Die Liebe zur Musik muss richtig knistern

Versonnenes Lauschen: Vor dem inneren Auge passiert beim Musikhören ganz viel.
Versonnenes Lauschen: Vor dem inneren Auge passiert beim Musikhören ganz viel.
Foto: plainpicture/Kniel Synnatzschke
Was wir bereits wissen
Wie schafft man es heute noch, eine Leidenschaft für Musik zu entwickeln, wenn alles nur ein einziger Datenhaufen ist? Eine Liebeserklärung ans Vinyl.

Einigermaßen regelmäßig veranstalten wir „Musikabende“. Das ist ein eher harmloser Begriff für eine Veranstaltung, die zuweilen ein wenig aus dem Ruder geraten kann. Ein Jungs-Abend natürlich. Denn gesprochen wird dabei nur wenig, wir hören den ganzen Abend Musik, laut, schweigen viel, hören zu, zeigen uns besondere Stellen. Reden tun wir auch, aber über Musik. Die meisten Frauen, die ich kenne, lieben sowas nicht besonders. Die Veranstaltungen stehen immer unter einem Motto: Wir hören die Geschichte einer bestimmten Band durch, von den Anfängen bis heute. Oder nur Blues, oder Jazz-Rock, oder wir schauen uns einen Konzertfilm an. Irgendwann nachts hocke ich dann auf dem Boden vor meinem Plattenregal, um mich herum verstreut liegen schwarze Scheiben, Plattenhüllen, Songtexte – ich lege Stücke auf, fummle mit dem Plattenspieler und der Bürste herum. Dann reden wir über die Songs – oder schweigen wieder. So rekapitulieren wir Lebensabschnitte, Geschichten, Gefühle. Wenn wir bei meinem Kumpel sind, läuft das ganz anders: Er hat seine Musik digitalisiert, per Tablet steuert er vom Sofa aus die Anlage. Alles ist ordentlich sortiert, gespeichert, betextet und bebildert. Kein Plattenchaos, keine Kriecherei vor dem Regal, keine fummelige Filigranarbeit mit dem Tonarm, um die richtige Rille zu treffen. Seine Sammlung verwaltet er per Tastatur auf der Festplatte. Ein Klick – und der Song kommt durch die Boxen. Toll! Für mich hat das etwas von Raumfahrt.

Schon mit der Kassette hatte ich mentale Schwierigkeiten. Zwar war sie billig und praktisch, vor allem fürs Autoradio. Aber ich nahm nur auf, was mir gerade gefiel, mir aber auf Vinyl zu teuer gewesen wäre: kurzfristige Leidenschaften, Hits, Party-Musik. Kassetten waren für den Gebrauch, für den raschen Konsum – aber kein Ding zum Sammeln, zum Habenwollen! Ich hatte schon Probleme, sie zu sortieren, so flogen sie irgendwann überall herum, im Auto, im Zimmer, in der Tasche. Eine musikalisches Wegwerfmedium.

Beredt wie ein Liebesbrief

Mix-Tapes waren natürlich etwas anderes. Nächtelang habe ich Musikstücke zusammengestellt für Partys, für Freunde oder für die Angebetete. Eine solche Songsammlung konnte beredt sein wie ein Liebesbrief – wenn der Empfänger die Botschaft entschlüsselte. Ein kurzer Song wie „Place To Be“ von Nick Drake kann mehr sagen als auf vier DIN A4-Seiten passt, zum Beispiel.

Dann kamen diese kleinen Silberscheiben. Damit konnte ich mich zunächst auch nicht anfreunden. Ich beschloss, sie zu behandeln wie zuvor meine Kassetten. Klar waren sie praktischer, vor allem die Songauswahl wurde nun völlig unproblematisch, viel einfacher, als bei der Platte den Songanfang zu treffen oder bei der Kassette das gesuchte Stück überhaupt erst zu finden. Zur Erinnerung: Man musste die Bänder spulen, vor und zurück, bis zum nächsten Bandsalat. Aber CDs, das sind kleine Plastikdinger in langweiligen Kunststoffhüllen. Die Songtexte sind winzig gedruckt, wenn überhaupt ein Booklet beiliegt. Und die Hüllen sind viel zu klein für große Albumkunst. Man kann nichts aufklappen oder entdecken – wie anders etwa das Quadrophenia-Album von The Who, das fast schon einem Bilderbuch gleicht. Das Geheimnis, die Überraschung gingen mit der CD verloren. Deshalb sollten sie für mich eine Notlösung bleiben, eben für Gebrauchsmusik, aber nicht für die Sammlung wie die Kassette.

Diesen Vorsatz hielt ich allerdings nicht lange durch, weil es plötzlich kaum noch Vinyl gab. Was nun?

Sollte ich jetzt Youtube-Links schicken?

Ich fühlte mich von der Musikindustrie erpresst. Musste ich jetzt damit beginnen, Alben meiner Lieblingsbands herunterzuladen? Sollte ich mich nun mit Streamingdiensten und Downloadportalen beschäftigen, meine Sammlung digitalisieren und als Datenhaufen irgendwo in einem Rechner ablegen? Sollte ich in einen streichholzgroßen iPod meine schöne große Musiksammlung pressen und immer mit mir herumschleppen? Und überhaupt: Was sollte mit der Liebe zur Musik passieren, wenn ich sie nicht mehr anfassen, anschauen und von mir aus auch abstauben kann, sondern sie als Bits und Bites in einer Datei ablege? Früher stellte ich für eine Freundin regelmäßig Songsammlungen auf Kassette zusammen, sollte ich ihr jetzt YouTube-Links schicken? Das erschien mir zu unpersönlich, zu kalt. Die Liebe zur Musik war kompliziert geworden, Platte, Verstärker und Boxen – das reichte nicht mehr. Ich brauchte Rechner, Laptop, iPod und Anlage. Und wo ich was gespeichert hatte, ließ sich nicht mehr leicht nach dem Alphabet im Regal sortieren. Es wurde unübersichtlich, ich begann, meine Musik zu verschludern.

Dabei begann die Liebe ganz simpel: In unserem Örtchen verkaufte ein Fachgeschäft, nennen wir es „Elektro-Schneider“, Waschmaschinen, Spülmaschinen, Kaffeemaschinen, Glühbirnen, Stecker, allerlei Elektrokram – und in einer Ecke stand ein Ständer mit Schallplatten. James Last, Udo Jürgens, Volks- und Schlagermusik, so etwas. Und ein paar Rock-Scheiben. Der Inhaber hatte deutlich mehr Ahnung von der Schleuderdrehzahl des neuen Miele- oder AEG-Modells als von guter Musik. Aber ich konnte bei ihm bestellen, was mein Herz begehrte: Led Zeppelin, Deep Purple, Jimi Hendrix, Eric Burdon, Slade, Emerson Lake and Palmer, Doors, Black Sabbath und, ja, ich gebe es ungern zu, auch die süßlichen Barcley James Harvest waren meine ersten Lieblinge.

Wie digitalisiere ich mein Leben?

Nach nur zwei oder drei Wochen war die Platte da. Sie kostete immer 21 Mark. Das bedeutete, dass ich vor einer Bestellung mehrere Wochen sparen musste, bis ich das Geld für die neue Platte hatte. Eine Single schlug mit sechs Mark ins Taschengeld, das wollte gut überlegt sein, dafür kam man auch in den neuen James Bond. Also vergingen vom Kaufwunsch bis zum ersten Auflegen auf meinem Telefunken-Spieler, den ich an ein altes aber wohlkingendes Dampfradio angeschlossen hatte, schon mal vier bis sechs Wochen.

Aber wenn man die Scheibe dann in den Händen hielt, dann war das ein Schatz! Den zeigte man glücklich seinen Freunden. Ganz vorsichtig wurde sie dann aus der Hülle gezupft, abgespielt und anschließend liebvoll in den richtigen Platz der Sammlung geschoben. Wie soll das gehen, wenn ich Musik nur downloade? Wem soll ich stolz davon erzählen? Heute geht das mit einem Klick im Internet. Das ist prima, das geht schnell und ist praktisch. Man kann alles finden, kaufen und haben – sofort. Aber es macht etwas mit der Musik, es macht etwas mit dem Fan. Er hört auf, ein Musiksammler zu sein und wird zum Datenverwalter.

Lachen auf der Schülerparty

Etliche Meter lang zieht sich die Vinyl-Sammlung, die ich immer noch trotzig im Wohnzimmer platziert habe. Diese Reihe kann ich mit dem Finger abfahren, betasten, ansehen. Diese gestapelten Scheiben erzählen auf musikalische Weise das ganze Leben, stellen eine eigene Form der Biografie dar: Die Johnny Winter- Scheibe mit der Macke, weil sie mir bei einer Schülerparty auf die Fliesen fiel, ich hätte heulen können, doch die Mädchen lachten über mein Missgeschick. Die Led Zeppelin II-Scheibe, die ich gebraucht meinem Freund abkaufte für zehn Mark, sein Name steht noch darin. Ich habe ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. „Lamb Lies Down on Broadway“ von Genesis, die ich fast jeden Tag während meiner Monate in Frankreich hörte und mir jede Textzeile von einem englischen Freund erklären ließ. Weil die Songtexte fehlten, lauschte Peter Gabriels Gesang und schrieb jede Zeile des Doppelalbums per Hand mit.

Und so fort. Jedes Lied ist nicht nur einfach ein Lied, sondern französischer Sommer, Wein, Landschaft, Freunde, Liebe, Trauer... Oder Collosseum, Thin Lizzy, Hot Tuna, David Bowie natürlich – alles Orte, Gesichter, Menschen, Gespräche, Gefühle, Gerüche, Farben – ich ziehe ein Cover aus dem Stapel heraus und alles ist da. Ja, auch Supertramp und Pink Floyd, die ich während meiner einsamen Wehrdienstzeit in Ostfriesland so gerne hörte. Deshalb fällt es mir so schwer, die Musik auf meinem Computer zu speichern. Wie digitalisiere ich mein Leben? Was bleibt dann davon noch übrig? Selbst die Stelle, an der zuverlässig die Nadel über die Rille springt, erzählt eine Geschichte.

Meine Freunde tippen sich an die Stirn. Während ich in die Knie gehe, um eine Platte zu suchen, haben sie das gesuchte Stück längst angeklickt. Und sie lästern: Mensch, wie das knistert.

Zu viel gehabtes Leben

Die Musikmußestunden sind seltener geworden. Dafür gibt es viele alltägliche Erklärungen. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es vor allem dies: Manchmal macht es mir Angst. Zu viele Bilder, zu viel gehabtes Leben, zu viel Vergangenheit.

Daher kann ich nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine Platte herausziehen und abspielen, weil es sich manchmal so anfühlt, als würde ich den Tonarm an einem bestimmten Zeitpunkt des Lebenslaufes fallen lassen. Diese Erinnerungen heraufzubeschwören und auszuhalten, ist nicht immer möglich. Das braucht eine Entscheidung, den richtigen Augenblick, eine ruhige Stunde, eine endlose Nacht. Dann aber ist es großartig. Dann bringt es die Seele zum Schwingen. Kann ich das googlen? Kann ich das im Internet kaufen? Ich kann es nicht.