Eine Expedition in die Gladbecker Alpen – Halde 19 und 22

Auf dem Gipfel von Halde 19: Achim Mirosavljewitsch-Lucyga vom Gladbecker Stadtgrün steht vor dem Wahrzeichen, dem Seilrad der Zeche Mathias Stinnes 4.
Auf dem Gipfel von Halde 19: Achim Mirosavljewitsch-Lucyga vom Gladbecker Stadtgrün steht vor dem Wahrzeichen, dem Seilrad der Zeche Mathias Stinnes 4.
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Sie heißen etwas lieblos Halde 19 und 22, sind aber eine Tour wert: Ihre Gipfel gehören zur Haldenwelt, mit der die Stadt Touristen locken will.

Gladbeck.. Wer über die B 224 durch Gladbeck Richtung Essen fährt, sieht linkerhand in diesen kargen Wintertagen die kühnste Erhebung der Stadt, die Mottbruchhalde mit ihrem Vulkankegel, die derzeit noch eingezäunt ist und unter Bergaufsicht steht. Sie wird, wenn sich alles entwickelt, wie es sich Stadt, Regionalverband und Ruhrkohle AG vorstellen, in Zukunft der Hauptanziehungspunkt der Gladbecker „Haldenwelt“ sein, wobei ihre kleinen Geschwister, die Halden 19 und 22 schon längst zugänglich sind – Naherholung à la Gladbeck eben.

Denn die Stadt im nördlichen Ruhrgebiet wird etwas tun für ihre Halden. In einem Werkstattverfahren entwickeln drei Büros eine gemeinsame Vision der Haldengestaltung, im November wurde versucht, die Ideen zu einem großen Ganzen zu verschmelzen, zu einem touristischen Ziel, von dem auch die Einheimischen etwas haben. „Es soll eine Halde für die Öffentlichkeit sein. Im Stadtteil Brauck gab es diese Schüttung, die Lärm und Dreck verursacht hat über Jahrzehnte. Und da will man den Leuten nun etwas zurückgeben. Die haben es jetzt 30 Jahre ertragen, dass da ganz viel Abraum aus anderen Städten abgeladen wurde. Dabei geht es uns nicht darum, wer das schönere Bauwerk oben drauf hat – oder ob man den Tetraeder kopiert“, sagt Stadtsprecherin Christiane Schmidt.

Eine Seilbahn zwischen den Gipfel

Verschiedene Ideen und Visionen stehen im Raum, bei denen die Barrierefreiheit der Halden wichtig ist. So wären Brücken oder gar eine Seilbahn zwischen den Haldengipfeln denkbar, berichtet Achim Mirosavljewitsch-Lucyga vom Ingenieuramt Gladbeck, Abteilung Stadtgrün.

Er führt uns über die Halden 22 und 19, bei denen man wohl irgendwann zu Bergbauzeiten etwas lieblos vergessen hat, ihnen Namen statt Nummern zu geben. Und oft werden sie sogar Kippe 22 und 19 genannt, was ein bisschen ungerecht ist. Immerhin sind ihre Gipfel 76 bzw. 62 Meter über dem Meeresspiegel. Und zumindest vom nördlichen Höhepunkt hat man einen sensationellen Blick auf die Halde Rungenberg, auf Schalkes Arena und erkennt im Dunst sogar noch das Horizont-Observatorium auf der Halde Hoheward.

Blickfang Mottbruch

Eine Richtungsrose, die bei der derzeitigen Kälte mit Reif überzogen ist, gibt an, wie weit und in welche Richtung Sehenswürdigkeiten entfernt sind. Der eigentliche Blickfang ist jedoch, was nochmals etwas ungerecht ist, die Aussicht auf die benachbarte Mottbruchhalde. Beim Aufstieg auf die „22“ kommt man an einer Reihe hölzerner Palisaden vorbei, die hier seit Ende der 80er-Jahre stehen, errichtet im Rahmen der IBA-Emscherpark. Auf ihnen war ein nun verblichenes Vexierbild angebracht: Wer drauf schaute, konnte auf den Palisaden einen Entwurf für die Schüttung von Mottbruch sehen – und dahinter die damals wachsende Mottbruchhalde, die heute fertig ist. Darauf kann man auch Spaziergänger erkennen, die sich dort unbefugt Zutritt verschafft haben. Denn dass die Halde eingezäunt ist, hält Verwegene nicht davon ab, auf den Vulkankegel zu klettern und quasi als Haldenpioniere touristisches Neuland zu erschließen.

Wildschweine durch die Sträucher?

Wir gehen weiter... „Wenn das hier alles grün ist, dann kann man das Gefühl haben, hier kommen gleich auch Wildschweine durch die Sträucher“, schwärmt Mirosavljewitsch-Lucyga. Es geht zum zweiten Gipfel der Halde 22 auf recht verwunschenen Pfaden durch die Macchia vom nördlichen der beiden Gipfel zu südlichen. Falls Sie sich jetzt fragen, was Macchia ist: Buschwerk, wie man es sonst eher im mediterranen Raum findet und das zum Markenzeichen werden könnte für die Halde 22, diesen Doppelgipfel der „Gladbecker Alpen“. Und während der zweite 22er-Gipfel recht unspektakulär aussieht, verfügt die von den Wegen her gut ausgebaute Halde 19 über eine sehr hübsche, wenn auch etwas versteckt gelegene Landmarke: Hier steht die Seilscheibe der Zeche Mathias Stinnes 4. Drumherum: Wald, Wiesen, Picknickplätze, gepflasterte Wege. Halde 19 wurde begrünt und ausgebaut in den 70ern und ­80ern, als es Geld gab, aber noch nicht so tolle gestalterische Ideen. Obwohl die Halde leicht zu begehen und im Sommer hübsch waldgrün ist, fristet sie ein Mauerblümchen-Dasein. Was auch daran liegen mag, dass sie keine spektakuläre Aussicht bietet, denn die ist ja von Bäumen verstellt. Sollten die Pläne für die Haldenwelt real werden, entstehen hier Sichtschneisen für
die Sehenswürdigkeiten. Die Realisation, bei der Stadt, RVR und RAG an einem Strang ziehen, kann 15 Jahre und eine Menge Arbeit brauchen. Mirosavljewitsch-Lucyga: „Ich denke, das wird eine Menge Gehirnschmalz kosten. Aber wir werden es machen.“