Bei diesen alten Tankstellen gibt es alles außer Benzin

Die blau-weißen Fähnchen wirken wie ein Zirkuszelt. In der „Manege“ steht die alte Tankstelle an der Friedrich-Ebert-Straße in Duisburg-Rheinhausen. Heute wird hier mit Autos gehandelt.
Die blau-weißen Fähnchen wirken wie ein Zirkuszelt. In der „Manege“ steht die alte Tankstelle an der Friedrich-Ebert-Straße in Duisburg-Rheinhausen. Heute wird hier mit Autos gehandelt.
Foto: JOACHIM GIES
Was wir bereits wissen
Joachim Gies fotografiert alte Tankstellen, die heute kein Benzin mehr anbieten, dafür Currywurst, eine neue Frisur oder die Zwiesprache mit Gott.

Dortmund.. Kann man sich eigentlich auf gar nichts mehr verlassen? Wusste man sonst nicht, worüber man sich aufregen sollte, genügte ein Blick auf die Preistafel der nächsten Tankstelle – und schon war der Ärger da. Doch in Zeiten niedriger Benzinpreise fühlt man sich an der Zapfsäule geradezu beschenkt. Unabhängig von den Preisen gibt es einen, der die Tankstationen generell mit einem liebevollen Blick betrachtet, wie kaum ein zweiter – Joachim Gies. Allerdings unter einer Bedingung: An der Tankstelle wird nicht mehr gezapft.

Der 29-Jährige hat für die Abschlussarbeit seines Fotografie-Studiums an der Fachhochschule in Dortmund Tankstellen abgelichtet, die heute kein Benzin mehr bieten, sondern Currywurst, eine neue Frisur oder Zwiesprache mit Gott – in der ehemaligen Autobahntankstelle in Hamm-Rhynern. Rund 13.000 Kilometer ist er dafür durch Nordrhein-Westfalen gefahren mit seinem 16 Jahre alten Toyota. Nahezu 300 Tankstellen hat er fotografiert, vornehmlich im Ruhrgebiet, im Bergischen, Rhein- und Sauerland. In seinem Bildband „Abgetankt“ zeigt er nun 61 der Aufnahmen.

Die Idee für das originelle Projekt kam ihm nach einem Seminar zum Thema „Strukturwandel im Ruhrgebiet“. Danach fuhr er aufmerksamer durch die Region und entdeckte im Dortmunder Kaiserviertel eine leerstehende Tankstelle. Fortan trieb ihn eine Frage an: Was passiert mit den alten Gebäuden?

Mit der Zahl der Zapfsäulen stieg der Wohlstand

Hatte er erst einmal seinen Blick geschärft, fielen ihm immer mehr Pilz-Dächer auf, unter denen die Menschen einst mit ihrem Auto vorfuhren. „Ich habe die kuriosesten Sachen entdeckt“, schwärmt Gies. Und mit jedem neuen Fund wuchs das Interesse an der Geschichte der Tankstelle:

Der Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg brachte nämlich nicht nur den Wagen zu den Menschen. Auch ein VW-Käfer rollt und rollt und rollt nur, wenn er verlässlich Benzin nachtankt. Somit bescherte das deutsche Wirtschaftswunder den Tankstellen einen Boom. „Der Bau der großstädtisch anmutenden Tankstellen wurde auf den Dörfern mit Einweihungsfesten gefeiert, an denen auch die örtlichen Honoratioren und die Presse teilnahmen“, erinnert Joachim Kleinmanns in seinem Buch „Super, voll! – Kleine Kulturgeschichte der Tankstelle“, und fügt hinzu: „In katholischen Gegenden war es nicht unüblich, dass der Pfarrer den Neubau mit Weihwasser einsegnete.“

Hell erleuchtet versprachen die Tankstellen eine bessere Zukunft, mit der Zahl der Zapfsäulen stieg der Wohlstand. Das „deutsche Tankstellenwunder“ bezeichneten die Menschen Anfang der 50er eine Zapfsäule, deren Pumpe von einem Elektromotor getrieben wurde. „Liter- und Preisziffern, die über ein Zahnräderwerk übertragen wurden, liefen automatisch mit und wurden, wie das Armaturenbrett eines Luxuswagens, indirekt beleuchtet“, schreibt Bernd Polster in seinem Buch „Super oder normal: Tankstellen – Geschichten eines modernen Mythos“. Die Zapfsäulen „waren so faszinierend, wie die Staubsauger und Waschmaschinen, an deren Mechanismus man sich nicht sattsehen konnte.“

Wohn- statt Tankhäuschen

Schon an der Architektur der Tankstellen konnten die Menschen damals ablesen, welche Firma dahinter stand: „Die genormten Bautypen der großen Marken kannte bald jeder“, so Polster. „Zum Beispiel Essos weiß geflieste Anbauschränke, Shells Glaskioske und Arals bodenständige ,Tankwartshäuser’, die . . . mit schwarzer Dachpappe gedeckt waren.“ Viele der ehemaligen Tankstellen mit ihren markanten Tribünen- oder Pilzdächern, die Joachim Gies fotografiert hat, stammen aus dieser Zeit, in der Umwelt- und Klimaschutz noch Fremdworte waren – den 50er- und 60er-Jahren.

Ende der 60er gab es in Westdeutschland so viele Tankstationen wie nie zuvor: 47.000. Dann kam die Ölkrise. „Das große Tankstellen-Sterben begann“, sagt Gies. „Heute gibt es nur noch 14.000.“ Größere Stationen stiegen auf Selbstbedienung um. Die kleinen mit Tankwart konnten da nicht mithalten. „Ende der 70er kamen Umweltauflagen hinzu“, sagt der freie Fotograf. „Damit kein Öl ins Grundwasser sickerte, mussten die Plattformen erneuert werden. Das konnten sich kleine Tankstellen nicht leisten.“ Ebenso wenig wie den Shop, der heute selbstverständlich dazugehört.

Die Tankstellen wurden abgerissen. Oder sie fanden neue Besitzer und Bestimmungen: In den meisten alten Stationen bieten heute Kfz-Werkstätten oder Auto-Händler ihre Dienste an. Aber auch einen Farben-Verkauf in Brilon und ein Reisebüro in Dürscheid hat Gies gefunden. Sowie Tankstellen, in denen Menschen wohnen. Wie das Bild auf dem Titel seines Buches zeigt: In der Tankstelle mit neuen Fenstern lebt heute die Tochter der früheren Besitzer. Der Straßenverkehr wurde einst umgeleitet und damit auch der Kundenstrom. Das Tankhäuschen verwandelte sich in ein Wohnhäuschen.

So fand Joachim Gies die alten Tankstellen

Zunächst hat Gies Freunde gefragt, ob sie Tankstellen kennen, die keine mehr sind. „Du hast sie doch nicht alle“, sagten manche scherzhaft. „Die sind alle abgerissen.“ Später gaben einige zu, dass sie täglich an einer anders genutzten Tankstation vorbeigefahren sind. Sie hatten sie nur nicht als solche erkannt.

Gies versuchte sein Glück bei historischen Stadt-Archiven. Vergeblich. Dann fuhr er mit seinen Augen die fotografierten Straßen im Internet ab: Doch die Bilder von 2008 bei Google Earth sind zu alt. Mehrmals fuhr Gies zu Tankstellen hin, und weg. Denn in den fünf Jahren waren viele von ihnen, die die Google-Fotos zeigten, schon dem Erdboden gleichgemacht worden.

Beispiele für erfolgreichen Strukturwandel

Gies bekam den Tipp, sich doch direkt an die Städte zu wenden. Auf seine 20 Mails bekam er eine Antwort. „Ruf an“, empfahl ihm sein Mentor, der Fotograf Jörg Sarbach. So kam er weiter: Denkmalschutzbehörden, Bauämter, Pressestellen, Ordnungsämter gaben ihm Auskunft. „Ich habe drei Monate lang jeden Morgen von 9 bis 12 Uhr telefoniert.“ Und seine Liste an Tankstellen wurde lang und länger.

Erst machte er Probeaufnahmen, dann fuhr er noch mal zu den spannendsten Tanken, um bei perfektem Licht zu fotografieren. Jeden Tag – „außer an Weihnachten und Silvester“ – nur eine Tankstelle. Denn: „Es wird nur einmal am Tag dunkel.“ Und in der Dämmerung, in der so genannten „Blauen Stunde“, die gar keine Stunde, sondern nur Minuten lang ist, konnte er mit einer Belichtungszeit von sechs bis zehn Sekunden das Foto machen, das er haben wollte: Die Tankstelle hell erleuchtet, aber auch der Vorplatz und sogar die Tür des Nachbarhauses. Und selbst das Innere ist gut zu erkennen. Wie bei der Tankstelle in Remscheid, deren Besitzerin einst dort arbeitete und das Verkaufshäuschen heute als Wintergarten nutzt. Durch dessen Scheibe sieht man Werner – ein Graupapagei auf seiner Stange.

So stand Gies im letzten Winter Tag für Tag mit seiner digitalen Spiegelreflexkamera, den speziellen Architektur-Objektiven und seinem zwei Meter hohen Stativ vor den Tankstellen, während das Thermometer schon mal auf Minus 5 Grad sank. Mindestens zwei Stunden lang bereitete er den perfekten Schuss vor. In der Zeit war er dankbar für jeden Tankstellen-Besitzer, der ihm Kaffee als Frostschutzmittel brachte. Aber die Mühe hat sich gelohnt. Für seine Bachelor-Arbeit bekam Joachim Gies ein „Sehr gut“.

Das ist für ihn jedoch nicht die Ausfahrt aus seinem Projekt. „Ich finde die Architektur unglaublich spannend, die so individuell und ästhetisch ist.“ Gies will mit den Fotos Beispiele für erfolgreichen Strukturwandel zeigen: „Die alten Tankstellen muss man doch nicht abreißen, die kann man auch anders nutzen.“ Zu oft wollte er Tankstellen fotografieren, die kurz zuvor noch da waren – und einem Neubau weichen mussten. Ein Rennen gegen die Zeit. „In meinem Buch sind vier Tankstellen zu sehen, die bereits abgerissen sind. Das hat mich noch mehr darin bestärkt, weiterzumachen.“

Eine alte Tankstelle verwandelt sich in einen Friseursalon

Früher fielen an dieser Stelle Schrauben, heute sind es Haare: „Die Tanke“ in Halver im Sauerland war einst Tankstelle und Werkstatt, nun ist sie ein Friseursalon. Aber nicht nur das: Sie ist zugleich Galerie für Gemälde und Fotos. Und wenn am Abend die Föne stillstehen, verwandelt sich der Friseurladen in eine Kleinkunstbühne für Musik und Lesungen. Zuletzt wurde zum Poetry-Slam geladen.

Der Kopf der Friseur-Tanke ist Martina Asbeck. Vor dreieinhalb Jahren hat sie ihren alten Laden gegen die Tanke getauscht. „Das war mein großer Traum.“ Eigentlich hätte der 43-Jährigen bereits als Kind die Tankstelle auffallen müssen, die vor 25 Jahren schloss. Aber erst als Friseurmeisterin machte es „Klick“. Sie fuhr mal wieder zufällig vorbei und dachte: „Das wäre es! Das ist nicht so spießig. Ich habe angehalten und durchs Fenster geschaut. Der schöne Holzboden war damals schon da.“ Lächelnd klopft sie mit ihren Absätzen auf den Boden.

Zuletzt gehörte die Tankstelle dem Maler und Bildhauer Marek Tomicki, der bereits zu Veranstaltungen einlud. Als er sein Atelier aus gesundheitlichen Gründen aufgab, versprach ihm Martina Asbeck, sein kleines Kulturzentrum fortzuführen. Freunde fragten, ob sie das wirklich machen will, sie müsse doch bestimmt viel renovieren. Aber sie wollte!

„Die alte Tankstelle hat einfach Charme“

„Neukunden sind immer überrascht, weil die alte Tankstelle einfach Charme hat“, sagt Martina Asbeck. Zum Einzug schenkte ihr die Familie eine weiß-glänzende Zapfsäule. „Schwelmer Eisenwerk Müller & Co. GmbH“ ist darauf zu lesen. Wer die Tür öffnet, kann das Datum der letzten Prüfung sehen: 26.9.66.

„Rauchen verboten“ steht auf der Zapfsäule. Wenn Asbecks Kunden sich trotzdem mal eine Zigarette anzünden möchten, freuen sie sich draußen über das riesige Pilzdach, das nur von einer Säule getragen wird und im Winter vor Schnee, im Sommer vor Sonne schützt. Wo einst auf dem Vorplatz Beton war, wachsen heute Gras und Blumen.

Man muss schon ordentlich schnüffeln, um noch etwas Tankstellen-Luft zu schnuppern: „Im Schuppen riecht es noch nach Benzin“, sagt Martina Asbeck und führt ums Haus herum. Richtig, wer seine Nase reinsteckt, nimmt nicht nur den Duft von Holz wahr, das dort für den Salon-Ofen gestapelt wird, sondern auch den für Tankstellen typischen, leicht beißenden Geruch.

Wo heute die Kasse steht, war auch früher das Kassenhäuschen. „Da kam der Tankwart rausgestürmt, der Ihnen die Windschutzscheibe geputzt hat“, sagt Martina Asbeck und fügt mit etwas Wehmut in der Stimme hinzu: „Schade eigentlich, wer tankt denn gerne in dieser Kälte? Wäre doch schön, dabei im Auto sitzen bleiben zu können.“

Die Suche nach alten Tankstellen geht weiter

Joachim Gies bietet den Bildband „Abgetankt“ (42,8 x 28,5 cm) nun im Eigenverlag an: 134 S., 61 Fotos, 98 €. Er plant noch eine kleinere, günstigere Ausgabe. Bestellung über: www.abgetankt.de

Ausstellung im Haus der Architekten, Zollhof 1 in Düsseldorf: vom 4. März bis 24. April 2015.

Mit dem Buch ist noch lange nicht Schluss: Joachim Gies sucht weitere Tankstellen aus ganz Deutschland, die heute anders genutzt werden oder brachliegen. Wer eine kennt, meldet sich bitte per Mail: info@abgetankt.de