Das Projekt Welcome – Starthilfe in ein Leben mit Baby

Ehrenamtliche helfen Familien, die gerade ein Baby bekommen haben.
Ehrenamtliche helfen Familien, die gerade ein Baby bekommen haben.
Foto: getty
Was wir bereits wissen
Die Organisation „Wellcome“ bringt Familien mit Menschen zusammen, die sie nach der Geburt ehrenamtlich begleiten. Ein Beispiel aus Mülheim und Oberhausen.

Mülheim/ Oberhausen.. Elin wimmert. Ihre großen blauen Augen füllen sich mit Tränen. Bevor sie ihr über die Wangen rollen, zeigt Andrea Fröhlich dem neun Monate alten Baby eine Stoffpuppe – eine Spieluhr. Bei der leisen Melodie und dem lieben Lächeln von Andrea Fröhlich vergisst Elin, warum noch vor Sekunden alles zum Weinen war. Mit ihren winzigen Händen greift sie nach einem Arm der Puppe. „Wenn ich die Kleine sehe, vergesse ich alles um mich herum“, sagt Andrea Fröhlich. Seit Januar passt die 43-Jährige ein-, zweimal in der Woche auf das Baby auf. Damit Elins Mutter endlich mal wieder durchatmen kann.

Andrea Fröhlich arbeitet ehrenamtlich für „Wellcome“. Die Organisation bringt Menschen mit frisch gebackenen Eltern zusammen, um sie bei ihrer neuen Aufgabe zu unterstützen. Elins Mutter erfuhr von dem Projekt in der Krabbelgruppe ihrer Kirche in Oberhausen. Da sah die Leiterin, „wie erschöpft ich war“, sagt Indra Hallmann heute, während Nero in ihr Wohnzimmer in Dümpten trippelt: ein kleiner dunkel-gelockter Bolonka. „Der Hund war vor den Kindern da“, sagt Elins Mutter.

Kita-Streik Indra Hallmann und ihr Mann hatten dreieinhalb Jahre lang versucht, ein Kind zu bekommen. Ihr Wunsch schien sich nicht zu erfüllen. Daher nahmen sie Nero bei sich auf. Und dann wurde Indra Hallmann doch noch schwanger, mit der heute zweijährigen Elise. Wer konnte denn bei dem gemächlichen Start ins Familienleben ahnen, dass sie keine zwei Jahre später gleich ein zweites Kind zur Welt bringen würde? „Anfangs haben beide Kinder nicht geschlafen. Schlief die eine, war die andere wach“, erinnert sich die 39-Jährige an die kraftzehrende Zeit. Ihr Mann hat eine eigene Firma und kommt erst spät nach Hause, ihre Mutter arbeitet ebenfalls, der Rest der Familie wohnt zu weit weg. Was sollte Indra Hallmann tun?

Zwei Stunden mehr Zeit für die Große

Anfangs wollte sie keine Hilfe annehmen. „Ich habe immer gearbeitet. Und wenn Andrea nicht wäre, hätte ich den Kopf unter den Arm genommen.“ Irgendwie musste es ja gehen. Doch wie schön ist es heute, endlich mal wieder Zeit nur für die Große zu haben, die ja selbst noch so klein ist. In den ein, zwei Stunden, die Andrea Fröhlich heute bei Elin ist, nutzt Indra Hallmann die Zeit, um mit Elise zum Kinder-Tanzen zu gehen. „Das ist mit einem Baby auf dem Arm nicht möglich.“

Wie so vieles, das eigentlich selbstverständlich ist, und nach der Geburt zur Herausforderung wird: „Wie es ist, mit einem Säugling zum Friseur oder Zahnarzt zu gehen, das kann sich nur eine Mutter vorstellen“, sagt Indra Hallmann. Da freue man sich schon, wenn man mal in Ruhe duschen könne. Sie rief bei „Wellcome“ an, beantwortete ein paar Fragen. Einige Wochen musste sie sich zwar gedulden. Laut Wellcome ist in der Regel innerhalb von zwei Wochen Hilfe zur Stelle. Aber sowohl in Oberhausen als auch in Essen habe es zu diesem Zeitpunkt keine freien Ehrenamtlichen gegeben. Doch dann stand eines Tages die Wellcome-Betreuerin vor der Tür, zusammen mit Andrea Fröhlich, die auch noch in der Nähe wohnt, einmal über die Stadtgrenze in Mülheim. Die Chemie zwischen den Frauen stimmte sofort.

Unbürokratische Vermittlung

„Ein Babysitter hätte ich nur auf Empfehlung genommen, da hatte ich zu viel Schiss“, sagt Indra Hallmann. Für die Vermittlung zahlt sie freiwillig einen kleinen Beitrag, der aber nicht verpflichtend ist. Andrea Fröhlich musste ein Polizeiliches Führungszeugnis vorweisen und erklären, warum sie dieses Ehrenamt übernehmen will. Insgesamt sei die Vermittlung unbürokratisch gewesen. Bei Fragen helfe ihre Wellcome-Koordinatorin Karen Brinker.

Kita-Streik Bald ist die Wellcome-Zeit – das erste Babyjahr – vorbei. Aber beide Frauen sind sich sicher, dass sie das freundschaftlich geknüpfte Band nicht mehr kappen möchten. „Indra hat mir sofort so viel Vertrauen entgegengebracht“, sagt Andrea Fröhlich, die selbst keinen Nachwuchs, aber gerne Kinder um sich hat. „So habe auch ich etwas davon“, sagt sie auf einer Spieldecke sitzend, während sie Elins Rücken mit einem Kissen stützt. „Für mich ist das so schön, ich gehe da ganz drin auf.“

Informationen zum Projekt

Eltern, die nach der Geburt ihres Kindes die Hilfe von Wellcome-Ehrenamtlichen in Anspruch nehmen möchten, können sich unter www.wellcome-online.de nach dem Ansprechpartner in ihrer Stadt erkundigen. Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, melden sich dort ebenfalls. Christina Jansen koordiniert das Projekt in unserer Region.

Ähnliche Hilfen etwa in Mülheim bieten „Familienstart“ (Caritas), für Alleinerziehende: „Lila Feen“ (Diakonie)

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