Anschlag ist der bis heute schwerste gegen jüdisches Leben in Deutschland seit dem Holocaust. Und einer der rätselhaftesten: War der Brandstifter Rechtsextremist? Kam der Mörder aus Palästinenserkreisen? Könnten „linke Anarchisten“ gezündelt haben? Auch: Gab es Zusammenhänge mit anderen Gewalttaten?

Es waren Wochen des Terrors, wie oft in den 70ern. Zwischen dem 10. und dem 23. Februar scheiterte in München die Entführung eines israelischen Jets. Eine Bombe sprengte eine Swissair-Maschine mit 47 Insassen auf dem Flug Zürich-Tel Aviv. Der Münchner Amtsgerichtsrat Albert Weitl überlebte ein Attentat nur knapp. Die Fahnder stellten also Fragen nach dem Feuertod in der Reichenbachstraße. Doch selbst die Belohnung von 100 000 D-Mark hat keinen Täter gebracht. Bis heute nicht.

Karlsruhe, Brauerstraße. Hier arbeitet die Bundesanwaltschaft. Sie schaut sich derzeit die Akten mehrerer, über Jahrzehnte ungeklärter Fälle möglicher politischer Gewalt an. Das Oktoberfestattentat von 1980 mit dreizehn Toten gehört dazu, bei dem Hinweise in die rechte Szene der Zeit führen. Auch dem Anschlag in der Isarvorstadt gehen die Ermittler noch mal nach. Sie halten die Verfolgung der nicht verjährten Mordtat „durch die Bundesjustiz für geboten“, weil sie eine belastbare Spur sehen. Ihr Ermittlungsstand stellt andere frühere Mutmaßungen zur Täterschaft in Frage.

Die obersten Ankläger glauben an Judenhass als Motiv. „Es besteht der Anfangsverdacht, dass sich der Brandanschlag gegen die Bewohner des Altersheims als Teil der jüdischen Bevölkerung in Deutschland richtete“. Weiter: Nach „bisherigen Ermittlungen“ kämen die unbekannten Täter „aus dem Kreis der linksextremistischen Gruppierungen Tupamaros München“ und der „Aktion Südfront“.

Wie im Fall Oktoberfest hilft den Karlsruhern wohl auch hier ein später Zeuge. Er hat sich im Juli 2012 gemeldet. Über die Identität ist nichts bekannt. Interessant auch: Ein Aral-Kanister, der im verkohlten Treppenhaus lag. Die Fingerabdrücke auf dem Teil – und vielleicht haftende DNA-Spuren – könnten nach Stand der aktuellen Kriminalwissenschaft weiterführen. Die Polizei in München kann die Abdrücke aber nicht mehr finden.

Sammelbecken des Widerstands

Wer waren die Tupamaros? Was war die „Südfront“? Die linksextremistische Szene entwickelte sich im Umfeld der 1968er-Proteste. Sie wurde Sammelbecken des Widerstandes. Man koalierte hin und wieder mit palästinensischen Gruppen, focht gegen den Vietnam-Krieg, die „Zionisten“, die bürgerliche Gesellschaft und gegen Erziehungsheime für Jugendliche. Zu den führenden oder sympathisierenden Köpfen gehörten Alois Aschenbrenner, Ulrich, der Bruder des Autors Hans-Magnus Enzensberger, und spätere Figuren der RAF wie Rolf Heißler und Brigitte Mohnhaupt.

Die 60 Anhänger starke „Südfront“, so das bayerische Innenministerium 1974, habe Heimkinder für die Kaderbildung rekrutieren wollen. Sie pflegte Kontakte zu den Tupamaros, deren Berliner Flügel sich in der Szene hoher Prominenz erfreute. Der 2010 gestorbene Fritz Teufel stand für ihn und der heute 75 Jahre alte „Polit-Clown“ der Linken, Dieter Kunzelmann.

Der „Judenknax“-Kritiker aus Berlin

Kunzelmann, der nach einer Ausbildung in arabischen Lagern den Deutschen vorwarf, sie hätten seit dem Ende des Dritten Reiches einen „Judenknax“, rief nicht nur zum „bewaffneten Kampf“ gegen Israel auf. Er ist später als Urheber eines gescheiterten Bombenanschlags gegen die Berliner Synagoge am 9. November 1969 überführt worden. Nur wegen eines Zündfehlers blieben die Besucher der Gedenkfeier zur Pogromnacht unversehrt. Doch ein Mitwissen oder die Beteiligung am Münchner Attentat drei Monate später? Das streitet Kunzelmann heftig ab.

Am Hamburger Institut für Sozialforschung hat sich der Historiker Wolfgang Kraushaar mit den Vorgängen in mehreren Büchern befasst. Eine „Häufung von Verdachtsmomenten“ in den Akten führe zu einem damals 18-jährigen Lehrling und „Südfront“-Mitglied, glaubt Kraushaar. Der junge Mann habe neben einer Aral-Tankstelle gewohnt. Bei ihm sei Krepp-Papier gefunden worden – identisch mit dem, das in der Reichenbachstraße zur Brandstiftung genutzt worden war. Obwohl ohne Alibi, habe ihn die Polizei laufen lassen. Dann weist Kraushaar auf eine weitere Spur. In seinem Institut, sagt er, sei als Vermerk des Bundeskriminalamtes die Aussage des RAF-Aussteigers Gerhard Müller über die Terror-Wortführerin Gudrun Ensslin aufgetaucht. Danach hat diese ihrer Komplizin Irmgard Möller im Zusammenhang mit dem Münchner Anschlag 1972 gesagt: „Diese Arschlöcher. Gut, dass die Sache den Neonazis untergeschoben wurde“.

Der Verdacht belastet. Gab es Linke als Juden-Mörder oder Mitwisser? Fände Karlsruhe Belege, würde die Vergangenheit führender 68er neu hinterfragt. Auch die Verwicklung von V-Leuten ist denkbar. Die Ermittler sind vorsichtig. „Das alles ist sehr lange her“, sagt Oberstaatsanwalt Markus Köhler. Es brauche Zeit. Wie weit man ist? Dazu äußern sie sich nicht.