Die Macht der Orden – wie sie motivieren und manipulieren

Ein bunter Strauß voll Orden: Die Anhängsel zeigen, dass der Träger im wahrsten Sinne ausgezeichnet ist.
Ein bunter Strauß voll Orden: Die Anhängsel zeigen, dass der Träger im wahrsten Sinne ausgezeichnet ist.
Foto: getty
Orden – oder ihre Vorläufer – gibt es schon, solange es Menschen gibt. Aber was ist dran an den Auszeichnungen zum Umhängen, Anlegen oder Feststecken?

Essen.. Sie ist nur 1,54 Meter klein, aber dennoch eine große Frau. Mit drei Jahren hat sie zum ersten Mal auf einer Bühne gestanden, mit 15 eine flammende Rede gegen die Todesstrafe gehalten und zwei Jahre später, gegen den Willen ihrer Eltern, die Schule geschmissen, um Schauspielerin zu werden. Als die Nazis ihr Auftrittsverbot erteilen, weil ihr Vater Jude ist, schlägt sie sich als Telefonistin und technische Zeichnerin durch. Sie ist Sozialistin, Anhängerin der Freikörper-Kultur und vertritt den Standpunkt, dass Abtreibungen nicht strafrechtlich verfolgt werden sollten. Daraus, dass sie auch Frauen sexuell anziehend findet, macht sie kein Hehl.

Später wird sie, Seite an Seite mit Alice Schwarzer, den „Stern“ wegen Sexismus verklagen, gegen AIDS kämpfen und für das Recht, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen zu dürfen. Sie lässt sich von nichts und niemandem einschüchtern. Selbst versierte Talkmaster wie Johannes B. Kerner oder Thomas Gottschalk lehrt sie das Fürchten. 1981 soll Inge Meysel das Bundesverdienstkreuz verliehen werden. Die „Mutter der Nation“ lehnt ab: „Einen Orden dafür, dass man sein Leben anständig gelebt hat?“

Orden sollen ihrem Träger Wichtigkeit verleihen

Orden sind Belohnungen. Dafür, dass man etwas geleistet oder sich um eine Sache verdient gemacht hat. Im engeren Sinne müssen sie „tragbar“ sein, was sie von Auszeichnungen im Allgemeinen – wozu auch Ehrenurkunden, Pokale oder figürliche Darstellungen wie der Oscar zählen – unterscheidet. Orden sind so geartet, dass man sie, für alle sichtbar, an der Kleidung befestigen kann. Dort schmücken sie ihren Träger und verleihen ihm Wichtigkeit. Orden, oder die Vorläufer von Orden, gibt es, solange es Menschen gibt.

Aber was ist dran an den Auszeichnungen zum Umhängen, Anlegen oder Feststecken? Steht ein Orden nicht immer auch für ein System, einen Staat oder die Ideologie dahinter? Ist ein Mensch, nur weil er „hoch dekoriert“ ist, ein besserer Mensch? Je mehr „Lametta,“ desto würdiger der Träger? Braucht die Welt tatsächlich solchen Tand? Jein. Denn es gibt solche und solche Orden. Politische und unpolitische. Handgemachte und hochkarätig veredelte. Orden fürs Leben, fürs Lachen, fürs Sterben. Und immer wieder auch Menschen, die die Annahme dieser Ehrensache(n) verweigern. Wofür sie gute Gründe haben.

Humor ist eine ernste Sache. Das bekam vergangenen Freitag der gebürtige Düsseldorfer Heinz Georg Kramm alias Heino (76) zu spüren. Da wurde ihm von der Münchner Faschingsgesellschaft Narrhalla der Karl-Valentin-Orden verliehen. Im Vorfeld hatten dagegen sowohl Alfons Schweiggert, der Gründer der „Karl-Valentin-Gesellschaft“, protestiert, als auch Otfried Fischer. Heino, der seinen Ruhm Schlagern wie „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ und „Blau blüht der Enzian“ verdankt, ehe er sich mit Coversongs von Rammstein, den Ärzten oder Fanta 4 neu erfand und bei Dieter Bohlens DSDS als Juror einstieg, befindet sich damit in bester Gesellschaft. Auch gegen vorherige Preisträger, darunter Til Schweiger, die Klitschko-Brüder oder Horst Seehofer, waren Verehrer des Komikers Valentin (1882-1948) Sturm gelaufen.

Karnevalsorden verspotteten militärisches Gehabe

Wobei das mit den Karnevalsorden im Rheinland ursprünglich auch als Protest begann – gegen die preußische Obrigkeit, deren pompöses, militärisches Gehabe mit Uniformen, Waffen, Dreispitz, Orden, Schärpen und Brustbinden persifliert wurde. Ironie des Schicksals: Bei manchen Karnevalsgesellschaften wird die Ordensverleihung inzwischen mit genau dem Aufwand betrieben, der einstmals zur Zielscheibe des Spotts wurde.

Auch der Karnevalsorden – der Lokal- oder Zeitgeschichte, Personen des öffentlichen Lebens, karnevalistische Motive wie Narrenkappen, Clowns oder Luftschlangen und vieles mehr abbilden kann – gilt inzwischen als Belohnung. Er wird an verdiente Vereinsmitglieder vergeben, an Künstler für ihre Auftritte im Karneval, aber auch an Kommunalpolitiker oder andere lokale Größen. Die Verleihung von „speziellen Karnevalsorden“, zu denen auch der nach Valentin benannte zählt, erinnert inzwischen beinahe an einen Staatsakt.

Von solchen höchst offiziellen Veranstaltungen blieben die Durchstarter in frühen Kulturen noch verschont. Wer bekannt geben wollte, dass er als Jäger besondere Verdienste erworben hatte, musste auf Eigenmarketing setzen und sich mit den Klauen, Zähnen oder Pelzen der erlegten Tiere schmücken. Im Alten Ägypten hingegen war man schon weiter. Beamte oder Soldaten, die zum Wohl des Reiches beigetragen hatten, bekamen vom Pharao Schmuckstücke aus Gold verliehen – und stolzierten vermutlich mächtig stolz mit ihren Armreifen, Ketten oder Halsreifen zwischen den Pyramiden umher. Auch bei den Römern waren Tapferkeitsauszeichnungen üblich, und so manche Familie eines Centurio ließ sein Bildnis auf dem Grabdenkmal mit all den Sächelchen schmücken, die von dessen Ruhm kündeten.

Schon damals regte sich Kritik. „Ein Orden und ein Galgen werden manchmal auf demselben Wege verliehen“ spottete der römische Satiriker Juvenal. Und Begriffe wie „Ehre“ und „Tapferkeit“ bezogen sich zumeist auf Geschehnisse auf den Schlachtfeldern. Wo das Töten als Tugend galt. Während bei den Römern jedem Bürger auf diesem Wege eine Anerkennung zuteil werden konnte, gaben sich die Ritterorden des Mittelalters als elitäre Gesellschaften, hier durfte deren Abzeichen nur jemand tragen, der auch zum Adel gehörte.

Orden als symbolischer Kitt

Im 17. und 18. Jahrhundert begannen die Landesherren so genannte Hausorden zu verteilen. Sie waren nicht nur Belohnungen für geleistete Dienste, aber auch eine Art symbolischer Kitt – der Verleiher band damit den Geehrten an sich und sicherte sich so dessen Loyalität.

Auch hier zeigt sich die Zweischneidigkeit des Ordens. Wer von jemandem so eine Auszeichnung annimmt, muss auch mit der Ideologie einverstanden sein, die sie verkörpert. Und unter Umständen auch bereit sein, dafür Einiges zu tun. „Keiner verkauft gern seine Seele. Aber viele verschenken ihr Leben für ein buntes Band“, stellte Napoleon I. (1769-1821) fest. Arthur Schopenhauer (1788-1860) resümierte: „Orden sind Wechselbriefe, gezogen auf die öffentliche Meinung: ihr Wert beruht auf dem Kredit des Ausstellers“ und sein deutsch-österreichischer Philosophenkollege Emanuel Wertheimer (1846-1916) stellte sarkastisch fest: „Der Weg zu einem Orden ist oft so steil, dass man auf allen Vieren hin kriechen muss.“

Orden spalten die Gemüter. Während Johannes Brahms (1833-1879) frank und frei bekannte „Orden sind mir wurscht, aber haben will ich sie“, erklärte der ebenfalls im Kompositionsgeschäft tätige Max Reger (1873-1916) rigoros: „Orden sind Verunreinigungen von Knopflöchern“.

Aber: Orden sind nicht gleich Orden. Während Helmut Schmidt 1971 kein Problem damit hatte, den Aachener Karnevalsorden „Wider den tierischen Ernst“ anzunehmen, lehnte er drei Jahre später, als SPD-Fraktionschef im Bundestag, das „Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband“ der BRD ab. Wobei er sich, ebenso wie der Germanist Jan Philipp Reemtsma, und die Schauspielerin Heidi Kabel, auf seine Herkunft als freier Hanseat berief. Schon im 13. Jahrhundert beschloss der Hamburger Senat, auf „Auszeichnungen fremder Herren“ zu verzichten. Was er 1963 bekräftigte.

Orden fürs Sterben

Kamen früher nur hohe Herrschaften in den Genuss von „der Kette mit den drei Fliegen“ (Ägypten), des Hosenbandordens (Großbritannien) oder des „Pour le Mérite“ (Preußen), kann der 1951 vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss gestiftete „Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“ allen „verdienten Männern und Frauen des deutschen Volkes“ zuteil werden. Wobei der auch schon mal zurückgegeben wird – wie 1986 im Fall des Schauspielers Will Quadflieg, der damit gegen das Tierschutzgesetz der Bundesregierung protestieren wollte. Oder aberkannt: Was 1964 passierte, als Heinrich Bütefisch den Orden erhielt. 16 Tage später stellt man fest, dass der so Geehrte 1948 im I.G. Farbenprozess wegen der Ausbeutung von KZ-Insassen zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war.

In diversen Kriegen wurden Soldaten mit dem „Eisernen Kreuz“ ausgezeichnet, was für Pazifisten wie die 1948 geborene deutsche Lyrikerin Anke Maggauer-Kirsche nicht nachvollziehbar ist („Die Orden der Helden sind mit dem Blut der Opfer erkauft“). In der DDR existierte der Titel „Held der Arbeit“ in Form einer Medaille und einer Prämie von bis zu 10 000 Mark, und die Nazis verliehen Frauen, die vier Kinder oder mehr hatten, das „Mutterkreuz“. Das nun als „verfassungsfeindliches Propagandamittel“ gilt – wer auf den Gedanken käme, es öffentlich zu tragen, würde bestraft.

Nicht nur Schützen, Narren und Militärs, sondern auch Bundesländer verleihen heutzutage Orden. Unter den Trägern des März 1986 gestifteten Verdienstordens des Landes NRW sind und waren Jürgen von Manger („Tegtmeier“, 1994 in Herne gestorben), „Ruhrpott-Duse“ Tara Schanzara (2008 in Bochum gestorben), Schimanski-Darsteller Götz George, der aus Recklinghausen stammende Hape Kerkeling oder die in Essen geborene Marie-Luise Marjan (Mutter Beimer aus „Die Lindenstraße“).

"Verdienste für die Allgemeinheit in allen Lebensbereichen“

Verliehen wird er aber nicht nur an prominente Künstler. Sondern an Bürger aus allen Gruppen der Bevölkerung und deren „außergewöhnliche Verdienste für die Allgemeinheit in allen Lebensbereichen“. Wie an Ersoy Arik, den Pächter einer Tankstelle im Duisburger Stadtteil Hochfeld. 1999 wurde der damals 34-jährige Türke dafür geehrt, dass er den kulturellen Austausch in seiner Wahlheimat gefördert hat. Und auch sein Werdegang – mit 22 Jahren war er Deutschlands jüngster Kfz-Meister, wagte den Sprung in die Selbstständigkeit und hatte zum Zeitpunkt der Ordensverleihung elf Mitarbeiter, darunter drei Azubis – galt der Landesregierung als beispielhaft.

So ganz ohne Auszeichnungen hat es Inge Meysel dann doch nicht geschafft. Als sie am 10. Juli 2004, im Alter von 94 Jahren stirbt, hat sie elf Bravo-Ottos und sechs Bambis erhalten, einen „Goldenen Bildschirm“, zwei „Goldene Kameras“, einen „Goldenen Vorhang“, das „Silberne Blatt“ der Dramatiker-Union, den Boy-Gobert-Preis in Form einer Ehrenmaske mit Brillanten, die Ernst-Reuter-Plakette in Silber der Stadt Berlin, den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises und den Telestar-Sonderpreis für das Lebenswerk. Und in dieser Aufzählung fehlt noch einiges.

Was die meinungsfreudige Schauspielerin mit all dem Edelmetall, dem Nippes und den Urkunden angefangen hat, ist nicht überliefert. Mit Sicherheit wird sie den Kram nicht in ihrem Wohnzimmer zur Schau gestellt haben. Sondern eher im Keller in einer Truhe vergessen. Und darüber, dass der Berliner Senat am 10. Juni 2014 an ihrem langjährigen Wohnhaus an der Schöneberger Heylstraße 29, eine Gedenktafel anbringen ließ, hätte sie wahrscheinlich schallend gelacht. Und einen ihrer berühmten Sprüche losgelassen. „Ich bin doch nicht Goethe.“ Oder so ähnlich.

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