Das Leben geht weiter

Ländliche Idylle im Münsterland – wie trügerisch. Foto: Imago
Ländliche Idylle im Münsterland – wie trügerisch. Foto: Imago
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Literatur-Profi Willi Zurbrüggen erzählt anhand von drei Familien deutsche Geschichte und führt zum Stierkampf ins Münsterland, wo sich die kleinen Schicksale mit der großen Katastrophe namens Krieg verweben.

An einem Nachmittag im Jahre 1963 wird die kleine Stadt von einem unerhörten Ereignis erschüttert. Wilde Gesellen brechen „wie ein Heerzug aus dem Waldweg hinter der Mühle hervor“, auch ein paar rotznasige Kinder darunter, Frauen mit ernsten Gesichtern. Auf der kleinen Anhöhe vor dem Ortseingang errichten sie eine Wagenburg und schwärmen aus. Fragen auf den Höfen nach einem alten Bullen oder einem überzähligen Rind: um einen Stierkampf zu veranstalten!

So gewaltig beginnt sie, die Geschichte von „Nordlich“, einer fiktiven Stadt im sehr realen Münsterland, die nicht weit entfernt angesiedelt scheint von der Heimat des Autors. Willi Zurbrüggen wuchs in Borghorst auf, und sechs Jahrzehnte nach seiner Geburt hat er endlich alles aufgeschrieben, was damals geschah, vielleicht in Borghorst, jedenfalls in Nordlich, und ganz sicher in der Provinz, die ja schon immer viel deutscher als die Großstadt war.

Der Erstling eines Literaturprofis

„Nordlich“ ist der Erstling eines Literatur-Profis, der sich bislang als Übersetzer einen Namen gemacht hat. Seit drei Jahrzehnten überträgt der gelernte Bankkaufmann Bücher aus dem Spanischen, und zwar so gut, dass er vielfach ausgezeichnet wurde. Wie Zurbrüggen anhand von drei Familien deutsche Geschichte zwischen 1925 und 1963 erzählt, und das eher beiläufig, weil die Figuren so kraftvoll und ihre Geschichten so stark sind, dass man fast das große Ganze vergessen mag, ist fesselnd, abwechslungsreich, in den besten Momenten packend, weil der Leser sich an Dinge erinnert, die er längst vergessen glaubte.

Hat es nicht auch bei uns in den Fünfzigern ein Kino gegeben, dass „Eden“ hieß? Mit einem Besitzer wie dem Herrn Leitz, dessen Frau Wörita im „weitläufig geschwungenen Kassenhäuschen“ die Karten verkaufte, während Tochter Enna, eine „etwas gedankenverlorene junge Dame mit weizenblond gewelltem Haar“ im „plüschroten Dämmerlicht“ die Plätze anwies? Und haben nicht auch wir damals getuschelt über einen wie diesen Horst Srszprn, ewiger Flüchtling allein schon durch seinen vokallosen Namen?

Das Leben im Kino Eden verträumt

Ihre Schicksale verweben sich mit der großen Katastrophe Krieg, die eine Provinzstadt wie Nordlich eher beiläufig streift und dennoch niemanden unberührt lässt. Aida, das jüngste Kind der 13-köpfigen Vössken-Sippe, Heinzi Stein, der das Leben im Kino Eden verträumt, der Horst mit dem komischen Namen, ein nie geliebter Bankert, der als SS-Mann endlich das Sagen hat und im KZ furchtbare Verbrechen verübt, sie leben Tür an Tür.

Nichts wird gut, aber alles geht irgendwie weiter am Ende des Romans, wo sich alle noch mal wiedertreffen, beim Stierkampf, veranstaltet von den „Zigeunern“. Bauer Weining hat schließlich eine Kuh zur Verfügung gestellt, die schon länger nicht ganz richtig im Kopf ist und sich vielleicht auch deshalb gegen ihr Schicksal auflehnt. Die Dicke Berta ist da doch irgendwie anders als die Menschen in Nordlich, über die große Ereignisse einfach hinweggeschwappt sind, die sich nie wehrten, weil „das fanatische Ungestüm dem Nordlicher Temperament schlicht zuwiderlief“. Ja, so war das wohl, und nicht nur in Nordlich.

  • Willi Zurbrüggen: Nordlich, Edition Büchergilde. 416 Seiten, 22,90 Euro

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