Ein Studium kurz hinter der niederländischen Grenze

Yonas Negash, Marler Kind äthiopischer Eltern, studiert heute in Enschede in den Niederlanden.
Yonas Negash, Marler Kind äthiopischer Eltern, studiert heute in Enschede in den Niederlanden.
Foto: Matthias Graben
Was wir bereits wissen
Viele junge Menschen aus dem Ruhrgebiet zieht es an die Universitäten in den Niederlanden, auch wegen der guten Organisation und Ausstattung.

Enschede.. Sagen wir es mal so: Yonas Negash war es nicht in die Wiege gelegt, mal darüber zu plaudern, wie man als typischer deutscher Student in Holland zurechtkommt. Als Marler Kind äthiopischer Eltern nicht; als Firmengründer in der Oberstufe auch nicht.

Und auch der Grund, warum er sich letztlich einschrieb an der Uni Twente in Enschede, ist eher untypisch: Nach dem Abitur sah er ein englischsprachiges Studium als letzte Chance, richtig Englisch zu lernen. „Wollen Sie das wirklich schreiben?“ Lacht. Es wurde das Fach „European Studies“.

Englisch kann er jetzt. Von der Universität, nebenbei.

Praxisnah und berufsbezogen

25 000 Deutsche studieren in den Niederlanden, in einem Ausland in Sichtweite. Fürs Studium ist es das zweitbeliebteste, nach Österreich. Dass die Studenten sich grenznah konzentrieren in Enschede, Maastricht und Nimwegen, spricht nicht direkt für Sehnsucht nach Welt – Yonas Negashs Studienplatz etwa liegt gerade mal 14,6 Kilometer hinter der Grenze.

Doch gelten Hollands Universitäten als gut organisiert und ausgestattet, die Studiengänge als praxisnah und berufsbezogen. Und vermutlich darf man auch nicht unterschätzen, dass es kaum einen Numerus Clauses gibt. Dafür aber Studiengebühren. Der Marler zahlt 1900 Euro im Jahr, wie er sagt. Und: „Lohnt sich.“

Doch von vorn: Nach dem Abitur 2010 hatte er eigentlich ein Jahr ganz ruhig angehen wollen. Aber ach, die strenge Frau Mutter – muss man mehr sagen? Als Äthiopier in Deutschland haben die Eltern alle drei Kinder an die Hochschule gebracht.

Yonas Negash kam nach Enschede und brachte seinen persönlichen Türöffner mit, ohne es zu ahnen: jene schon in der Schule gegründete Firma „Vestfalia Film“, die politische Wahlkampffilme produzierte. „Als ich gesagt habe, ich bin Unternehmer, haben sie mich behandelt wie den Prinzen von Zamunda“, erinnert sich Negash.

Straße der Innovation

Denn die Uni Twente schätzt es durchaus, wenn ihre Studenten Firmen gründen. Die Magistrale heißt ja nicht umsonst „Straße der Innovation“, und das ist auch die Anschrift der Handelskammer und des Firmenregisters.

Doch das wäre eine andere Geschichte.

„Es ist superleicht, auf die Uni draufzukommen, aber schwer, zu bleiben“, sagt Negash. Denn das Studium ist auch verschult und stark fordernd. „Das System ist so, dass man von der ersten Woche an laufen muss.“ Viel lernen, viele Prüfungen, keine – mit Deutschland verglichen – nennenswerten Semesterferien. „Aber man ist auch schnell durch und weiß dann eine Menge.“ Oder man ist schnell draußen.

Bei ihm selbst hat es freilich deutlich etwas länger gedauert: wegen der Firma, der anderen Geschichte. Und weil er auch schon seit Jahren auf zeitraubende Art und Weise politisch aktiv war, jetzt gerade als neuer Vorsitzender des „Dachverband für Integration und Internationalisierung“ an der Hochschule. „Viele ausländische Studenten haben ihre eigenen Vereinigungen.“ Die Chinesen, die Indonesier; die Deutschen nicht, 14,6 Kilometer von der Grenze.

Nur 14,6 Kilometer hinter der Grenze

„Ich kann nur allen empfehlen: Man muss die Angst ablegen“, sagt der 27-Jährige. Man muss – nein, jetzt nichts Falsches: Natürlich kann ein deutscher Student auch ein Studium knapp hinter der holländischen Grenze als Pendler betreiben. Machen ja auch viele. Man kann es auch als Einzelkämpfer bewältigen, aber Spaß macht das nicht.

In den Niederlanden seien allerdings die studentischen Vereinigungen sehr wichtig: die Studienfachgemeinschaft (mit ihr war Negash gerade im Skiurlaub), die Verbindungen für alle denkbaren Sportarten, der Debattierclub und der Kunstclub, schließlich die diversen Vereinigungen für Geselligkeit, die auch mal gern ein Glas Bier heben, zwei, drei, vier. . . „Wenn man von sich aus nichts macht, bleibt man alleine. Auf irgendetwas muss man sich einlassen, aber auf etwas, das einem Spaß macht.“

Yonas Negash, Politiker. „Ein Bekannter hat mir gesagt, Yonas, du wirst Abgeordneter, wenn du es lernst, dich kurz zu fassen – kann ich aber nicht.“ Einschlägig aktiv war er schon als Schüler, baute Jugendparlamente auf und beriet andere, wie das geht, sie aufzubauen. „Heute gibt es solche Parlamente ja fast überall hier in Nordrhein-Westfalen“, sagt er – 14,6 Kilometer hinter der Grenze.

  • Am 7. März veranstaltet die Uni Twente einen deutschsprachigen Tag der offenen Tür. Alle Details unter www.utwente.de. Allgemeineres unter www.studieren-in-holland.de