Bildung als Tauschware - in Duisburg ist das möglich

Die Ideen-Geber: Christine Bleks und Mustafa Tazeoğlu bieten Bildungspaten Platz in einer WG.
Die Ideen-Geber: Christine Bleks und Mustafa Tazeoğlu bieten Bildungspaten Platz in einer WG.
Foto: Jakob Studnar
Was wir bereits wissen
Junge Menschen können kostenlos in Duisburg-Marxloh wohnen, wenn sie Kindern helfen - bei den Hausaufgaben, beim Deutsch-Lernen oder beim Musizieren.

Lautes Kinderlachen dröhnt aus den hinteren Zimmern. Im Foyer des alten Gemeindehauses läuft Christine Bleks nervös auf und ab, das Handy hält sie ans Ohr. Sie spricht schnell und bestimmt. Eine Mutter schafft es nicht, ihr Kind vorbeizubringen. „Es kommt gleich jemand und holt ihre Tochter ab“, verspricht sie und legt auf. Dann schickt sie jemanden los. Organisieren. Organisieren. Organisieren. Das bestimmt derzeit den Alltag der 34-Jährigen.

An diesem Samstag wirkt alles noch etwas hektisch An der Paulskirche 9 im Duisburger Stadtteil Marxloh. Das Projekt, an dem Christine Bleks zusammen mit Mustafa Tazeoğlu (32) mehr als fünf Jahre gearbeitet hat, ist nun in der heißen Phase. „Tausche Bildung für Wohnen“, heißt es und soll Kindern helfen, „die ansonsten immer zu kurz kommen“, wie es Tazeoğlu ausdrückt.

Die Idee ist so genial wie simpel. Der Verein, den Bleks und Tazeoğlu 2011 gegründet haben, lässt junge Menschen kostenlos in Marxloh wohnen. Im Gegenzug verpflichten sich die sogenannten Bildungspaten, mit benachteiligten Kindern zu arbeiten. Sie helfen ihnen bei den Hausaufgaben oder unterstützen sie beim Deutsch-Lernen. Junge Menschen, die etwa im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes oder eines Freiwilligen Sozialen Jahres an dem Projekt teilnehmen, arbeiten 40 Stunden in der Woche, die Teilzeitpaten weniger. Zwischen sechs und 18 Monaten sind sie dabei.

An der Realität messen

Schon im Vorfeld ist die Idee mit Preisen überhäuft worden, wodurch sie eine Anschubfinanzierung bekam. Jetzt muss sie sich an der Realität messen.

Marxloh gehört zu Duisburgs Schmuddelecken. Viele Fassaden sind heruntergekommen. Die Arbeitslosenquote ist hoch. Es gibt wilde Müllkippen und verdreckte Parks. Mehr als 60 Prozent der rund 18 000 Einwohner haben ausländische Wurzeln, die meisten kommen aus der Türkei. Viele Deutsche, die es sich leisten konnten, sind weggezogen. Zurückgeblieben sind die, deren soziale Probleme oftmals größer sind als die der Migranten. Christine Bleks und Mustafa Tazeoğlu glauben, dass ihr Projekt daran etwas ändern kann.

Stadt ist das, was die Menschen daraus machen

Der Schlüssel sind die Bildungspaten: Eine von insgesamt sechs, die in den zwei Dreier-Wohngemeinschaften leben, die der Verein vor einigen Monaten gekauft hat, ist Lena Wiewell. Die 29-Jährige hat Architektur in Lübeck studiert. „Als ich auf das Projekt stieß, dachte ich mir: ,Cool, da gibt es Leute, die denken wie ich.’“ Dass ihre Freunde sie warnten – „zieh bloß nicht nach Marxloh“ –, das störte sie nicht. „Stadt ist immer das, was die Menschen daraus machen“, so die Architektin.

Und hier setzt „Tausche Bildung für Wohnen“ an. „Die Qualität der Bildung darf nicht vom Wohnort abhängen“, so Bleks. Aus dem Wissen, das die Studenten mitbringen, haben sie eine Tauschware gemacht. Wer studiert, der sucht in der Regel günstigen Wohnraum. Diesen gibt es in Marxloh. „Das perfekte Tauschgeschäft“, so Tazeoğlu, weil es mehrere Probleme löst und ein Vorbild für andere Problembezirke sein kann. So soll das Projekt das Bildungsniveau der Kinder verbessern, den Wohnungsleerstand bekämpfen und Menschen nach Marxloh locken.

Den Stadtteil nach vorne bringen

Das Konzept scheint aufzugehen. Neben sechs Vollzeitpaten haben sich noch drei Studenten gemeldet, die das Projekt ebenfalls unterstützen. Zu ihnen gehört der 25-jährige Imad Soliman. Von Aachen ist er nach Marxloh gezogen – umsonst wohnt er allerdings nicht. Eine günstige Wohnung fand er aber schnell. „Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich zu meiner Schwester nach Düsseldorf ziehe.“ Dass er nach Marxloh ging, bereut der Elektrotechnik-Student bislang nicht. Und Menschen wie ihn, davon wollen die beiden Initiatoren noch mehr nach Marxloh holen – mit der Hoffnung, dass der Stadtteil erblüht.