Die Spur der Plastikflasche auf unseren Ozeanen

Sammelt sich in großen Mengen im Meer: Plastikmüll.
Sammelt sich in großen Mengen im Meer: Plastikmüll.
Foto: Getty
Was wir bereits wissen
In den Weltmeeren sammeln sich jährlich acht Millionen Tonnen Kunststoff-Müll. Wellen zerkleinern sie, so dass sie auch in lebenden Organismen landen.

Eine Windböe treibt raschelnd eine Plastiktüte über den Strand, bis eine große Welle sie unter sich begräbt und aufs Meer hinaus spült. Damit ist der Spuk noch lange nicht beendet: Draußen auf hoher See sammelt das Plastik sich in gigantischen Wirbeln, die als schwimmende Müllkippen auf den Ozeanen kreisen. Die Weltmeere entpuppen sich so als gigantische Müllschlucker, die allein im Jahr 2010 mit 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastiktüten, Einwegflaschen, Lebensmittelfolien und vielen weiteren Kunststoffprodukten gefüllt wurden. Das rechnen Jenna Jambeck von der University of Georgia im US-amerikanischen Athens und ihre Kollegen aus den USA und Australien in der Zeitschrift Science (Band 347, Seite 768) aus.

Lebenszufriedenheit Damit schließen die Forscher eine Lücke: In den vergangenen Jahren hatten Wissenschaftler wie Marcus Eriksen vom Five Gyre Institute in Los Angeles und Martin Thiel von der Universidad Catolica del Norte im chilenischen Coquimbo herausgefunden, dass Unmengen von Plastik in den Ozeanen schwimmen. Eine fundierte Schätzung über die Mengen an Kunststoff, die jedes Jahr ins Meer geschwemmt werden, gab es dagegen nicht.

Nach einiger Zeit landet das Plastik im Meer

Jenna Jambeck und ihre Kollegen konzentrierten sich auf die Menschen, die in 192 Ländern der Welt nicht weiter als 50 Kilometer von der nächsten Küste entfernt leben. Entsorgen sie Kunststoffe nicht ordnungsgemäß und lassen Plastiktüten sowie Einwegflaschen offen herumliegen oder lagern sie nicht in sorgfältig abgedeckten Deponien, werden sie leicht vom Wind weggeweht. Nach einiger Zeit landet das Plastik im Meer.

Nachhaltigkeit Für jedes Land ermittelten die Forscher dann, wie viele Menschen weniger als 50 Kilometer von der Küste entfernt wohnen. Wie viel Plastikabfall produziert jeder dieser Menschen? Welcher Anteil davon könnte im Meer landen? Für diese Regionen kommen die Forscher so auf 275 Millionen Tonnen Plastikmüll im Jahr 2010. Dieser sollte in einen Konvoi von fast 30 Millionen Müll-Lastern passen, der Stoßstange an Stoßstange in einer rund 300 000 Kilometer langen Schlange mehr als sieben Mal um den Äquator reichen würde. Fünf bis 13 Millionen Tonnen davon landen schließlich im Meer.

Schwimmende Müll-Deponien

Wie viel Plastik heute bereits auf den Wellen schwappt, haben Marcus Eriksen und seine Kollegen im Dezember 2014 in der Fachzeitschrift PLOS One ausgerechnet. Zwischen 2007 und 2013 haben die Forscher dazu in mehr als 1500 Gebieten ihre Spezialnetze ausgeworfen. Deren Maschen sind einen Drittel Millimeter groß und fischen damit auch kleine Plastikteilchen aus dem Wasser, die man mit dem bloßen Auge gerade noch erkennt.

Plastik Wo auch immer die Forscher ihre Netze auswarfen, holten sie diesen Plastikmüll aus dem Wasser. Allerdings in unterschiedlichen Mengen. Besonders viel fanden sie in fünf gigantischen Wirbeln im Nord- und Südpazifik, im Nord- und Süd-Atlantik, sowie im Indischen Ozean. Diese schwimmenden Müll-Deponien sind bereits seit einigen Jahren bekannt.

Wellen zerschlagen das Plastik in immer kleinere Teilchen

Die Ergebnisse dieser Plastik-Fischerei fütterten die Forscher in ein Computer-Programm, das daraus eine Menge von knapp 270.000 Tonnen Plastik-Müll errechnet, der in den Weltmeeren schwappt. „Insgesamt würde in den Ozeanen demnach also erheblich weniger Plastik schwimmen als jedes Jahr dazukommen sollte“, bringt Martin Thiel beide innerhalb von nur zwei Monaten erschienenen Artikel auf einen Nenner.

Plastik Damit bestätigen Jenna Jambeck und ihr Team einen Verdacht, den Martin Thiel, Marcus Eriksen und ihre Kollegen bereits im Dezember 2014 äußerten. Bei ihren Fischzügen hatten die Forscher erstmals auch größeren Plastikmüll auf allen Ozeanen erfasst. Der aber lebt nicht lange. So zerschlagen die ständigen Wellen das Plastik in immer kleinere Teilchen, das ultraviolette Licht der Sonne zerbröselt den Kunststoff immer weiter. Bald sind die Teilchen so klein, dass viele nur noch unter einem Mikroskop sichtbar sind.

Als die Forscher ausrechneten, wie viele solche kleinen Partikel aus den gemessenen größeren Kunststoff-Teilen entstanden sein sollten, erlebten sie eine Riesen-Überraschung: „Wir hatten mit unseren Netzen nicht einmal ein Prozent der Mini-Plastik-Teilchen aus den Meeren gefischt, die nach diesen Berechnungen entstanden sein sollten“, wundert sich Martin Thiel. Dem Meeresforscher kam ein Verdacht: Je kleiner die Partikel werden, umso leichter können die Organismen im Meer sie aufnehmen.

Kunststoff-Partikel in Meeresorganismen

Das aber tut den Lebewesen nicht gut. In größeren Plastikresten können sich Meeresvögel, Schildkröten und Fische verheddern, sie sterben einen qualvollen Tod. Auch kleine Plastikpartikel machen große Probleme, weil sie nur bis zu einer bestimmten Größe zerkleinert werden, aber nicht vollständig verschwinden. Langsam sammeln sie sich in den Mägen von Fischen und Vögeln an. Mit vollem Bauch vergeht ihnen der Appetit, obwohl sie das Plastik nicht verdauen können. „Sie fühlen sich satt und verhungern dabei“, fasst Martin Thiel die paradoxe Situation zusammen. Obendrein lagern sich an den Plastikteilchen Umweltgifte an, die im Wasser schwimmen. Auch sie können das Leben in den Meeren langsam vergiften.

Der Plastikmüll hat sich in eine Zeitbombe verwandelt: Wenn von den Küsten immer mehr Plastik ins Meer strömt, sammelt sich in Fischen, Vögeln und Plankton mehr Kunststoff an. „Um das zu verhindern, müssen wir die enorme Plastik-Flut effektiv verringern, deren Auswirkung wir bisher nur erahnen“, sagt Martin Thiel.