Biologin forscht an Ohrwürmern - solchen mit Flügeln

Forschung auf dem Misthaufen: Die Biologin Julia Deiters beschäftigt sich mit Ohrwürmern, weil diese Insektenart bisher weitgehend unerforscht ist.
Forschung auf dem Misthaufen: Die Biologin Julia Deiters beschäftigt sich mit Ohrwürmern, weil diese Insektenart bisher weitgehend unerforscht ist.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Ohrwürmer als etwas außergewöhnliches Forschungsobjekt: Die Biologin Julia Deiters von der Uni Duisburg-Essen schreibt ihre Doktorarbeit über Ohrenkneifer.

Duisburg/Essen.. Ohrwürmer gelten als unangenehme Begleiter, die man möglichst rasch loswerden will – aber nur schwer los wird. Je mehr man sie aus dem Ohr bekommen will, desto hartnäckiger geistern sie darin herum. Die Biologin Julia Deiters schreibt an der Universtität Duisburg-Essen ihre Doktorarbeit über Ohrwürmer und ist von ihnen fasziniert. Von solchen mit Flügeln.

Frau Deiters, welcher Ohrwurm geistert aktuell durch Ihren Kopf?

Julia Deiters: Mein Ohrwurm heißt Labia minor. Nein, das ist kein Lied, das ist eine Insektenart. Beim Googeln muss man aufpassen, denn Labia minor bezeichnet auch die weiblichen, kleinen Schamlippen. Seit gut zwei Jahren erforsche ich jetzt diese Insektenart für meine Doktorarbeit. Da man über dieses Tier noch nicht viel weiß.

Was wollen Sie denn eigentlich über Ohrwürmer herausfinden?

Julia Deiters: An Ohrwürmern fasziniert mich vor allem, wie sie ihre Flügel falten. Aufgespannt können sie ihre Fläche bis zum Zwanzigfachen vergrößern. Zum Aufspannen verwenden sie gleich drei verschiedene Techniken: Die Flügel werden erst quer-, dann längs-, und schließlich fächerförmig entpackt. Ich kenne kein Insekt, das so wie der Ohrwurm gleich drei verschiedene Klapptechniken verwendet. Die meisten anderen verwenden maximal zwei Falttechniken. Und viele Menschen wissen übrigens gar nicht, dass Ohrwürmer Flügel haben . . .

. . . dabei schwirren einem Ohrwürmer doch auch öfter mal im Kopf herum. Was haben diese Tierchen aber denn nun mit dem menschlichen Ohr zu tun?

Julia Deiters: Es gibt unterschiedliche Theorien. Die Zange am Ende ihres Schwanzes, weshalb sie auch Ohrenkneifer genannt werden, formt sich schon mal zu einem Öhr, wie bei Nähnadeln. Eine andere Theorie: Im Mittelalter wurden die Ohrwürmer eventuell zerstampft und zu Pulver verarbeitet, um damit Ohrenschmerzen zu behandeln.

Und was genau machen Sie mit diesen Tierchen? Wie sieht die Arbeit einer Ohrwurm-Forscherin aus?

Julia Deiters: Manche Tiere musste ich leider auch töten, sonst hätte ich ihre komplizierte Flügelmechanik nicht ausmessen können. Als nächstes will ich die aerodynamischen Flugeigenschaften der Flügel genauer untersuchen. Ist der Ohrwurm erst mal losgeflogen, entwickelt er einen ziemlich gemächlichen, für seine Größe eher langsamen Flug. Andererseits kann er auch sehr flexibel und präzise starten, fliegen und landen. Das sieht richtig klasse aus, ungefähr so wie ein Paraglider. Und manchmal hat er sogar die Eleganz einer Ballerina.

Wie wird man denn Ohrwürmer am besten wieder los?

Julia Deiters: Sie leben gerne unter Blumentöpfen oder in der Erde. Ich untersuche Ohrwürmer, die auf Misthaufen leben. Manchmal fressen sie auch Früchte an, aber eigentlich sind Ohrwürmer im Garten sehr nützlich: Sie fressen nämlich Blattläuse.

Wieso eigentlich müssen Ohrwürmer überhaupt fliegen?

Julia Deiters: Wann sie fliegen, weiß man nicht genau. Vor allem weiß man nicht, wozu sie fliegen. Beobachtet wurde, dass sie etwa im Sommer kurz vor Gewittern fliegen, wenn die Luft feucht und schwül ist. Vielleicht, um neues Territorium zu erkundigen. Ihr Mechanismus, um zu fliegen, ist jedenfalls sehr aufwändig: Schuppen anheben, Flügel schütteln, Flügelhaut ausstreifen, Versteifungsgelenke einrasten, losspringen, fliegen. Bis zu eineinhalb Minuten kann der Startvorgang dauern, vielleicht ist der Ohrwurm daher so flugfaul.

Um zum Anfang zurückzukehren: Haben Sie denn auch mal andere Ohrwürmer im Kopf?

Julia Deiters: Mir geistern mindestens fünf Lieder täglich im Kopf herum. Gestern zum Beispiel waren es Karnevalslieder. Das sind dann Ohrwürmer, die mich wirklich nerven.