Die Macht der Gefühle – und wie wir sie kontrollieren

Jedes Gesicht zeigt eine andere Emotion - aber welche davon ist echt?
Jedes Gesicht zeigt eine andere Emotion - aber welche davon ist echt?
Foto: Getty
Was wir bereits wissen
Menschen können nicht anders als fühlen. Was uns unterscheidet, ist wie wir die Emotionen bewerten. Wie stark wir sie zeigen – oder sie verstecken.

Essen.. Wir kennen das aus Talkshows: Politiker geraten heftig in Streit, ihre Augen weiten sich, ihre Stimmen werden schriller, ihre Hände ballen sich zur Faust. Hier sind gewaltige Gefühle im Spiel. Dann plötzlich das: Die Diskussion ist zu Ende, der Abspann läuft – die Streithähne strahlen, schütteln einander die Hände und beglückwünschen ihr Gegenüber. Alles Schauspielerei? Nicht unbedingt. Vielleicht nur der bewusste Umgang mit den eigenen Gefühlen.

Erziehung Wir alle erleben ununterbrochen die eigenen Gefühle. Manchmal überwältigen sie uns, manchmal unterdrücken wir sie. Aber es gibt keinen Zustand, in dem wir nichts fühlen. Kleine Kinder erleben Emotionen ungefiltert, Freude oder auch Angst erfassen den ganzen Menschen. Erst wenn sie älter werden, lernen sie, ihre Gefühle zu kontrollieren, „ihr Handeln an willentlich gesetzten Zielen auszurichten“, wie der Bielefelder Psychologe Manfred Holodynski in dem Buch „Emotionen – Entwicklung und Regulation“ schreibt.

Auch später noch, im Erwachsenenalter, gelten einige Menschen als besonders emotional, andere als besonders kontrolliert. Sie unterscheiden sich aber mitunter weniger in ihren Gefühlen als darin, wie sie mit diesen Gefühlen umgehen, was sie zulassen und zeigen. Menschen, die ihre Gefühle nicht nach außen dringen lassen, gelten als verstandsorientiert. Dabei kann es auch in ihnen, hinter der Maske brodeln. Nur, dass sie es anderen nicht mitteilen.

Emotionale Muster beeinflussen

Dabei sind wir unseren emotionalen Verhaltensmustern nicht vollständig ausgeliefert. Den genetischen Einfluss auf unser Temperament schätzen Wissenschaftler auf 30 bis 50 Prozent, es lässt sich also nicht grundsätzlich vermeiden, dass einige Menschen eher zu Trauer oder Angst neigen, andere hingegen zu Freude und Überschwang. Dennoch lassen sich laut Experten die emotionalen Verhaltensmuster beeinflussen. Dazu braucht es Übung und Ausdauer. Durch Therapien oder neu eingeübte Verhaltensweisen ist es möglich, neue Verbindungen im Hirn zu schaffen, die wie ein Muskel trainiert werden – auch indem man lernt, die aufkommenden Gefühle neu zu bewerten.

Der amerikanische Emotionsforscher Paul Ekman hat bereits in den 70er-Jahren das in verschiedenen Kulturen gültige „Facial Acting Coding System“ entschlüsselt, nach dem die Menschen sieben Gesichtsausdrücke kulturübergreifend erkennen können: Angst, Ekel, Freude, Trauer, Überraschung, Verachtung und Wut. Und die Bandbreite der Emotionen ist noch viel größer.

Manchen Menschen fehlt es aber an der Fähigkeit, die Emotionen anderer zu erkennen, teils mit fatalen Folgen. „Gewalttäter haben oft nicht gelernt, bestimmte Emotionen von anderen Menschen richtig zu interpretieren. Hinterher sagen sie oft, wenn sie andere verprügelt haben, dass es nicht von ihnen ausging, dass sie sich nur gegen einen verteidigen wollten, der sie böse ansah“, sagt Emotionsforscher Klaus Wahl.

Leicht durch schwierige Situationen

Gibt es ein „richtiges“ Maß an Gefühlen? Fest steht, dass Menschen, die in der Lage sind, bewusst ein Mehr oder Weniger an Gefühlen zuzulassen, leichter durch schwierige Situationen kommen. Vor allem bei negativen Emotionen. Sei es bei Prüfungsangst, wenn sie es schaffen, Herzrasen und Nervosität in den Griff zu bekommen. Sei es bei Wut, wenn sie den Aggressionen nicht freien Lauf lassen, sondern eine Faust in der Tasche machen.

Wie viel von diesen Emotionen zu zeigen, ist denn nun das richtige Maß? Dafür gibt es leider keine festen Regeln – es bleibt, gewissermaßen, Gefühlssache.

Wie Hass entsteht

Mit Argumenten, so sagt der Emotionsforscher Klaus Wahl, kommt man oft nicht weiter. Der Münchner Professor spricht über Vorurteile – und wie tief sitzende Emotionen unser Handeln beeinflussen.

Die Menschen begegnen den Flüchtlingen einerseits mit Mitgefühl und freudiger Neugier, andererseits mit Hass und aggressivem Verhalten. Warum sind die Reaktionen so unterschiedlich?

Klaus Wahl: Menschen entwickeln sich in ihrer Kindheit zu verschiedenen Persönlichkeiten, es gibt neugierige und vorsichtige, offene und abweisende. Doch Emotionen, Fremdenfurcht, aggressive Tendenzen haben auch noch eine viel längere Geschichte. Zum einen stammen sie aus der Evolution, in der sich Mechanismen eingespielt haben für das Leben in der Gesellschaft und wie man mit Unbekannten umgeht. Diese ganz alten Mechanismen sind bis heute in unseren Gehirnen verankert.

Welche Mechanismen sind das?

Wahl: Einerseits hat sich in der Evolution Neugier auf Fremde bewährt. Unsere Vorfahren haben hunderttausende Jahre in kleinen Gruppen gelebt, aber ihre Partner auch aus einer anderen Gruppe geholt, was Inzest vermied. Andererseits waren Skepsis und Furcht vor Fremden angebracht – die könnten einem ja etwas wegnehmen. Auch war bis zur Erfindung der modernen Medizin die Ansteckungsgefahr groß, bis ins 19. Jahrhundert waren viele Krankheiten ja noch tödlich. Vorsicht gegenüber Fremden konnte also das Überleben sichern. Das heißt aber nicht, dass man gleich Hassgefühle entwickelt hat.

Wie entstehen Hassgefühle?

Wahl: Neben diesen alten Mechanismen ist die Persönlichkeitsentwicklung entscheidend. Im Grunde ab der Zeugung, wenn die Gene von Mutter und Vater zusammenkommen, wird der Grundstein für die Persönlichkeitsentwicklung gelegt, etwa ob ein Baby neugierig auf andere auf die Welt kommt oder eher vorsichtig. Das wird dann durch viele andere Faktoren feinprogrammiert. Es gibt epigenetische Einflüsse in der Schwangerschaft, ob die werdende Mutter etwa ein Trauma erlebt hat. Und es kommt darauf an, wie die Eltern mit ihrem Baby umgehen, wie ihre Beziehung, Bindung, Erziehung ist. All diese Dinge festigen schon in frühester Kindheit die Persönlichkeit, ob wir offen sind, skeptisch oder auch aggressiv reagieren.

Welche Erziehungsfehler werden da gemacht?

Wahl: Vieles läuft unbewusst ab. Wenn die Eltern etwa nur Schwierigkeiten in der Welt ausmachen, wird ein Kind vielleicht davon angesteckt. Oder wenn Eltern ein unruhiges Kind mit Schlägen stillstellen, kann es aggressiv werden. Das sind komplizierte Prozesse, wie sich eine Persönlichkeit festigt.

Welche Einflüsse gibt es noch?

Wahl: Neben den evolutionären Mechanismen und der Persönlichkeitsentwicklung wirkt noch eine dritte Geschichte, die Geschichte der Ideen, Religionen, Weltanschauungen. Man eignet sie sich an oder nimmt sie zumindest zur Kenntnis. Aber auch mit den Emotionen, mit dem Temperament, reagieren die Menschen darauf. Wenn ich ängstlich gegenüber Fremden bin, bin ich eher anfällig, mir Ideologien und Vorurteile anzueignen, die mich darin bestätigen und mich aus meiner Ängstlichkeit herausholen. Rechte Ideologien setzen darauf, dass ein schwacher Einzelner in der Gemeinschaft Stärke erlebt. Sie verstärken seine Vorurteile gegenüber Fremden und bieten Sündenbock-Theorien.

Dann heißt es: Schuld sind die Ausländer, die Politiker, die Presse – was kann man gegen Verallgemeinerungen und Vorurteile tun?

Wahl: Wir haben als Mensch die etwas fatale Tendenz, das zu verteidigen, was wir einmal gelernt haben. Zum einen vor uns selbst, aber auch gegenüber anderen. Es ist schwierig, Vorurteile abzulegen, da kann sich jeder an die eigene Nase packen. Und viele harmlose Vorurteile sichern ja auch unser Überleben: Obwohl die Fußgängerampel grün ist, schau ich trotzdem nach links und rechts, ob ein Raser seine Ampel nicht doch übersieht. Was man eher ändern kann, ist, dass aus Vorurteilen Handlungen werden. Dass man nicht gleich Leute umbringt, wenn man ein Vorurteil gegenüber ihnen hat. Aber die Vorurteile selbst sind relativ resistent.

Also wer einmal ein Vorurteil hat, kann nicht mehr vom Gegenteil überzeugt werden?

Wahl: Es gibt unterschiedlich tief in uns verankerte Vorurteile oder Urteile – die Abgrenzung ist da nicht immer ganz leicht. Wenn ich zum Beispiel bestimmte ästhetische Vorlieben habe, etwa bei Autos, kann ich lernen, dass auch andere Modelle schön sind. Aber wenn das Vorurteil mit meinen tiefsten Emotionen zu tun hat, wenn ich eine gewisse Grundängstlichkeit habe, von der frühesten Kindheit an, und die Vorurteile sich damit verbinden, wenn ich überall Bedrohung sehe, dann ist das sehr viel schwerer zu ändern.

Es gibt Menschen, die nehmen Flüchtlinge als Bedrohung wahr, auch wenn sie noch nie mit einem gesprochen haben.

Wahl: Über das Fernsehen kommt die gefühlte Bedrohung bis in die Wohnzimmer und reicht tief bis in manche Psyche hinein. Solche Menschen sehen Flüchtlinge über die Grenzen gehen und denken, sie seien direkt vor dem Gartenzaun. Zudem haben wir die Tendenz, unseren Besitzstand, materieller und kultureller Art, zu verteidigen. Das gilt für die Gewinner einer Gesellschaft wie für diejenigen, denen es wirtschaftlich schlecht geht. Sie fürchten, dass sie teilen müssen, ihren Job verlieren, ihre Rente nicht bekommen.

Ist die Furcht vor Fremden größer geworden?

Wahl: Sie schwankt im Laufe der Zeit. Fremdenfeindlichkeit und zum Beispiel hohe Arbeitslosigkeit hängen zwar zusammen, aber denken Sie an Länder, denen es gut geht, wie die Schweiz und Österreich, die haben auch ihre rechten Parteien. Es gibt einen breiten Sockel an Fremdenfeindlichkeit, der dauerhaft vorhanden ist, obwohl es nicht mit der Wirtschaft runtergeht.

Nur wurde diese Fremdenfeindlichkeit lange Zeit nicht mehr so laut geäußert. Dabei gibt es heute in manchen Kreisen immer noch quasi ein Sprachverbot, bei Kritik zum Beispiel zur Flüchtlingspolitik.

Wahl: Diese Schwarz-Weiß-Einteilungen, wenn man Kritiker gleich als Nazis tituliert, machen es auch nicht besser.

Und in anderen Kreisen, wie etwa bei Pegida-Demos, gilt es als schick, sich fremdenfeindlich zu äußern...

Wahl: Je mehr jemand in solchen Gruppen mitmarschiert, desto größer ist die Gefahr, sich von deren Inhalten anstecken zu lassen. Es gibt viele Experimente in der Sozialpsychologie, die das belegen. Man hat Versuchspersonen in einen Raum mit zehn anderen Personen gesetzt. Sie sollten beurteilen, ob zwei Linien unterschiedlich lang sind. Die anderen Personen waren instruiert worden, falsche Urteile abzugeben. Viele Versuchspersonen passten gegen ihr besseres Wissen ihr Urteil dieser Mehrheit an. Der Gruppendruck wirkt sehr auf uns. Und so wirkt er auch im politischen Raum. Wenn ich in solch einer Gruppe bin, laufe ich Gefahr, mitzuschreien. Auch wenn ich vielleicht anfangs noch meine Zweifel hatte.

Dann helfen keine Argumente mehr?

Wahl: Menschen im Alltag keine Zeit zum Nachdenken haben, unter Druck stehen, werden wir leider sehr schnell emotional und greifen zurück auf unsere Vorurteile.

Was kann man überhaupt machen?

Wahl: Das möchten Politiker nicht gerne hören, da es das aktuelle Problem nicht schnell löst: Man muss früh anfangen. Wenn man etwas gegen Vorurteile, gegen Fremdenfeindlichkeit tun will, ist die Kindheit wichtig. Kleine Kinder fangen bereits an, unbewusst die Vorurteile der Mütter zu übernehmen, mit der sie ja auch heute noch die meiste Zeit verbringen. Zudem bildet sich da die emotionale Persönlichkeit von Kindern aus, also ob sie eher ängstlich oder neugierig sind, ob sie Probleme aggressiv oder kooperativ lösen wollen. Viele Programme gegen Fremdenfeindlichkeit fangen erst im Jugendalter an. Das kann man sich fast sparen. Erst recht, wenn man nur historisch und politisch aufklärt und nicht auf die emotionalen Probleme eingeht.

Wie könnte man denn in der Kita Positives bewirken?

Wahl: Da geht es um ganz schlichte Dinge. Empathie ist zwar teils angeboren, aber das Einfühlen in andere Menschen kann man auch spielerisch einüben. Die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit gegen Frustration, könnte man weiter festigen. Das Selbstwertgefühl aufbauen. Was auch nicht zu stark sein darf, denn besonders aggressive Menschen haben ein bisschen zu viel Selbstwertgefühl. Auch die friedliche Konfliktlösung lässt sich einüben, dass man Dinge bereden kann, ohne gleich draufzuschlagen.

Interview: Maren Schürmann

Der emotionale Führungsstil

Maike Dietz, ehemalige Daimler-Managerin, berät heute als Coach Führungskräfte. Sie empfiehlt Topmanagern, mehr auf das eigene Fühlen zu achten. Nur wer sich selbst kennt, so ihre Überzeugung, kann sich auch in andere hineindenken – und sie für neue Ideen begeistern.

Was beschäftigt die Top-Manager von morgen?

Maike Dietz: Wie sie den nächsten Schritt machen können. Und dafür spielt die Persönlichkeit die Hauptrolle. Manche fokussieren sich stark auf die fachliche Ebene, werden da immer perfektionistischer, aber mit ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung haben sie sich überhaupt noch nicht befasst. Dabei ist sie das Rüstzeug für die Karriere. Jeder hat seinen individuellen Charaktercode, der sehr vielschichtig und komplex ist. Den muss man für sich selbst erstmal durchdringen.

Das heißt, Sie sind auch als Psychologin gefragt?

Dietz: Das würde ich so nicht sagen. Aber natürlich spielt Psychologie eine Rolle. Die Ursache unseres Verhaltens liegt oft weit zurück. Denn, wie entsteht unsere Persönlichkeit? Durch prägende Erfahrungen im Kindes- und Jugendalter: fehlende Anerkennung, Ungleichbehandlung von Geschwistern, Familienumstände, die den Aufbau eines Urvertrauens nicht ermöglichen. Die Liste der Umstände ist lang, die Wunden in die Seele reißen.

Aber mit einer Therapie hat ihr Vorgehen nichts zu tun?

Dietz: Als Coach arbeite ich zukunftsorientiert und bearbeite nicht die Ursache dieser Wunden. Trotzdem brauche ich psychologisches Hintergrundwissen. Nur so erkenne ich, wann ein Klient einen Therapeuten aufsuchen sollte, bei Depressionen oder Alkoholabhängigkeit.

Welche Defizite gibt es bei wirklich ambitionierten Kandidaten?

Dietz: Als Coach geht es mir nicht um Defizite, sondern um das Erweitern der Wahlmöglichkeiten im Verhalten meiner Klienten. Ein ganz wichtiger Punkt ist die Selbstführung. Dabei geht es darum, sein eigenes Denken, Fühlen und Handeln zielorientiert zu steuern. Viele Führungskräfte reden hier von Selbstmanagement und meinen damit Zeitmanagement, um einen bestimmten Output zu erzielen. Das greift zu kurz.

Wie lernt man sich besser kennen?

Dietz: Man sollte sich beobachten. Und zwar immer wieder. Man muss seine Aktionen und Reaktionen genau betrachten. Man muss analysieren, was führt zu was, und was will ich ändern. Hier lohnt es sich tatsächlich mal, die Vergangenheit zu beleuchten, um sein Verhalten zu verstehen. Welche Lösungsstrategien waren erfolgreich? Gerade bei Führungskräften ist es wichtig, sich selbst, die eigene Wirkung auf Mitarbeiter, Vorgesetzte, Kollegen und Geschäftspartner sowie deren Sichtweisen und Empfindungen einschätzen zu können.

Hat so etwas denn noch Platz in der harten Businesswelt?

Dietz: Oh ja. Dass Gefühle in Unternehmen keine Rolle spielen, ist ein Märchen. Ich sehe das ja: Richtige Konflikte entstehen nie auf der Sachebene. Und daher ist es ein entscheidendes Handicap, wenn Führungskräfte keinen Zugang zu ihrer eigenen Gefühlswelt haben. Solchen Leuten fällt es auch schwer, sich in andere Gefühlswelten, etwa die ihrer Mitarbeiter, hineinzuversetzen. Dadurch passiert es häufiger, dass sie Leuten plump vor den Kopf stoßen, ohne es zu bemerken. Sie denken nur eindimensional auf dieser Sach- und Fachebene. Außerdem: Nur wer Gefühle zulässt, kann Freude erleben und Begeisterung entfachen.

Gefühle ernst zu nehmen, das wird einem in den Chefetagen doch systematisch aberzogen, auch und gerade den Frauen.

Dietz: Das ist aber falsch und wandelt sich auch langsam. Derzeit ist es noch so, dass viele erfolgreiche Manager, auch Frauen, ihren momentanen Gefühlszustand nicht einmal exakt beschreiben können. Da kommen nur Floskeln. Auf die Frage: Wie geht es Ihnen?, antworten sie: „gut“ und können es nicht konkretisieren. Denn was heißt „gut“? Heißt es, dass es bei demjenigen wirklich überragend läuft oder heißt es: Er kommt irgendwie klar. Ich bohre bei solchen diffusen Aussagen nach. Nur, bei vielen kommt dann nichts mehr. Das ist schon bezeichnend.

Wie helfen Sie diesen Leuten? Müssen die sich öffnen?

Dietz: Sie sollten sich öffnen, und zwar für sich selbst. Es geht darum, dass sie zunächst einen Zugang zu sich selbst bekommen. Sie müssen sich klar werden, wie und warum sie auf bestimmte Dinge reagieren. Und wie es auch anders sein kann. Dann können sie die Reaktionen ihrer Mitarbeiter besser antizipieren.

Was raten Sie denen, den stillen Rückzug?

Dietz: Sich nur Gedanken zu machen, damit ist es nicht getan. Man muss die Veränderung aktiv vorantreiben. Unser Verhalten ist ja im Gehirn gespeichert. Und wenn jemand seine Empfindungen seit Jahrzehnten in derselben Weise unterdrückt hat, ist das dazugehörende Verhalten schon wie eine Autobahn im Gehirn. Wenn ich da etwas anders machen will, muss ich auch im Gehirn neue Wege bahnen. Ein erster Schritt kann es sein, sich mit dem Partner, einem guten Freund oder mit engen Familienmitgliedern, die ehrlich zu einem sind, auszutauschen.

Aber genau das ist doch das Problem: Topmanagern fehlt es häufig an Sparringspartnern auf Augenhöhe.

Dietz: Richtige Freunde hat auch nicht jeder. Und selbst die trauen sich oft nicht, etwas Kritisches zu äußern. Dabei signalisiert Kritik auch Interesse. Meist ist es so: Wenn einer eine Super-Karriere hinlegt, überall gelobt wird, gibt es irgendwann keinen mehr, der Einwände vorbringt. Der Gelobte glaubt dann, dass er unfehlbar ist. Das ist allzu menschlich. Um aber dieser „Narzissmus-Falle“ zu entgehen, suchen inzwischen reflektierte Manager den Kontakt zu einer neutralen Person: einem Coach. Denn der ist nicht im System, weder im privaten noch im beruflichen.

Interview: Erik Wegener